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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 10.08.2013

Wegducken geht nicht mehr

Die Erkenntnisse über das staatliche geförderte Doping in Westdeutschland müssen Folgen haben

Von Thomas Wheeler

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Gespritzt wurde auch in Westdeutschland. (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)
Gespritzt wurde auch in Westdeutschland. (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)

Nach den jetzt bekannt gewordenen Studien-Ergebnissen zur westdeutschen Dopingpraxis kann keiner mehr sagen, er hätte nichts gewusst. Sportler, Funktionäre, Politiker, Journalisten und auch die Fans müssen umdenken. Vor allem aber braucht es ein Anti-Doping-Gesetz, meint Thomas Wheeler.

Hätte nicht die "Süddeutsche" über diese brisante Studie berichtet, niemand hätte sich darüber aufgeregt. Wäre zu nachtschlafender Zeit eine wunderbare Fernsehdokumentation über Doping in Westdeutschland gelaufen, alles wäre beim Alten geblieben. Vieles, was jetzt in der Untersuchung der Berliner Humboldt-Uni und der Westfälischen Wilhelms Universität Münster steht, ist kein Geheimnis. Seit Jahrzehnten legen Dopingexperten und Journalisten den Finger in diese Wunde. Nur mit dem Unterschied, dass deren Meinung und Expertisen damals noch nicht mainstreamfähig waren, und sie öffentlich angefeindet wurden und sich sogar vor Gericht verantworten mussten. Die Studie, die jetzt vorliegt, zwingt durch ihre Komplexität und Klarheit Sportfunktionäre und Politiker zum Handeln. Wegducken geht nicht mehr.

Wenn nun aber erneut Regierungs- und Oppositionspolitiker behaupten, dass sie noch nie etwas davon gehört hätten, dass auch in der Bonner Republik gedopt wurde, ist das verlogen. Denn die Besserwisser unter den Sozialdemokraten sollten sich daran erinnern, dass sie es waren, die gemeinsam mit den Liberalen in den Siebziger Jahren regierten, als die Dopingforschung in der BRD massiv ausgebaut wurde.

Spätestens zwanzig Jahre danach, als Rot-Grün an der Regierung war, hätte die Aufarbeitung stattfinden müssen. Zumal der Sportausschuss des Bundestages jahrelang vom SPD-Mann Peter Danckert geführt wurde. Jetzt taucht er wieder auf und sieht auf einmal keinen großen Unterschied mehr zwischen den Dopingsystemen in Ost und West. Vergangenheitsbewältigung sieht anders aus.

Danckert ist keine Ausnahme, auch die heutigen Regierungsparteien gehen auf Tauchstation. Zwar wird Bundesinnenminister Friedrich am 29. August vor dem Sportausschuss Stellung zur Studie nehmen. Aber was soll dabei schon herauskommen, wo doch Friedrich und DOSB-Präsident Thomas Bach bisher immer ein Anti-Doping-Gesetz ablehnten. Die Chance, dass jetzt endlich mit einer ernsthaften und ehrlichen Aufarbeitung begonnen wird, ist mit diesem Innenminister gering.

Damit an dieser Stelle kein Missverständnis entsteht, trotz Verfehlungen: In der Bundesrepublik gab es kein systematisches Doping wie in der DDR.

Es gab keinen Staatsplan 14.25, der ab 1974 Doping im DDR-Spitzensport, auch bei Kindern legalisierte. Was es gab: Doping à la BRD - eine mit Steuern finanzierte Forschung, vor allem an der Uni Freiburg, lieferte die Voraussetzungen, um zu manipulieren. Aber die westdeutschen Athleten hatten die Chance, Nein zu sagen. Anders als ihre Kolleginnen und Kollegen in der Deutschen Demokratischen Republik.

Wer heute sagt, damals seien alle gedopt gewesen, sagt schlicht und einfach die Unwahrheit. Ein Generalverdacht nützt niemandem und ist unfair gegenüber den Sportlern.

Was wir jetzt endlich brauchen, sind klare Regeln - ein Anti-Doping-Gesetz.

Aber nicht nur Politiker, Sportfunktionäre und Athleten sind gefordert. Auch wir Sportfans und Journalisten, die ständig Höchstleistungen erwarten, tragen eine Mitverantwortung. Wenn wir dopingfreien Sport sehen wollen, dann müssen wir uns auch die Frage beantworten: Können wir damit leben, wenn unsere Athleten bei Welt- und Europameisterschaften ohne Spritze nicht mehr Spitze sind? Jammert dann wirklich niemand, wenn unsere Sportnation drogenfrei auf Platz 17 des Medaillenspiegels landet?

Frage an die Sportverbände: Wie wäre es mal mit einer Prämie für saubere Athleten? Weg von Leistungsnormen, die geradezu nach Doping schreien.

Aber auch wir, die Öffentlich-Rechtlichen, müssen umdenken. Was passiert, wenn bei der heute beginnenden Leichtathletik-WM in Moskau wieder Dopingsünder enttarnt werden? Künftig keine Übertragungen mehr bei ARD und ZDF? Das muss die Norm sein. Auch wenn's wehtut.

Wenn wir diese Diskussion jetzt wirklich zu Ende bringen wollen, dann müssen alle mitmachen: die Politiker, Sportfunktionäre, Athleten und die Medien. Dann reden wir aber nicht mehr nur über gedopte Sprinter, sondern auch über gedopte Spitzenfußballer. Über Anforderungen der Leistungsgesellschaft, über das Wir, über Fairness und Transparenz. Nach Jahrzehnten der Selbsttäuschung, des Selbstbetrugs, der Tatsache, dass Sportler massiv unter Druck gesetzt wurden, ist jetzt endlich die Chance zu einem grundlegenden Neuanfang da. Wenn wir jetzt, wo die Studie vorliegt, nicht Konsequenzen ziehen, dann sollten wir ehrlich sein. Uns die nächsten Welt- und Europameisterschaften anschauen und einfach schweigen.


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