Wallraffs "Ganz unten" neu betrachtet

„Die Türken erscheinen nur als hilflose Opfer"

16:43 Minuten
Der investigative Journalist Günter Wallraff stellt im Januar 1986 sein Buch "Ganz unten" vor, das er in der Hand hält.
Günter Wallraffs Pose, sich zum Anwalt vermeintlich hilfloser Opfer zu machen, habe etwas Entmündigendes gehabt, sagt Frank Biess. © picture alliance / Andreas Keuchel
Frank Biess im Gespräch mit Winfried Sträter · 28.09.2022
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1985 erregte Günter Wallraff mit dem Buch „Ganz unten“ großes Aufsehen. Er schlüpfte in die Rolle des Türken Ali, um krasse Arbeitsbedingungen aufzudecken. Den ausgeprägten Alltagsrassismus habe er damals verkannt, kritisiert Historiker Frank Biess.
„Da ist so etwas wie ein Gewissen der Nation entstanden, hab ich nie mit gerechnet“, sagte Günter Wallraff im Januar 1986 im RIAS Berlin. Als Türke Ali verkleidet hatte Wallraff die grauenhaften Arbeitsbedingungen von Türken in der Bundesrepublik erkundet und in einer spektakulären Anklageschrift publik gemacht.
Sein Buch „Ganz unten“ wurde zu einem Bestseller, der die westdeutsche Gesellschaft aufwühlte. Als Frank Biess, Professor für Europäische Geschichte an der University of California in San Diego, nun nach fast 40 Jahren das Buch noch einmal analysierte, machte er bemerkenswerte Entdeckungen.

Wallraffs moralische Eindeutigkeit

Der Erfolg des Buches habe nicht so viel mit dem "Gastarbeiter"-Thema zu tun gehabt, sondern eher mit den Gefühlen, die es ansprach.
„Das Buch hat eine ganz klare moralische Eindeutigkeit. Es gibt die Bösen, die Kapitalisten, die Konservativen, die Unternehmer, die ausbeuten – und die hilflosen Opfer auf der anderen Seite. Und dazwischen ist Wallraff als Kämpfer fürs Gute. Und diese Eindeutigkeit war attraktiv in einem Moment, als sie verloren zu gehen schien“, hat Frank Biess festgestellt.

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Zur gleichen Zeit habe Jürgen Habermas die neue Unübersichtlichkeit beschrieben. In dieser Situation habe Wallraff sich eindeutig als Linker positioniert. In der Tradition der 68er-Bewegung habe er den antitürkischen Rassismus als Fortsetzung des NS-Rassismus angesehen. Dabei habe er nicht erkannt, dass der bundesdeutsche Rassismus eher mit dem englischen oder französischen Rassismus der 80er-Jahre vergleichbar gewesen sei.

Türken als hilflose Opfer

Wallraff selbst habe eine problematische Haltung eingenommen, indem er mit dem Anspruch auftrat, stellvertretend für die Türken zu sprechen.
„Die Türken erscheinen ja nur als hilflose Opfer, die ihn brauchen, um ihre Lebensrealität zu artikulieren. Das war aber schon damals nicht mehr zeitgemäß, weil es schon zu Hauf türkische Stimmen gab, die selber gesprochen haben und ihre eigene Lebensrealität beschrieben haben.“
Wallraffs Pose, sich zum Anwalt dieser vermeintlich hilflosen Opfer zu machen, habe etwas Entmündigendes gehabt, und das sei schon damals von türkischen Kritikern angemerkt worden. Diese Kritik habe Wallraff aber nicht richtig wahrgenommen.

Bedeutung des Rassismus nicht erkannt

Für ihn und die 68er sei das Problem der "Gastarbeiter" ein Problem des Kapitalismus gewesen. Deshalb hätten sie die spezielle Bedeutung des Rassismus der 80er Jahre-nicht erkannt. Die Annahme sei gewesen, dass der Rassismus verschwinde, wenn der Kapitalismus überwunden würde. Biess wirft Wallraff auch vor, in welche Rolle er für sein Buch geschlüpft sei.
„Diese Praxis, sich als Türke zu verkleiden, mit Perücke und getönten Kontaktlinsen, wäre aus heutiger Sicht eine Form von kultureller Aneignung und wurde schon damals kritisiert, weil es in der Tradition des Blackfacing stand. Was heute als Form von Rassismus gesehen wird. Und das war ja genau die Praxis, die Wallraff übernommen hat.“

Vorwurf kultureller Aneignung

Heute würde ein solches Buch als Form kultureller Aneignung und Entmächtigung der Subjekte verstanden, für die er beanspruchte zu sprechen. Was schon damals kritisiert, aber kaum zur Kenntnis genommen wurde und daher auch die Blindstellen im links-intellektuellen Diskurs zeige.
Wie weit der Alltagsrassismus damals verbreitet war, sei heute kaum noch vorstellbar, kritisiert Biess. „Es ist eine Lebenslüge des vereinigten Deutschland, dass der Rassismus nur aus dem Osten kam. Es gab in den 80er-Jahren eine Umfrage von Infas, die festgestellt hat, dass fast die Hälfte der Westdeutschen ausländerfeindlich eingestellt war.“
(wist)

Weitere Informationen gibt es auch hier:
Frank Biess: "Ganz unten". Günter Wallraff und der westdeutsche (Anti-)Rassismus der 1980er-Jahre
Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 19 (2022), H. 1

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