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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 09.09.2014

WasserverbrauchMalta muss umdenken

Malteser haben den richtigen Umgang mit Wasser verlernt

Von Jan-Christoph Kitzler

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Malta: Blick auf die Hauptstadt Valletta mit der St. Paul's Kathedrale (Aufnahme vom 27.3.2004). ( dpa / Lehtikuva Wennström)
Malta: Blick auf die Hauptstadt Valletta ( dpa / Lehtikuva Wennström)

Schon die Malteserritter erließen strenge Regeln für den Umgang mit der knappen Ressource Wasser. Aber vieles davon ist auf Malta in Vergessenheit geraten.

Wenn man vor Maltas Parlament mitten in Valletta steht, dann sollte man meinen, es gäbe kein Problem. Wasserspiele, sind die Attraktion auf diesem Platz – Fontänen schießen unterschiedlich hoch aus dem Boden, abends mit farbiger Beleuchtung, hin und wieder rhythmisch zur Musik.

"Das Klima von Malta ist seit 6000 Jahren mehr oder weniger das gleich wie heute. Wir haben die Situation, dass die Temperatur im Sommer sehr hoch ist, manchmal erreichen wir 40 Grad. Und was das Wasser angeht, haben wir einen besonders trockenen Sommer. Wir bekommen all unseren Regen im Winter innerhalb von vier bis fünf Monaten und sehr wenig im Rest des Jahres."

Der Hydrologe Marco Cremona kennt die Lage rund ums Wasser in Malta, aktuell und historisch. Schon weit mehr als 3000 Jahre vor Christus bauten die Menschen in Malta neben die ersten Tempel auch Anlagen zum Sammeln von Wasser. Der schonende Umgang mit dem knappen Gut ist über Jahrtausende ein fester Bestandteil der maltesischen Geschichte gewesen. Als die Malteser-Ritter Ende des 16. Jahrhunderts Valletta bauten, die heutige Hauptstadt, erließen sie entsprechend strenge Gesetze für den Umgang mit Wasser auch im Falle einer Belagerung: innerhalb der Stadtmauern sollte es keine Gärten geben, denn Pflanzen brauchen Wasser – und jedes Haus sollte eine Zisterne haben. Theoretisch ist es bis heute Vorschrift, dass zu jedem neu gebauten Haus eine Zisterne gehört. Aber in der Praxis wird das oft nicht kontrolliert. Und die Bauherren scheuen die zusätzlichen Kosten.

"Wir hatten großes Bewusstsein dafür. In der Geschichte Maltas seit prähistorischen Zeiten bis vor ungefähr 50 Jahren waren wir wahrscheinlich führend in der Welt, was den Umgang mit Wasser angeht, weil es immer dieses Problem gab. Die Bevölkerung musste innovativ sein, um, trotz der schwierigen Bedingungen, zurecht zu kommen."

Aber dieses Bewusstsein, so Marco Cremona, der Hydrologe, ist im heutigen Malta verloren gegangen.

Es scheint kein Problem mit Wasser zu geben

Auch weil das Wasser vor dem Parlament so selbstverständlich rauscht, auch weil es für die rund 420.000 Menschen, die hier wohnen, und für die 1,5 Millionen Touristen, die jedes Jahr in den kleinsten EU-Staat kommen, offensichtlich kein Problem mehr gibt. Steven Zerafa, Pressesprecher der staatlichen Malta Water ServicesCooperation, die die Inseln mit Wasser versorgt, bringt auf den Punkt, wie die Menschen in Malta heutzutage das Thema Wasser erleben:

"Man öffnet den Hahn und das Wasser ist da, rund um die Uhr. Es gibt keine Krise. Als Kunde zahlt man für sein Wasser, das Wasser ist nicht billig hier, und man bekommt sein Wasser. Das ist alles, unser Job ist dann erledigt. Wir tun unsere Pflicht, es gibt keine Krise."

Und das liegt zum Beispiel an der Entsalzungsanlage, die die Malta Water Services Cooperation in der Nähe des Örtchens Pembroke, nördlich von Valletta, betreibt. Hier werden im Sommer über 35.000 Kubikmeter Meerwasser am Tag entsalzt, zur Zeit sind es etwa 25.000 Kubikmeter. Billig ist das nicht: Jeden Tag verbraucht die Anlage zur Zeit rund 100.000 Kilowattstunden Strom.

Der Komplex steht direkt am Meer, wie an einer Perlenkette aufgezogen sieht man kleine Häuschen entlang der Küste, die Brunnenhäuschen. Aus 30 bis 60 Metern Tiefe wird hier viel Meerwasser nach oben geholt. Von großen Tanks aus fließt das Wasser in dicken Rohren in Hallen, wo die Entsalzung geschieht.

"Das ist das obere Reservoir. Hier kommt das Meerwasser hinein. Und wir haben diese Pumpen, die das Wasser aus dem Reservoir für die weitere Behandlung pumpen. Man sieht Glasfaser-Rohre für niedrigen Druck, denn Glasfaser korrodiert nicht. Und dann die Qualitätsstahlrohre für den hohen Druck und gegen die Korrosion."

David Sacco, der als Ingenieur hier die Verantwortung trägt, erklärt, wie das funktioniert. Dabei entsteht Trinkwasser für die Verbraucher und konzentrierte Salzlösung, die wieder zurück ins Meer geleitet wird. Seit den 80er Jahren setzt Malta in großem Stil auf Entsalzung. Fünf Anlagen wurden gebaut, zeitweise waren das die größten der Welt. Zur Zeit sind drei Entsalzungsanlagen in Betrieb, deren Leistung in den vergangenen Jahren immer weiter gesteigert wurde.

Man glaubt an eine technische Lösung des Problems

Seit es die Entsalzungsanlagen gibt, glauben die Ingenieure hier in Pembroke an eine technische Lösung des Problems. Dadurch, dass man das Meer entsalzen kann, wird Wasser wieder zur in unendlicher Menge verfügbaren Ressource. Aber der Hydrologe Marco Cremona findet genau das problematisch.

Dabei ist Malta ein Land, in dem relativ sparsam mit Wasser umgegangen wird. Der Verbrauch pro Kopf ist hier mit 96 Litern am Tag weniger als halb so hoch wie in Deutschland und liegt deutlich unter dem EU-Schnitt. In den letzten Jahren haben sie hier mit ganz einfachen Mitteln den Wasserverbrauch zusätzlich gesenkt:

Wenn man in Malta den Wasserhahn aufdreht, dann ist der Druck nicht besonders hoch. Früher, als sie das Wasser noch mit 9 bis10 Bar durch die Rohre gedrückt haben, gab es unterwegs viele Lecks, viel Wasser ist ausgetreten. Das ist jetzt deutlich weniger geworden. 

Aber weil es für alle immer Wasser gibt, weil die Probleme nicht sichtbar sind, ist der Wert des Wassers auch aus dem Bewusstsein vieler Malteser geraten. Im Gegenteil: Viele hier meinen, es gäbe zeitweise sogar zu viel Wasser. In den Wintermonaten, wenn manchmal kurze, heftige Regenfälle niedergehen, wird Wasser für viele Menschen in Malta zur Bedrohung. Dann gibt es Überschwemmungen und immer wieder große Schäden. Malta ist dicht besiedelt. 35 Prozent der Landfläche sind bebaut, stellenweise sind bis zu 90 Prozent der Flächen versiegelt. Marco Cremona, der Hydrologe:

"Wir haben keine großen Auffangflächen, aber es gibt große Überschwemmungen. Menschen sind wegen der Überschwemmungen in Malta gestorben. Malta ist urbanisiert, es gibt blitzartige Überschwemmungen, viel Wasser in kurzer Zeit, das ins Meer fließt und dabei große Schäden anrichtet. Wenn man Zisternen hätte, wären zwei Probleme  gelöst. Die Anhängigkeit von den Entsalzungsanlagen wäre geringer und von Grundwasserentnahme. Und gleichzeitig beugt das Überschwemmungen vor."

Aber so, wie es jetzt ist, gibt es die absurde Situation, dass Malta sein Süßwasser teuer und aufwendig entsalzen muss – während in den Wintermonaten zigtausende Kubikmeter Regenwasser ins Meer fließen. Staatlich kanalisiert und finanziert aus Mitteln zum Schutz gegen die Überflutungen.

Malta muss umdenken

Doch dass Malta umdenken muss, das hat inzwischen auch die Regierung erkannt. Auch weil Brüssel Druck macht: Die so genannte Wasserrahmenrichtlinie der EU sieht vor, dass die Länder unter anderem den Schutz des Grundwassers verbessern. Grundwasser soll, wie es heißt, in gutem mengenmäßigen und chemischen Zustand vorhanden sein. Davon ist Malta weit entfernt.  

Ein Schlüssel zur Lösung des Problems ist die Landwirtschaft: Weltweit hat sie einen Anteil von 70 Prozent am verbrauchten Wasser – und in Malta ist das nicht anders. Viele Landwirte tun auch so, als gäbe es keinen Wassermangel. Sie bauen intensiv Gemüse oder Obst an, das viel Wasser braucht. Manuel Sapiano will deshalb auch die Landwirtschaft zum Umdenken bringen – aber das ist ein langsamer Prozess, sagt er:

"Das muss zur Charakteristik Maltas passen. Zum Beispiel keine tropischen Früchte. Es geht darum, die Kultur zu verändern und die Wirtschaft und alle dahin zu bringen, was Malta in Wirklichkeit ist. Und das ist die größte Herausforderung in diesem Projekt."

Während die Regierung noch an den Plänen arbeitet, gehen sie auf dem Hof von Malcom Borg fortschrittlich voran, einfach so. Die Felder liegen auch in der Nähe von Valletta in einem Tal. Man fährt einen sehr engen, steinigen Weg hinauf zu den Gewächshäusern:

"Wir können eine große Vielfalt von Pflanzen anbauen, ja, aber sie müssen weniger Wasser benötigen. Aber wir tun so, als ob wir sehr viel Wasser zur Verfügung haben."

Pionier in Sachen Wasserersparnis

Auch hier haben Sie eine technische Lösung für das Problem Wassermangel gefunden, genauer gesagt Malcom Borgs Vater: Der ist ein echter Pionier in Malta, sagt der Sohn:

"Es ist interessant. Mein Vater hat davon geträumt. Wirklich! Über dieses System für Salat hat er nachgedacht: was würde passieren, wenn ich Salat in Wasser anbauen würde? Mein Vater weiß nicht, wie man das Internet benutzt, er kann nicht lesen. Er hat nur drüber nachgedacht. Und dann hat er dieses System entwickelt. Er versuchte es mit zwei oder drei Kanälen, es funktionierte und so hat er das ganze Gewächshaus umgebaut."

Die Pflanzen wachsen hier auf mehreren Etagen, aber meist nicht in der Erde. Mit Waschmaschinen-Schläuchen und Kabelschächten haben sie ein System gebaut, in dem das Wasser zirkuliert.

"Das macht es möglich, auf verschiedenen Ebenen anzubauen. Normalerweise wird nur auf einer Ebene angebaut. Das bedeutet wirtschaftlich gesehen, dass wir auf derselben Fläche mehr produzieren können. Zweitens: das Wasser, das von dieser auf die andere Seite fließt, wird unten wieder aufgefangen und wieder benutzt, es gibt also keinen Wasserverlust."

Malcom Borg selbst ist Dozent, unterrichtet angehende Landwirte – und ist ziemlich stolz auf seinen Vater:

"Die zwei größten Probleme sind: die Investition  für den Aufbau und dann die Energie, um es zu betrieben. Denn man braucht Pumpen, die rund um die Uhr laufen. Wenn es einen Stromausfall gibt, hört das Wasser auf zu fließen, die Wurzeln vertrocknen und die Pflanzen sterben  ab. Das sind zwei große Probleme."

8000 private Brunnen in Malta - aber Grundwasser ist endlich

Viele konventionelle Landwirte in Malta haben ihre Zisternen inzwischen stillgelegt, denn sie nehmen Platz weg und müssen regelmäßig gewartet werden. Stattdessen haben viele Brunnen gebohrt. Obwohl das inzwischen verboten ist, schätzt man, dass es rund 8000 private Brunnen in Malta gibt. Doch weil auch das Grundwasser endlich ist, fördern die Brunnen immer mehr salzhaltiges Wasser zutage, das für den Gemüseanbau ungeeignet ist.

"Die Landwirtschaft von Malta verbraucht jedes Jahr 28 Millionen Kubikmeter Wasser. Das ist eine sehr große Menge wenn man bedenkt, dass wir  insgesamt   jährlich höchstens 25 Millionen an Grundwasser entnehmen dürften, und zwar für alle Sektoren, wie die Industrie und Haushalte, 25 Millionen Kubikmeter beträgt. Die Landwirtschaft  alleine pumpt also drei Millionen Kubikmeter mehr ab, als das Erhaltungslevel eigentlich erlauben würde."

Auf dem Hof seines Vaters haben sie mit dem neuen System den Wasserverbrauch um 80 Prozent gesenkt. Und machen, indem das Gemüse auf mehreren Etagen wächst, mehr aus der Fläche:

Zuerst hat er anerkannt, dass Wasser ein Problem darstellt, das immer drängender wird. Und dann sparen wir eine große Menge an Düngemittel. Die Profitmarge wird damit größer. Es macht wirtschaftlich gesehen Sinn. Die klassische Definition von Nachhaltigkeit ist, wenn es wirtschaftlich, für die Umwelt und die Gesellschaft Sinn macht. Und das ist ein klassisches Beispiel dafür.

In den Niederlanden wird das schon so gemacht und in anderen Ländern. Und auch für das wasserarme Malta könnte das die Lösung sein. Malcom Borg hält das in Zeiten des Klimawandels, einer wachsenden Weltbevölkerung und schrumpfenden Flächen sogar für ein Modell für die Landwirtschaft weltweit. Aber in Malta gibt es erst zwei Landwirte, die das so machen, wie sein Vater, und das, was sie tun, wird von den Kollegen mit Skepsis betrachtet.

Politik will Landwirten keine Vorschriften machen

Die Politik tut sich schwer, unbequeme Wege zu gehen, und den Landwirten, und damit potentiellen Wählergruppen, zu viele Vorschriften zu machen. Initiativen, wie die auf dem Hof der Borgs geschehen in Malta bis jetzt vor allem aus eigenem Antrieb, sagt Marco Cremona. Das, was die Politik bislang tut, um das Problem in den Griff zu bekommen, reicht bei weitem nicht aus, meint der Hydrologe.   Er meint, man müsse den Wasserverbrauch staatlich regulieren und Anreize schaffen zum Wassersparen und -sammeln:

"Die Maßnahmen würden diejenigen betreffen, die Wasser umsonst abpumpen. Heutzutage gibt es tausende, die umsonst Wasser abpumpen. Die Maßnahmen werden auch bei den Bauern unpopulär sein, es gibt natürlich auch die Landwirtschafts-Lobby. Sie werden vielleicht auch nicht populär sein bei Hotelbesitzern, die ihr Wasser vom Grundwasser sehr billig bekommen. Jede Wasserpolitik wird darauf einwirken und deswegen unpopulär sein."

Marco Cremona, meint, dass sich aber nicht nur bei den Landwirten, sondern auch bei den Verbrauchern etwas ändern muss. Der richtige Umgang mit der Ressource Wasser muss wieder in die Köpfe der Malteser kommen, sagt er. Und geht selbst mit gutem Beispiel voran. Sein eigenes Haus hat eine Zisterne, er fängt das Wasser auf, das aufs Dach regnet und das auf den Boden.

Ob die Meerwasserentsalzung in großem Stil die Antwort auf diese Herausforderung ist, wird in Malta von immer mehr Menschen bezweifelt. Sie ist teuer und weckt die Illusion, Wasser sei in unendlichen Mengen vorhanden. Aber auch die Fachleute, die das kritisch sehen, wollen angesichts der Lage in Malta und der klimatischen Bedingungen dennoch auf Technik setzen: auf Wasserspar- und Sammeltechniken und auf eine innovative Landwirtschaft. Denn wie Malta mit seinem Wasser umgeht, entscheidet über die Zukunft des Landes. Und damit könnte Malta ein Beispiel sein, auch für andere Länder, in denen der Klimawandel den Umgang mit dem Wasser zwangsläufig verändert. 

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