Was ist Weisheit?

Seelenruhe und Öffnung zur Welt

30:51 Minuten
Nahaufnahme einer tibetischen Stupa mit geöffneten Buddha-Augen auf dem Weg zum Everest Base Camp in Nepal.
Buddha-Augen werden auch "Augen der Weisheit" genannt. © Getty Images / Boy Anupong
Kai Marchal im Gespräch mit Wolfram Eilenberger · 05.12.2021
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Das Streben nach Weisheit verbinden wir oft mit einer Art esoterischem Geheimwissen. Dabei kann auch Malen nach Zahlen eine Weisheitspraxis sein, sagt der Philosoph Kai Marchal. Gerade in Krisenzeiten plädiert er für mehr Gelassenheit.
Was stellen Sie sich unter Weisheit vor? Vielleicht haben Sie eine Buddha-Statue vor Augen oder einen Eremiten? Oder ihre eigene Großmutter? Was Weisheit und wer weise ist, lässt sich jedenfalls gar nicht so einfach bestimmen, sagt auch der Philosoph Kai Marchal von der Universität Taipeh – und doch gebe es in fast allen Sprachen und Kulturen eine Vorstellung davon:

Weisheit verbinden die meisten Menschen mit dem Alter, mit einem Menschen, der viel erlebt hat und es geschafft hat, eine Art Seelenruhe zu finden.

Kai Marchal, Philosoph

Die Suche nach Weisheit sei eine „anthropologische Konstante“, so Marchal. Dass wir sie heute oft vor allem mit ostasiatischen Kulturen verbinden, sieht er eher als einen medialen Effekt. Schließlich begreift sich schon die griechische Philosophie als „Liebe zur Weisheit“.

Kunst des geglückten Augenblicks

Marchal hat jüngst gemeinsam mit dem Berliner Philosophen Michael Hampe einen Sammelband zur Weisheit veröffentlicht. Darin versuchen sich mehrere Autoren in neun Versuchen daran, jeweils einen Aspekt von Weisheit zu beschreiben. „Unserem Buch ging es darum, erst einmal deskriptiv zu erfassen, was für Erfahrungen Menschen mit dem Begriff der Weisheit verbinden.“
Darunter sind etwa die Erkenntnis des eigenen Nichtwissens, wie wir sie von Sokrates kennen, die innere Vorbereitung auf das Unvermeidliche, wie Schmerz und Tod, oder die Fähigkeit, „sich in der Kunst des geglückten Augenblicks zu üben“, wie Marchal selbst schreibt.
Entscheidender als eine begriffliche Bestimmung von Weisheit sind Marchal zufolge Weisheitspraktiken: „Beim Tai Chi oder auch der Kalligrafie geht es darum, ganz einfache Bewegungen immer wieder zu wiederholen, so lange bis sie sich tatsächlich in den eigenen Körper eingeschrieben haben.“
Denn Weisheit müsse „leiblich eingeübt werden“. Das könne aber auch in weniger ambitionierten Formen geschehen. Statt es gleich mit Kalligrafie zu versuchen, könne etwa auch das beliebte „Malen nach Zahlen“ dabei helfen, innere Ruhe zu finden.

Auch gesellschaftliches Engagement gehört dazu

Weisheit sei eben nicht unbedingt mit einem esoterischen Geheimwissen verknüpft, auch wenn die Beschäftigung damit leicht dahin abrutsche.

Unser Band war ein Versuch, dagegen anzugehen und zu betonen, dass die Weisheit durchaus auch etwas Vernünftiges sein kann, etwas Öffentliches, Säkulares und Nüchternes, das uns allen helfen kann – gerade in einer Krisensituation wie der Pandemie.

Kai Marchal, Philosoph

Mehr innere Gelassenheit könne dabei helfen, so Marchal, „die Komplexität der Situation besser zu verstehen und eine bessere Antwort zu finden“.
Wichtig ist Marchal deshalb auch, zu betonen, dass Weisheit sich nicht im bloßen Rückzug auf sich selbst erschöpfe, im Gegenteil: „Es geht darum, die eigene Subjektivität zu öffnen.“
Als Beispiel nennt er die buddhistische Nonne Shih Chao-hwei aus Taiwan, die „nicht nur jeden Tag in ihrem Kloster und ihrer buddhistischen Universität meditiert und Suren rezitiert, sondern die auch in die Gesellschaft hinausgeht; die zum Beispiel Politiker kritisiert, sich sehr stark für die Umweltbewegung, den Tierschutz und sogar die Metoo-Bewegung eingesetzt hat.“ Weisheitssuche und gesellschaftliches Engagement seien also kein Gegensatz.

Kapitalistische Missverständnisse

Einige Aneignungsversuche von Weisheitspraktiken sieht Marchal eher kritisch: „Die Meditation, die Teil der globalen Beratungsindustrie wird, so dass man bei Google mal eben 30 Minuten meditiert, um noch effizienter zu funktionieren – das sind natürlich Missverständnisse.“ Auch seien Weisheitspraktiken sicher kein Allheilmittel:
„Man kann mit diesen Praktiken nicht den globalen Kapitalismus überwinden – dafür braucht es Arbeitnehmerrechte und Gewerkschaften. Aber diese Praktiken können doch einen positiven Einfluss ausüben auf unsere Lebensform und vielleicht zur allgemeinen Aufklärung beitragen.“
(ch)

Kai Marchal und Michael Hampe (Hg.): „Weisheit. Neun Versuche“
Matthes & Seitz, Berlin 2021
229 Seiten, 6 Euro

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