Wayétu Moore: "Sie wäre König"

Mit Superkräften für die Freiheit

06:27 Minuten
Das Cover von "Sie wird König" von Wayétu Moore
© akono Verlag

Wayétu Moore

Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Brückner

"Sie wäre König"Akono Verlag, Leipzig 2021

440 Seiten

24 Euro

Von Lara Sielmann · 29.11.2021
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Drei junge Menschen mit übernatürlichen Eigenschaften finden zusammen, um gegen Unterdrückung und Sklaverei zu kämpfen. Wayétu Moore erzählt in ihrem Debütroman mit Elementen des magischen Realismus von der Geburt Liberias.
Nach langen heißen Tagen in der Trockenheit Westafrikas trifft Gbessa, das als Hexe aus ihrem Dorf verstoßene Vai-Mädchen mit den roten Haaren, auf eine Schlange. Die kann sie zunächst abschütteln, um dann doch von ihr gebissen zu werden.
Während das tödliche Gift sich ausbreitet, weiß Gbessa bereits, dass sie überleben wird – denn sie ist unsterblich. „Zu guter Letzt aber würde sie wieder erwachen (…) sie rieb sich die Wunde, wusste aber (...), dass dieses Gift für immer eins mit ihr bleiben würde.“
Mit dieser symbolträchtigen Szene eröffnet die liberianisch-amerikanische Autorin Wayétu Moore ihren Debütroman "Sie wäre König".

Liberia als Ort für befreite Sklaven

Sie erzählt von drei jungen Schwarzen Menschen mit übernatürlichen Begabungen Mitte des 19. Jahrhunderts, die ihre Kräfte gegen Unterdrückung und Versklavung einsetzen und von einem Staat, der den Freigelassenen Schutz und Hoffnung geben soll: Liberia in Westafrika.
Als historischer Ausgangspunkt des Romans dient die Installierung Liberias als Ort für befreite Versklavte aus den USA, die maßgeblich auf die Bestrebungen der American Colonization Society zurückgeht. Durch die Zurückführung der Afrikaner aus Amerika nach dem Verbot der Sklaverei wollte die Vereinigung sichergehen, dass keine befreiten Schwarzen Menschen in Amerika lebten, die das weiße Miteinander gefährdeten.

Unverletzt nach einem Kugelhagel

Auf ihrer Reise begegnet Gbessa zwei weiteren Menschen, die so wie sie besondere Eigenschaften haben: June Dey und Norman Aragon. Dey ist das Kind eines verschleppten stummen Mannes und einer Geistermutter, die als versklavte Frau auf einer Farm in Virginia arbeitete und bereits vor ihrem gewalttätigen Tod durch einen Aufseher für ihre Umgebung unsichtbar war. Nach einer Auseinandersetzung mit den Handlangern des Plantagenbesitzers flieht June Dey im Kugelhagel und fühlt sich wie neugeboren, als er unverletzt bleibt.
Unbeabsichtigt landet er an der Küste Westafrikas. Dort trifft er auf Norman Aragon, der sich unsichtbar machen kann. Auf diese Weise konnte er als blinder Passagier aus Jamaica nach Afrika reisen. Sein Vater, ein Forscher aus Großbritannien, hatte seine Mutter erschossen, die als Hausmädchen bei ihm arbeitete und an der er sich mehrfach sexuell vergangen hatte.
Über Umwege finden Gbessa, June Dey und Norman Aragon zusammen. Sie trennen sich jedoch wieder, um schließlich in Liberia wieder zusammenzukommen. Dort fügen sie ihre Kräfte zusammen.

Der brüchige Freiheitsbegriff des Westens

Wayétu Moore ist mit ihrem Debütroman, der in den USA bereits 2018 erschienen ist, ein komplexes Werk über Versklavung gelungen. Sie führt vor Augen, wie brüchig und diabolisch der westliche Freiheitsbegriff ist, wie strukturell verankert die Narben der Versklavung sich in dem unabhängig gebenden Liberia sind, und gibt zugleich Menschen eine Stimme, von denen man hier zu selten liest.
Erschienen ist dieser Roman in dem noch ganz jungen Leipziger Akono Verlag für zeitgenössische Literatur aus afrikanischen Ländern, der mit diesem Profil helfen könnte, eine Lücke in der deutschsprachigen Literaturlandschaft zu schließen.
Verwunderlich ist, dass der Verlag zumindest bei Übersetzungsfragen aktuelle Diskurse um rassismussensible Sprache übergeht und auch nicht erwähnt. So wird zum Beispiel konsequent und kommentarlos das Wort „Negro“ aus dem englischen Original mit dem ausgeschriebenen N-Wort übersetzt - ein diskriminierender Begriff, gegen den sich viele Menschen positionieren wie auch die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland.
 
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