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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 02.10.2017

Wahlkreis Görlitz in Sachsen33 Prozent AfD und jetzt?

Von Bastian Brandau

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Der Fluss Neiße trennt die Stadt Görlitz in Sachsen (l) von der polnischen Stadt Zgorzelec, aufgenommen am 07.08.2014 (picture alliance / ZB / Jens Wolf)
Der Fluss Neiße trennt die Stadt Görlitz in Sachsen von der polnischen Stadt Zgorzelec. (picture alliance / ZB / Jens Wolf)

Im Osten Sachsens hat die AfD drei Direktmandate für den Bundestag von der CDU erobert. Im Wahlkreis Görlitz holte sie 33 Prozent der Zweitstimmen – in der Gemeinde Oppach sogar 46 Prozent. Geflüchtete gibt es dort keine, aber viele Wünsche.

Ein Mineralwasser trägt den Namen der Gemeinde Oppach über die Region hinaus. Oppacher erfrischt sachsenweit und ist vor Ort ein wichtiger Arbeitgeber. Wenige Kilometer sind es von hier bis zur Grenze nach Tschechien. Es gibt einen Supermarkt, einen Discounter, zwei Bäckereien und einen Metzger.

Ein Schild mit Wegen zum Wandern in und um Oppach steht an einer Straße in der Stadt. (Deutschlandradio / Bastian Brandau)Oppach im sächsischen Landkreis Görlitz (Deutschlandradio / Bastian Brandau)

Einen Blumenladen und ein Reisebüro, geführt von Andreas Zentsch. Wen er gewählt hat, möchte er nicht sagen. Aber natürlich hat er Vorstellungen darüber, was sich ändern muss:

"Von der Bundesregierung wünsche ich mir eigentlich mehr soziale Gerechtigkeit auch gegenüber den kleinen Leuten. Dass da eben auch denen ihre Belange viel mehr berücksichtigt werden dabei."

Arbeitslosigkeit bei 8,6 Prozent

Nach wie vor ist Arbeitslosigkeit ein Problem in der Region, jahrelang war die Quote hier zweistellig, ist zuletzt auf 8,6 Prozent gesunken. Auch die Grenzkriminalität geht zurück. Aber hier wie anderswo in Sachsen gibt es ein Thema, das auch Reisebüroleiter Zentsch bewegt.

"Und eben, dass es auch irgendwo nicht ganz sein kann, dass Flüchtlinge die vielleicht auch aus wirtschaftlichen Gründen als Flüchtlinge da sind, dann trotzdem noch so hoch bezuschusst werden und mit  Mitteln versorgt werden, ohne das genauer zu prüfen. Und der einfache Mensch, der vielleicht auch die Arbeit verloren hat, aus welchen Gründen auch immer, bei dem wird alles zehnfach geprüft und bei denen ist es relativ oberflächlich und es werden Leistungen gegeben und das ist nicht in Ordnung."

In Oppach selbst gibt es keine Flüchtlinge. Im gesamten Landkreis Görlitz sind es 1.300 Asylsuchende – bei einer Gesamtbevölkerung von über 250.000 Einwohnern. Dennoch ist das Flüchtlingsthema für viele in Oppach wichtig. Andere Themen nennt Zentsch auf Nachfrage – z. B. die langsame Internetverbindung – die sei ein Problem für sein Reisebüro.

"Beim Internet wurde der Zug verpasst"

"Ich sehe es bei mir hier, wir sagen immer spaßeshalber an manchen Tagen ist das Internet so schnell, dass man sich mit einem Eimer Wasser die Daten holen könnte, dann wäre man schneller wieder da als gewisse Internetseiten, die man auf Arbeit wirklich benötigt. Eh die sich da geladen haben und abstürzen ohne Ende, aber das ist auch manchmal ein bisschen lokal bedingt, dass in der Vergangenheit ein bisschen der Zug verpasst wurde."

In Oppach herrscht mäßiger, aber stetiger Betrieb an diesem Nachmittag. Autos und LKW durchfahren den Ort, der von der Bundesstraße 96 geteilt wird. Absolut richtig sei der Erfolg der AfD, sagt ein Mann vor der Volksbank. Welche Probleme die neue Bundesregierung angehen müsse?

"Na das wäre auch wieder die Rente, die Altersarmut, und die Bildung, ganz wichtig auch die Bildung. Denn das Bildungsniveau ist gesunken, ich habe nichts mitgekriegt, dass hier irgendwo etwas nach oben ging."

Lehrermangel im CDU-geführten Sachsen

In Sachsen herrscht großer Lehrermangel. Die CDU-Kultusminister haben es versäumt, Lehrer einzustellen. Und jetzt ist der Markt leer. Noch dazu ist es immer schwerer, junge Akademiker für das Leben in ländlichen Regionen zu begeistern.

Ein Mann kommt vorbei und beschwert sich, dass man als national denkender Mensch in die rechte Ecke gestellt werde. Von der Frage nach seinen Wünschen an eine neue Bundesregierung ist er überrascht:

"Schwierig, schwierig. Da müsste man weit ausholen jetzt bei dieser Geschichte, das kann ich nicht machen jetzt."

"Was sind konkret zwei, drei Punkte, von denen sie sagen, das läuft hier schief, das müsste mal angegangen werden?"

"Na, ich möchte da nichts sagen dazu jetzt, das ist… Mir fällt nichts ein."

Frust durch geringe Löhne und Renten

Ein anderer Mann:

"Ich habe mein Häusel hier, es ist ruhig, idyllisch, Urlaub auf dem Lande, also ich kenne keine Probleme hier, uns geht es doch gut."

Sagt er, nachdem er vor der Apotheke geparkt hat. Er habe die AfD nicht gewählt, sei schockiert von der hohen Zustimmung hier in Oppach.

"46 Prozent?! Ist Wahnsinn eigentlich. Dann müssen sie ja absolut unzufrieden sein. Bloß was wollen sie denn damit erreichen?"

Viele Nicht-AfD-Wähler haben aber auch Verständnis dafür, dass Menschen hier in der Lausitz die AfD wählen. Aus Frust:

"Warum? Weil hier nichts los geht. Die verdienen doch nichts, die Leute. Und der Rest der Rentner muss sehen, wo er bleibt. Der muss Sozialhilfe beantragen."

Der demografische Wandel, er schlägt in der Lausitz gerade voll zu. Auch der 17-jährige Fabian Bartuschk will die Region nach dem Abi verlassen.

"Probleme, die wir hier haben sind ja auch gar nicht unbedingt Flüchtlinge oder sowas. Ich habe heute mal eine Statistik gelesen, Sachsen hat mit die wenigsten Flüchtlinge in Deutschland eigentlich. Ein Problem, über das sich viele hier aufregen, das aber in anderen Gegenden viel brisanter wäre. Probleme sind ganz klar, dass die Menschen sich über mangelnde finanzielle Lage beklagen. Ich finde es schwierig, sagen zu sollen, was da Maßnahmen wären. Aber es muss etwas getan werden, dass die Unzufriedenheit bei den Menschen geringer wird."

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