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Weltzeit | Beitrag vom 28.08.2018

Wasser ernten in AfrikaMit Technik gegen Trockenheit

Von Linda Staude

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Sempuat Ole Shonko (Deutschlandradio / Linda Staude)
Sempuat Ole Shonko vor seiner Wassergewinnnungsanlage in Kenia. (Deutschlandradio / Linda Staude)

Trinken, waschen, das Vieh tränken, die Felder bewässern – der Kampf um genügend Wasser bestimmt den Alltag der Menschen in Ostafrika. Das wertvolle Nass wird knapper, tödliche Dürren häufiger. Neue Wassergewinnungstechniken müssen her.

Langsam treibt Hussein Abdullah seine Herde über die staubige Ebene im Nordosten Kenias. Der heiße Wind weht den Geruch von Verwesung über den ausgedörrten, rissigen Boden. Zahllose Kadaver liegen zwischen den dürren Dornenbüschen: Ziegen, Kühe, sogar Kamele, die den langen, beschwerlichen Marsch zur nächsten Wasserstelle nicht überlebt haben. Auch Hussein Abdullah hat viele seiner Tiere verloren.

"Wir haben große Angst, denn wenn die Tiere sterben und wir unsere Herden verlieren, dann sterben auch wir. Wir haben nicht mehr genug zu essen, wir bekommen nicht genug Hilfe – wir sind in einer sehr ernsten Lage."

Zwei Bauern stehen vor einem toten Kamel, aufgenommen im Juni 2017, während einer Nahrungsmittelverteilung in Yaa Sharbana im Norden Kenias. (picture alliance / Helmut Fohringer / APA / picturedesk.com)Zwei Bauern stehen vor einem toten Kamel, aufgenommen im Juni 2017, während einer Nahrungsmittelverteilung in Yaa Sharbana im Norden Kenias. (picture alliance / Helmut Fohringer / APA / picturedesk.com)
Die letzten fünf Regenzeiten haben viel zu wenig Wasser gebracht oder sind ganz ausgefallen, klagt sein Nachbar Bafkado Hassan.

"Seit Jahren kommt der Regen zur falschen Zeit oder gar nicht. In den Nachbarländern ist es nicht besser. Von dort kommen immer mehr Menschen und machen die Situation hier in Kenia noch schlimmer – die Wasserreserven sind jedenfalls so gut wie aufgebraucht, und die Tiere finden kein Gras mehr."

Trockenheit ist nichts Neues in Ostafrika. In der Vergangenheit konnten die Menschen damit ganz gut fertig werden. Aber, erklärt Hussein Mohammed Alio von der Nationalen Dürrebehörde Kenias, die schweren Dürren heutzutage sind etwas anderes

"Die gibt es immer häufiger. Die Gemeinden haben sich noch nicht von einer Dürre erholt, dann kommt schon die nächste und tötet noch mehr Tiere. Für mich ist das ganz klar eine Folge des Klimawandels."

Mehr als 250.000 Menschen gestorben

Nach der Hungersnot 2011 sind nur drei Jahre vergangen, bis der Regen wieder ausgeblieben ist. Die schwere Dürre damals, verschlimmert durch bewaffnete Konflikte und Terrorismus, hat mehr als eine Viertelmillion Menschen das Leben gekostet.

Der ständig wiederkehrende Hunger bringt die Menschen dazu, sich etwas einfallen zu lassen, wie sie unabhängig vom Regen zusätzlich Trinkwasser gewinnen können. Z.B. die Masai in Kenias Rift Valley, am Fuß des Vulkans Mount Suswa.

Wasser fällt in großen Tropfen in einen schwarzen Plastiktank. Es kommt aus einem Bündel von zehn armdicken Plastikrohren. Das eine Ende der geknickten Rohre steckt im staubigen Boden, aus dem anderen quillt ein bisschen Dampf - und der langsame, aber stetige Strom von Wassertropfen.

Sempuat Ole Shonko: "Es ist nicht viel Wasser, nur zehn Liter pro Anlage und Woche, das reicht natürlich hinten und vorne nicht, erst recht nicht für unser Vieh. Aber immerhin."

Sempuat Ole Shonko in Kenia (Deutschlandradio / Linda Staude)Selbst gebaute Wasserauffanganlage von Sempuat Ole Shonko am Fuße des Vulkans Mount Suswa in Kenia. (Deutschlandradio / Linda Staude)
Sempuat Ole Shonko erntet das Wasser aus dem vulkanischen Boden, nicht weit von seiner einfachen Lehmhütte. Der Masai hat jahrelang gespart, bis er sich das Material für die Anlage leisten konnte. 1000 Euro für den Plastiktank, eine gemauerte Zisterne mit Aluminiumabdeckung und die Rohre. In denen kondensiert der heiße Dampf aus dem Boden zu sauberem Trinkwasser, das ganz leicht nach Schwefel schmeckt. Eine gute Investition, sagt Sempuat Ole Shonko.

"Ich hatte keine Wahl, ich musste irgendwann graben und so eine Anlage bauen, die Dürre hat einfach zu lang gedauert. Ich bin froh, dass es geklappt hat. Bisher haben wir nur Brunnen gegraben, aber die sind ausgetrocknet. Ohne den Dampf könnten wir nicht überleben."

Dass es im Rift Valley einen unterirdischen Gürtel aus heißen Quellen gibt, ist bereits seit den 80ern bekannt. Der Dampf wird allerdings erst seit wenigen Jahren geerntet. Die Quellen zu finden, ist kein Problem, sagt Kiano Sempui:

"Wir suchen dieses spezielle, sehr grüne Gras. Es wächst wie auf einer Linie quer durch das Tal. Dieses Gras verrät uns, wo genau wir bohren müssen. Einen halben Meter vielleicht, das reicht schon, wenn man es richtig macht - und dann kommt der Dampf."

Der junge Masai hat sein Geld in die modernste Wassergewinnungsanlage der gesamten Region gesteckt: Verzinkte Rohre mit Betoneinfassung, ein 5000 Liter Tank und der größte Luxus: Ein Wasserhahn. Ein Freund aus Deutschland hat ihm geholfen, erzählt Kiano Sempui. Und damit auch seinen Nachbarn, denn er teilt das kostbare Wasser mit ihnen. Er käme nie auf den Gedanken, Geld dafür zu verlangen.

Wassergewinnungsanlage von Sempuat Ole Shonko (Deutschlandradio / Linda Staude)Teil der Wassergewinnungsanlage von Sempuat Ole Shonko. (Deutschlandradio / Linda Staude)
"So ist unsere Kultur. Wir sind alle Brüder. Wenn mein Nachbar Wasser braucht, gebe ich ihm Wasser. Die Masai sorgen füreinander, und weil das Wasser von Gott kommt, handeln wir nicht damit."

Mariam beugt sich über eine Schüssel mit Wäsche. Sie schrubbt die traditionelle, rotkarierte Decke ihres Mannes, die Kleider ihrer sechs Kinder. Die planschen fröhlich in den Pfützen um sie herum.

Mariam: "Ich bin sehr froh, dass es dieses Wasser gibt. Vom Himmel kommt ja keins mehr, umso besser, wenn wir es aus dem Boden holen können. Ich hoffe, das wird immer so sein!"

Produktion erneuerbarer Energie soll ausgeweitet werden

Eine Hoffnung, die vielleicht vergeblich ist. Denn schon Ende dieses Jahres soll am Mount Suswa ein riesiges Geothermie-Kraftwerk gebaut werden.

Albert Mugo: "Wir wollen in Kenia unsere Produktion von erneuerbarer Energie ausweiten, und da spielt Erdwärme die wichtigste Rolle. Wind, Wasser und andere Quellen nutzen wir auch, aber Erdwärme ist einfach am günstigsten – und deshalb planen wir vor allem damit."

Erklärt Albert Mugo, der Chef des staatlichen Energielieferanten KenGen. Die riesigen Rohre, die am Mount Suswa Dampf für die Stromgewinnung liefern sollen, werden bis zu 3000 Meter tief in den Boden gebohrt.

"Wir haben Angst vor diesem neuen Projekt. Denn erstens kommt dann kein Dampf mehr und damit kein Wasser für uns. Zweitens befürchten wir, dass der Boden unter uns einstürzt, wenn eines Tages die Bohrungen losgehen. Denn unter uns liegen große Hohlräume." 

Der gerade erst gewonnene Reichtum an Wasser zum Kochen, Trinken und Waschen könnte damit Kenias Stromhunger zum Opfer fallen - bevor die Massai eine Chance haben, aus dem Teufelskreis von Dürre, Viehsterben und Hunger herauszukommen.

Die lange Dürre ist fürs erste vorbei in Ostafrika. Der Regen ist gekommen in diesem Frühling, in gewaltigen Mengen. Aber den Hunger hat er noch nicht beendet. Die große Regenzeit hat so heftige Unwetter gebracht, dass hunderte Menschen in den Fluten ertrunken sind und noch mehr Nutztiere. Ein Teil der erhofften Ernte wurde weggespült, genau wie einige Straßen für den Transport von Nahrungsmitteln.

Ein Sanddamm könnte ein Segen sein

Langfristig können die zerstörerischen Wassermassen ein Segen sein, wenn es gelingt, sie aufzufangen und zu speichern, Sonst sind sie genauso schnell wieder versickert, verdunstet oder weggeflossen. Catherine Mwanzai scherzt fröhlich mit ihren Nachbarn, während sie die Schippe schwingt. Etwa 15 Frauen und Männer schaufeln Zement und Sand auf große Haufen, mischen und gießen Wasser dazu.

Hinter ihnen zementiert eine andere Gruppe große Natursteine fest: Die Füllung für einen halbfertigen Damm quer durch ein tief eingeschnittenes Flussbett. Die bisher etwa zwei Meter hohe Konstruktion hat schon einen Minisee aufgestaut.

"Früher habe ich zwei Stunden gebraucht von meinem Haus zur nächsten Wasserstelle. Aber seit wir den Damm haben, brauche ich viel weniger Zeit, um Wasser zu holen."

Catherine Mwanzai und ihre Nachbarn bauen eine besondere Art Wasserspeicher: einen Sanddamm. Der Fluss bei ihrem Dorf nahe der Stadt Machakos in Zentralkenia ist ein sogenannte Seasonal River. Das heißt. Wasser fließt nur in der Regenzeit. Der Damm soll das langsam ändern, weil der Sand verhindert, dass das gestaute Wasser verdunstet und der See austrocknet.

Sand-Damm in Kenia (Deutschlandradio / Linda Staude)Baustelle für den Sanddamm in Kenia. (Deutschlandradio / Linda Staude)
"In der ersten Saison nach dem Bau ist das Wasser noch nicht von Sand bedeckt. Aber der Damm ist so konstruiert, dass er Sand zurückhält, damit er das Wasser speichert. Am Ende wird das Reservoir dahinter zu etwa 40 Prozent Wasser bestehen und zu 60 Prozent aus Sand."

Von dem kleinen See wird dann nichts mehr zu sehen sein, weil er vollständig mit Sand bedeckt ist, erklärt Cornelius Kato von der Afrika Sanddamm Stiftung. Der Sand muss nicht aufgeschüttet werden, weil der Fluss genug davon anschwemmt. Das Reservoir füllt sich mit der Zeit von allein.

"Ein gut konstruierter Sanddamm hält 150 Jahre, ohne dass er repariert oder gewartet werden muss. In dieser Zeit leistet er gute Dienste für die Gemeinde."

Ein paar Kilometer flussabwärts schüttet Elizabeth Kalekye Wasser in einen knallgelben Plastikkanister. Ihr kleiner Esel wartet geduldig, bis die vier 20-Liter-Behälter auf seinem Rücken voll sind. Ich komme jeden Tag hierher, bis zu fünfmal, sagt sie. Macht 400 Liter Wasser - genug für sie, ihre Felder und ihr Vieh. Auch ihre Gemeinde hat einen Sanddamm gebaut, am selben Fluss. Das ist kein Problem, erklärt Cornelius Kato.

"Die Dämme sind so konstruiert, dass überschüssiges Wasser über die Staumauer weiterfließen kann. Wir können den Gemeinden flussabwärts ja nicht das Wasser abgraben, weil das Konflikte auslösen kann. Und das heißt auch, dass sie eine ganze Serie von Sanddämmen hintereinander anlegen können."

Der Sanddamm, an dem Elizabeth Kalekye ihr Kanister füllt, ist schon ein paar Jahre alt, das Wasser vollständig unter dem Sand verschwunden.

"Zuerst grabe ich ein Loch, bis ich ans Wasser komme. Die erste Ladung muss ich wegschütten, dann ist das Wasser klar."

Vom Damm direkt auf den Acker

Die junge Frau schöpft Wasser aus dem Loch, bis ihre Kanister voll sind. Dann macht sie sich auf den kurzen Weg zurück nach Hause – durch neu angelegte Felder mit Mais, Gemüse, jungen Papaya-Bäumen und Bananen. Wasser fließt aus einem schwarzen Rohr und umspült winzige Setzlinge. Die Farmer pumpen es vom Damm direkt auf den Acker. Ihr Vorrat ist auch in der jüngsten langen Trockenzeit nicht versiegt.

"Früher konnten wir nur ein kleines Stück Land bewirtschaften. Jetzt können wir so viel pflanzen, wie es unsere Arbeitskraft erlaubt. Selbst wenn jeder mehr als einen Hektar beackern will, können wir das schaffen."

Wasser sammelt sich unter dem Sand. (Deutschlandradio / Linda Staude)Wasser sammelt sich unter dem Sand, Kenia. (Deutschlandradio / Linda Staude)
David Chongo musste seine Nachbarn erst überzeugen, den Damm zu bauen. Denn auch wenn die Sanddamm-Stiftung das nötige Geld dafür gibt – kostenlos ist das für die Gemeinden nicht. Cornelius Kato:

"Sie müssen 50 Prozent beitragen. Das heißt, kostenloses Baumaterial heranschaffen wie große Steine und den Sand. Außerdem müssen sie alle Arbeiten leisten, die keine spezielle Ausbildung erfordern."

Die Expertise kommt von der Stiftung, genau wie das gekaufte Material: Zement, Eisenverstrebungen, Beton für die Seitenwände. Ein Sanddamm kostet je nach Größe zwischen acht und 13.000 Euro, und die Stiftung finanziert knapp 80 davon jedes Jahr. Gründer Amantu Musila:

"Unsere Arbeit sollte eigentlich die Regierung leisten, weil die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser ihr Job ist. Aber unsere Organisation muss sie bei der Erfüllung dieser Aufgabe unterstützen."

Nairobi sitzt auf dem Trockenen

Kenias Regierung tut etwas für die Wasserversorgung, aber das ist weder ausreichend noch besonders effektiv. Das beste Beispiel dafür ist kein winziges Dorf irgendwo im Busch, sondern die Hauptstadt Nairobi.

"Wir müssen eine Menge Geld für Wasser ausgeben, weil aus den städtischen Zapfhähnen keins kommt. Also müssen wir es woanders kaufen."

Klagen die Einwohner wie Scolastica Wafula. Nairobi sitzt auf dem Trockenen: Je nach Wohngegend mal drei Tage die Woche, mal bis zu vollen zwei Wochen am Stück – kein Wasser. Wasser-Rationierung ist Teil unseres Lebens geworden, so der Gouverneur Mike Sonko. Zwar hat es monatelang so heftig geregnet wie seit drei Jahren nicht mehr. Die Stauseen des Landes sind übergelaufen – bis auf den Ndakaini-Damm, der Nairobi mit Trinkwasser versorgen soll.

"Ich bin hocherfreut, dass ich heute sagen kann: Der See hat 90 Prozent seiner Kapazität erreicht."

Eine Frau füllt Wasser in Plastikkanister an einem öffentlichen Brunnen in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. (picture alliance / Mika Schmidt)Wasserversorgung in Kenia: Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist in der kenianischen Hauptstadt in vielen Gebieten nur über öffentliche Brunnen zugänglich. (picture alliance / Mika Schmidt)
Das war Ende Juni, nach drei Monaten Sintflut. Die Nairobians müssen sich ihr Trinkwasser von Tankwagen liefern lassen oder literweise von Handkarren kaufen – und machen die Verkäufer für den Mangel verantwortlich.

Crispine Ochieng: "Das sind die Wasserkartelle, die bestechen die Behörde. Die können den Beamten 100.000 Shilling bezahlen, aber wir haben nicht so viel Geld und müssen deshalb leiden."

Wettert Crispine Ochieng. Ob die Wasserbehörde die Schleusen des Damms absichtlich nicht geschlossen hat, soll jetzt eine Untersuchungskommission herausfinden. Aber die mögliche Korruption ist nur ein Teil des Problems.

Gouverneur Sonko: "Wir haben seit 24 Jahren keine neue Wasserquelle mehr für die Stadt erschlossen. Von 1994 bis heute wurde kein einziger neuer Damm gebaut – oder irgendeine andere Quelle."

Nairobis Durststrecke wird vorläufig anhalten

Gouverneur Sonko ist erst seit einem knappen Jahr im Amt und kann deshalb gut seine Vorgänger anklagen – und die Landesregierung. Denn die schnell wachsende Stadt hat dauerhaft zu wenig Wasser. Wir haben ein Wasserdefizit von 250 Millionen Kubikmetern jeden Tag. Oder vielleicht Litern? - stammelt Wasserminister Simon Chelugi. Tatsächlich sind es Liter, aber das wäre auch schon genug, um eine Stadt wie Hamburg einen Tag lang zu versorgen. Immerhin: Neue Wasserquellen sind im Bau.

Simon Chelugi: "Die Bauarbeiten laufen und sind zu 35 Prozent vollendet. Das bedeutet, sie werden Ende nächsten Jahres fertig."

Die Durststrecke für die Nairobians wird also noch eine ganze Weile dauern – vor allem, weil das Wasser dann immer noch nicht reicht, erklärt der Gouverneur.

"Wir erwarten, dass die drei notwendigen Zusatzdämme im Jahr 2026 fertig werden, die dann den gesamten Wasserbedarf der Stadt Nairobi vollständig decken werden."

Eine Frau in Sicherheitsweste entfernt Schmutz aus einem Wasserbecken in einem Pumpwerk in Nyeri in Kenia, aufgenommen 2012. (imago/photothek)Eine Frau in Sicherheitsweste entfernt Schmutz aus einem Wasserbecken in einem Pumpwerk in Nyeri in Kenia. (imago/photothek)

Falls die Stadt dann nicht weiter gewachsen ist. Kein Wunder, dass die Kenianer große Feste feiern, wenn sie Zugang zu einer Wasserquelle haben. Irgendeiner Quelle. Dieser Gesang ist ein Dankeschön für sauberes Trinkwasser. In diesem Fall zur Einweihung eines Brunnens in einem Dorf in Westkenia.

Auch Tansania leidet unter Wassermangel

Trinkwasser ist auch im Nachbarland Tansania ein Problem. Aber in der bergigen Region im Norden erlaubt das Klima die Wassergewinnung aus der Luft statt aus dem Boden. Der Wind bläst durch ein senkrecht gespanntes Netz aus Kunststoff und bringt es zum Klingen. Jetzt, am Vormittag, brennt die Sonne auf den Hügel mit seinen gelben Grasbüscheln. Über den waldigen Bergen in der Ferne treiben tiefhängende Wolken – die letzten Reste des Nebels der vergangenen Nacht. Der hat winzige Wassertropfen in den engen Maschen des Netzes hinterlassen. Sie fließen in dem Gewebe zusammen und dann abwärts in eine Auffangrinne aus durchsichtigem Plastik. Ein dünnes, schwarzes Rohr leitet das Wasser direkt in eine unterirdische Zisterne.

Faustin Thomas: "Gestern stand das Wasser 1,50 Meter hoch in diesem Tank. Jetzt messen wir mal, wieviel es heute ist."

Faustin Thomas öffnet den Deckel der Zisterne und steckt einen Zollstock hinein: Der Wasserstand ist neuneinhalb Zentimeter höher als am Tag zuvor.

"Der Radius der Zisterne ist 111 cm. Das macht fast 370 Liter Wasser, die wir in den letzten 24 Stunden gesammelt haben."

"Cloudfisher" in Tansania (Deutschlandradio / Linda Staude)Sogenannte "Cloudfisher" mit denen in Tansania Wasser aus Nebelwolken gewonnen wird. (Deutschlandradio / Linda Staude)
Die Nebelnetze hat die Hilfsorganisation ped World im vergangenen November gestiftet. Ihre Konstruktion ist komplizierter, als sie aussieht. Die engmaschigen Netze werden auf beiden Seiten von einem schwarzen Kunststoffgitter gestützt.

Vivien Ernest: "Die halten das Netz gerade. Das Wasser fließt senkrecht nach unten in die Rinne. Wir verschwenden keinen Tropfen. Wenn es gebogen ist wie ein Segel, dann tropft ein Teil auf den Boden, und wir verlieren dieses Wasser."

Erklärt Projektmanager Vivien Ernest. Die insgesamt vier Netze, die mit Gummi-Expandern in festbetonierte Rahmen aus Edelstahl gespannt wurden, halten auch einem Sturm stand. Diese moderne und stabile Version der Nebelkollektoren heißt Cloudfisher und wurde von der deutschen Firma Aqualonis entwickelt.

"Die funktioniert bestens, das ganze Jahr über. In der Regenzeit sowieso, aber auch in der Trockenperioden dazwischen: Solange es neblig ist, können wir Wasser ernten."

Die Ausbeute ist für die Quameyu-Schule bestimmt. Für Laborexperimente, zum Putzen, zur Bewässerung eines kleinen Gemüsegartens und zum Kochen. In einem großen, gemauerten Herd lodert ein Holzfeuer. Heißer Dampf wallt aus riesigen Töpfen. Wir kochen heute Porridge für die Schüler, sagt Lehrer Justin Robert, der auch die Küche beaufsichtig.

"Die Schüler holen das Wasser mit Eimern aus der Zisterne. Die Köche gießen es in den Tank da drüben und benutzen es für den Porridge und später zum Geschirr spülen."

Seit es die Nebelnetze gibt, geht das schnell: Bis zur Zisterne sind es nur rund 200 Meter. Viel besser als vorher, sagt Schülerin Monica Enanagi.

"Früher mussten wir das Wasser zwei Kilometer weit schleppen. Das hat unheimlich lange gedauert. Und deshalb hatten wir viel zu wenig Zeit für den Unterricht." 

Wasser aus der Luft ist sauberer als das aus dem Fluss

Ihr Klassenkamerad Joseph Josephat hofft, dass er in diesem Jahr bessere Noten bekommt.

"Mit dieser Technologie können wir mehr lernen. Ich weiß, dass uns das helfen wird, unsere Schulleistungen zu verbessern, weil wir nicht mehr so viel Zeit verschwenden."

Noch wichtiger: Das Wasser aus der Luft ist sauber und damit gesünder als das aus dem Fluss, erklärt Farmer Nicodemus Mape:

"Manchmal benutzen die Leute auf ihren Farmen Chemikalien, um Insekten auszurotten. Diese Pestizide landen im Wasser, und das ist schädlich für uns Menschen."

Er und seine Nachbarn im Dorf sind allerdings nach wie vor auf das Wasser aus dem Fluss und aus ein paar Brunnen angewiesen. Die vier Cloudfisher liefern nicht genug, dass die Schule etwas abgeben könnte, sagt Direktor Faustin Thomas.

"Im Moment reicht das Wasser für etwa 40 Prozent unseres Bedarfs - für die Schüler, die Lehrer und das, was wir in der Küche verwenden. Wenn wir noch ein Netz aufstellen könnten, wären das schon 60 Prozent."

Ärger mit dem Dorf um das Wasser gibt es trotzdem nicht, versichert Nicodemus Mape.

"Wir profitieren auch von dem Projekt, weil wir etwas daraus gelernt haben und diesem Beispiel folgen können. Außerdem hilft es unserer Schule. Die Kinder sind unsere Kinder aus unseren Familien."

Sauberes Trinkwasser ist ein kostbares Gut, der Zugang dazu seit 2010 ein Menschenrecht. Auch wenn sich die Versorgungslage verbessert hat: Für fast 850 Millionen Menschen weltweit steht das Recht auf Wasser nur auf dem Papier. Zu viele Staaten können oder wollen das Geld für die nötige Infrastruktur nicht aufbringen und verlassen sich auf Hilfsorganisationen, die das Problem schon lösen werden. Etwa anderthalb Millionen Menschen bezahlen diese Untätigkeit jedes Jahr mit ihrem Leben.

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