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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.07.2013

"Wahrscheinlich habe ich einfach ein Ohr dafür"

Verleger Engeler über seine Liebe zur Lyrik und sein Label "roughbooks"

Urs Engeler im Gespräch mit Britta Bürger

Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Der Schweizer Verleger Urs Engeler bietet mit "roughbooks" Gedichtbände ohne die üblichen Vertriebswege an - über das Internet. Er habe bei der Gründung nicht damit gerechnet, dass er in 3 Jahren rund 20 Titel veröffentliche, sagt Engeler.

Britta Bürger: Es ist erstaunlich, wie sich Menschen noch im hohen Alter an Gedichte erinnern, die sie vor 80 Jahren in der Schule gelernt haben. Klang, Rhythmus, Melodie, all das lebt beim Aufsagen der Gedichte sofort wieder auf. Aber nicht nur Schillers "Lied von der Glocke", oder Goethes "Erlkönig" haben sich in uns eingeschrieben, ähnlich erlebt es die junge Generation, die durch Poetry Slam animiert wird, moderne Gedichte nachzusprechen. Die Lyrik lebt, doch wie entdeckt man überhaupt ein gutes Gedicht?

Darüber wollen wir zum Auftakt des Lyriksommers hier im Deutschlandradio Kultur mit dem Schweizer Verleger Urs Engeler sprechen. Schönen guten Morgen in Basel!

Urs Engeler: Guten Morgen!

Bürger: Mussten Sie, Herr Engeler, noch in der Schule Gedichte auswendig lernen?

Engeler: Musste ich oder musste ich nicht? Weiß ich gar nicht mehr.

Bürger: Dann frage ich Sie, haben Sie heute schon ein Gedicht gelesen?

Engeler: Heute habe ich ein Gedicht gelesen, es findet sich in der "Lyrikzeitung". Sagt Ihnen das was, die "Lyrikzeitung"? Michael Gratz, der wertet die Presse, die deutschsprachige und englischsprachige Presse, nach allem, was mit Gedicht zu tun hat, aus, und veröffentlicht das auf einer Website, auf einem Blog, da kann man jeden Tag die neuesten Meldungen lesen. Man kann auch Gedichte lesen, und was ich heute da gelesen habe, war ein Gedicht von Boris Vian, aus dem Michael Gratz so Stehgreif mal Pi eine Schnellübersetzung gemacht hat, das hat mir sehr gefallen.

Bürger: Wollen Sie uns die vortragen?

Engeler: Ich verändere es noch ein bisschen, ich habe es selber noch ein bisschen nachübersetzt. Ich verändere es ein kleines bisschen: Wär ich ein Poät, wüsst' ich, was ich tät, hätt ne rote Näs, große Gefäß, darein ich tät hundert Sonät', darein ich tät mein Werk komplät.

Bürger: Sehr schön! Wie wurde Ihre Liebe zur Lyrik überhaupt geweckt?

Engeler: Ich bilde mir immer ein, dass das biologische Sachen sind, die einen dazu prädestinieren, sich mit solchen Themen beschäftigen. Wahrscheinlich habe ich einfach ein Ohr dafür, ich höre Menschen sehr gerne zu, und ich höre auf alles, was besonders ist in dem, was sie sagen.

Und es ist nicht immer das, was sie sagen, sondern wie sie es sagen, das ist für mich schon immer auffällig gewesen. Und da werde ich natürlich mit der Lyrik reich beschenkt.

Bürger: Und warum haben Sie sich als Verleger von Anfang an für die Lyrik entschieden, und zwar konsequent?

Engeler: Ja, es war dann einfach das, wovon ich glaube, am ehesten noch was zu verstehen. Es gab eigentlich keinen besseren Grund, als das, das ist das Ding, was mich einfach immer interessiert hat.

"Das war nicht mit Mäzenatentum"

Bürger: Sie hatten für Ihren Verlag ja die finanzielle Unterstützung eines Investors, der sich dann allerdings zurückgezogen hat, was dazu führte, dass Sie vor drei Jahren neu gestartet sind mit dem Direktvertrieb von Lyrik im Internet: Roughbooks heißt dieses Portal.

Engeler: Ja, zuerst muss ich es korrigieren, ich hatte jemanden, der sich Mäzen nannte, der dann irgendwann gestorben ist, und mittlerweile sehe ich das, dass ich einfach Schulden habe bei den Erben von diesem Mäzen, also das war nichts mit Mäzenatentum.

Ich habe das immer erzählt, ich habe das immer selber geglaubt, aber mittlerweile weiß ich seit ein paar Monaten, dass ich keinen Mäzen hatte, sondern dass ich eben Schulden habe, und dass ich meinen alten Verlag im Moment am abstottern bin und bald einmal ein drittes Mal erworben habe.

Bürger: Oh je, das ist ja eine tragische Situation!

Engeler: Ja, es ist nicht ganz schön, und auch nicht ganz üblich, aber damit hat man es ja in der Poesie immer zu tun.

Bürger: Roughbooks heißt Ihr neues Projekt, ein Internetportal, über das Sie im Direktvertrieb Lyrikbänder vertreiben. Welche Übersetzung schlagen Sie vor für rough?

Engeler: Ich glaube, ich schlage gar keine vor. Mir reicht der Klang, man muss nicht immer alles verstehen. Rough, das klingt schon rough.

Bürger: Das kann elend sein, rau, hart, grob, schroff, stürmisch.

Engeler: Ja, damit hat es auch tatsächlich was zu tun. Im Konzept war mir wichtig, dass ich die Sachen nicht hundertmal hin und her drehe und noch mal überlege und nachfeile. Wir machen die Sachen relativ schnell, wir wollen reagieren können, wenn etwas drängt.

Die Enden vorne und hinten, im Radio werden die ja immer sauber geschnitten, bei uns werden sie unsauber geschnitten. So könnte man vielleicht rough übersetzen.

Bürger: Wie hat sich Roughbooks in den drei Jahren entwickelt?

Engeler: Ich finde es sehr überraschend. Ich hätte vor drei Jahren nicht gedacht, dass ich 20 Titel - die haben wir, glaube ich, oder es sind schon mehr als 20 Titel, 22 - in drei Jahren veröffentliche. Die Abonnenten sind auch erstaunlich treu, darüber funktioniert die Reihe ja wesentlich ökonomisch, dass es Leute gibt, die die ganze Reihe abonnieren, die das Neue zugeschickt bekommen.

Es sind sehr viele, sehr verschiedenartige Dinge gesehen. Wir haben Erstveröffentlichung von jungen Autoren, wir haben Übersetzungen gemacht, also da erscheinen sehr, sehr unterschiedliche, sehr bunte Dinge, und sie erscheinen ohne jeden Druck auch, das ist für mich sehr wichtig gewesen. Ich mache das, wenn etwas da ist, und wenn nichts da ist, machen wir nichts. Das geht, glaube ich, für viele Leute sehr gut auf.

Preis eines Buches liegt zwischen sieben und neun Euro

Bürger: Was kostet so ein Abo?

Engeler: Das kostet halt die Bücher, die erscheinen in einem Jahr. Wenn ich drei Bücher mache, und die kosten, sagen wir, im Schnitt, vielleicht acht oder neun Euro, dann sind es 27 Euro, das ist kein großer Betrag. Ich versuche, die Bücher möglichst billig zu machen, in so sieben, acht, neun Euro, das ist so ein guter Schnitt pro Büchlein.

Bürger: Kein Leinenband, kein schönes Papier, keine Sinnlichkeit - Ihre Roughbooks sind quadratische Broschüren im Digitaldruck. Geht damit nicht auch eine ästhetische Dimension des Gedichts verloren?

Engeler: Nein, finde ich gar nicht, also auch das hat eine Sinnlichkeit, so, wie diese Bücher daherkommen. Sie scheinen offenbar sehr vielen Leuten sehr auffällig zu sein, wenn sie sie in die Hand nehmen, und sie sind erstaunt, dass man mit diesen typografischen Mitteln diese Art von Eindruck auch herstellen kann, die wir da machen.

Bürger: Lassen Sie uns genauer über Ihre verlegerische Arbeit sprechen. Ihre Arbeit mit den Autoren, das ist doch sicher ganz anders, mit Dichtern zu arbeiten als mit Romanautoren. Wird da zum Teil um einzelne Wörter, um einzelne Buchstaben, um einen Punkt gerungen?

Engeler: Ja, das ist eigentlich der Normalfall, wenn gerungen wird. Es ist nicht immer ganz einfach, auf der Höhe dessen zu sein, was jemand schreibt, und das muss man sein, wenn man eingreifen will. Man muss gute Gründe haben dafür.

Das bin auch ich nicht immer, ich bin nicht immer auf der Höhe der Dinge. Ich habe nur ein Gefühl, dass gewisse Dinge was taugen, und deswegen unterstütze ich sie. Gewisse Dinge verstehe ich tatsächlich, ich glaube zum Beispiel Michael Dohnhaus zu verstehen, was der macht, und da ging es wirklich immer um einzelne Buchstaben.

Bürger: Erinnern Sie sich an ein konkretes Beispiel?

Engeler: Wir haben zig Versionen zum Teil von Texten hergestellt, und da ging es wirklich um ein A oder ein I, was in einer bestimmten Reihe von As oder Is fehlt oder vorkommen soll.

Bürger: Welche Kriterien legen Sie an an ein gutes Gedicht?

Engeler: Das mit dem Gut - das passiert mir wahrscheinlich selber, dass ich von gut rede, aber es passt mir nicht wirklich. Wer ist so souverän, wirklich zu urteilen, was die Dinge taugen. Ich rede lieber von interessant, und für mich ist ein Text interessant, wenn er mich beschäftigen kann.

Interessante Gedichte, die haben bei jedem Lesen neue Erlebnisse auf Lager für uns. Es gibt ganz viele Dinge zu beobachten, das heißt, man muss schon sehr geduldig sein, um hinter diese Qualitäten zu kommen, aber quasi je nachhaltiger ich beschäftigt werde durch einen Text, desto interessanter scheint er mir, und unterm Strich würde ich dann auch sagen, desto mehr Qualitäten scheint er mir zu haben, sprich, desto besser ist er.

Bürger: Was ist aktuell ein Gedicht, das Sie besonders interessiert, über das sie besonders viel nachdenken?

Engeler: Also ich versuche zum Beispiel, Jean Daive zu lesen - das ist auf Französisch, das ist noch mal ein bisschen schwieriger, weil ich mit einer Fremdsprache zu tun habe -, oder Emily Dickinson. Das sind Sachen, die mich sehr, sehr lange beschäftigen.

Bürger: Stimmt es denn tatsächlich, dass es einen neuen Boom der Lyrik gibt, oder ist das nur eine Behauptung?

Gibt es einen Lyrik-Boom?

Engeler: Das ist eine sehr gern gehörte Behauptung, die ich jedes Jahr wieder höre. Seitdem ich das mache, ist immer ein Boom gewesen. Kein Einwand meinerseits, ja, es läuft wirklich viel, das kann man sagen.

Bürger: Ihre Autorinnen und Autoren, für die Sie verlegen, können die vom Dichten leben?

Engeler: Ich frage nicht mach, weil dafür möchte ich tatsächlich einfach nicht verantwortlich sein.

Bürger: Herr Engeler, schreiben Sie auch selbst Gedichte?

Engeler: Ich habe noch einen ehrlichen Moment in diesem Gespräch, ich habe tatsächlich wieder angefangen. Ich habe es mit ungefähr 20, da habe ich es, glaube ich, aufgesteckt, und ja, jetzt denke ich, jetzt bin ich 50, also komme so langsam auf meine Altersehren runter, da könnte ich vielleicht wieder anfangen.

Bürger: Was gab den Impuls?

Engeler: Ja, ich glaube, den Impuls gibt schon eine bestimmte Form von Konzentration, die man hat, wenn man so was tut. Ich würde nicht hingehen und meine Sachen Leuten zeigen wollen, das ist mir zu … das ist mir irgendwie vielleicht auch zu intim, also das könnte sein. Aber auf jeden Fall, wenn ich an meinen eigenen Sachen arbeite, dann kann ich auf einer Stelle Pirouetten drehen, und immer wieder drehen und immer wieder, das ist ein interessantes Daseinsgefühl für mich.

Bürger: Der Schweizer Urs Engeler ist ein leidenschaftlicher Lyrikentdecker und Verleger, der sein Arbeitsfeld mittlerweile ins Internet verlegt hat, Roughbooks heißt das Portal für exzellente Poesie. Herzlichen Dank, Herr Engeler, für das Gespräch!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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