Warum Männer und Frauen in Zentimetern träumen

Thomas Macho, Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Universität © Thomas Macho
15.12.2011
Gescheit, aber manchmal ausschweifend: Der Kulturthistoriker Thomas Macho hat ein Buch über Vorbilder geschrieben. Er unterscheidet erzählende und bildhafte Ideale - und beschreibt, warum Männer und Frauen gewisse Körperteile verlängern oder vergrößern lassen wollen.
Vor dem Beginn der Gutenberg-Galaxis wurden Vorbilder weniger unter den Lebenden, sondern vielmehr unter den Toten gesucht. Dabei spielte - das unterscheidet sie von Vorbildern im Medienzeitalter - nicht das Aussehen die entscheidende Rolle. Als vorbildhaft wurden sie deshalb angesehen, weil sie durch Worte oder Taten zu überzeugen wussten. Wer werden wollte, wie sie waren, der knüpfte über die Gegenwart ein Band zwischen Vergangenheit und Zukunft. Vorbilder waren - und sie sind es bis heute - Ideale, gelegentlich auch Idole, wobei jede Zeit festzuschreiben versucht, was beide voneinander unterscheidet.

Gegenwärtig, so stellt der Kulturhistoriker Thomas Macho in seinem Buch "Vorbilder" fest, träumen nicht wenige Frauen und Männer "in Zentimetern, und bei Bedarf wird verlängert oder vergrößert". Das ist eine Anspielung auf das Bestreben, einem bestimmten Vor-Bild äußerlich ähnlich zu werden. Der an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrende gebürtige Wiener unterscheidet Vorbilder aus bilddominanten Zeiten von jenen, in denen die Bildmedien kaum eine Rolle spielten.

Ausgehend von diesen beiden Ebenen ergibt sich eine Konkurrenz zwischen erzählenden und bildhaften Vorbildern, wobei auf beiden Ebenen Zeit eine bedeutende Rolle spielt. Während auf der erzählenden Ebene viel Zeit gebraucht wird, um zum Vorbild zu werden - durch schriftliche Hinterlassenschaften oder durch schriftlich überlieferte Taten -, genügen auf der Bildebene kürzere Zeitintervalle, um Vorbildstatus zu erlangen. Als Modelle, Puppen, oder Pin-ups geben solche Vorbilder ein Image für ein bestimmtes Aussehen oder Auftreten vor. Dominant ist dabei das Äußere - entweder das Gesicht oder der vermeintlich "ideale" Körper, an dem intensiv gearbeitet wird. Macho verweist darauf, wie das Aussehen von Politikern ins Blickfeld der Aufmerksamkeit gelangt - oft stärker, als die Ideen, für die sie stehen. Vorbilder werden über das Bild in Szene gesetzt.

Ausgehend von der Wortbedeutung unterscheidet Macho die Vorbilder, die einen "antizipierenden Entwurf" darstellen: Der kann bis in die Zukunft reicht, von den Vorbildern, die als ein "normatives Ideal" anzusehen sind. Mit der Zukunft beschäftigen wir uns, wenn wir zum Jahreswechsel beim Bleigießen aus den Miniaturformen versuchen, Schlussfolgerungen darüber anzustellen, was das neue Jahr bringen wird. An die normativen Ideale erinnert Macho in einem Pygmalion gewidmeten Abschnitt seines Buches. Der Bildhauer verliebte sich in die von ihm geschaffene Skulptur, die er aus Unzufriedenheit mit den lebenden Vorbildern geschaffen hat. Die Skulptur wurde zur Verkörperung seiner Idealvorstellungen.

Thomas Macho hat ein interessantes, gescheites Buch geschrieben. Man folgt ihm gern auf seinen Wegen, die ihn zu Carmen, der First Lady, lachenden Gesichtern oder den "großen Männern" führen. Nur leider entschwindet das eigentliche Thema bei den stets lehrreichen Exkursen manchmal am Horizont - wohl weil die Grundlage des Buches eine Reihe von Aufsätzen bildet, die bereits an anderen Orten veröffentlicht waren. Von daher: Sehr lesenswert, aber nur eingeschränkt vorbildhaft.

Besprochen von Michael Opitz

Thomas Macho: Vorbilder
Wilhelm Fink Verlag, München 2011
477 Seiten, 39,90 Euro
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