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Literatur / Archiv | Beitrag vom 29.11.2020

Wälzer, Schwarten, Ziegelsteine und Co.Die Liebe zum dicken Buch

Von Florian Felix Weyh

Renate Herre, Geschäftsführerin des Carlsen-Verlages, hält die Neuausgaben aller sieben Harry Potter Bände in den Händen. (2018)  (dpa / Daniel Reinhardt)
Je dicker, desto besser: Wälzer-Aficionados wissen, welches Buch sie interessiert. (dpa / Daniel Reinhardt)

Wälzer, Ziegelstein, Schwarte, Mammut – dicke Bücher sind eine Klasse für sich. Gewichtig melden sie umfassende Ansprüche an: zeitliche, kulturelle, obsessive etc. Eine gewisse Unhandlichkeit ist Teil ihres Charmes: Sie sind Body- und Mindbuilding in einem.

"Romansimulationen" sind dünnere Bücher für die Liebhaber dicker. Weniger als 800 oder 1000 Seiten verfallen der Missachtung. Ihnen gilt nur der Wälzer etwas: Karl Ove Knausgårds "Mein Kampf", J. R. R. Tolkiens "Der Herr der Ringe", Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften", Thomas Manns "Zauberberg", Péter Nádas‘ "Parallelgeschichten", J. K. Rowlings "Harry Potter" und viele viele mehr.

"Lasset dicke Bücher um mich sein!"

Eine gewisse Unhandlichkeit des Wälzers, die die Lektüre im Bett erschwert, wenn nicht gar zu einer lebensgefährlichen Unternehmung macht, ist Teil seines Charmes: Mit dem Kopf wird zugleich der Bizeps gestärkt. Die Liebhaber des Ziegelsteins könnten einen Ausruf abwandeln, den William Shakespeare einst dem von erschreckend schlanken Karrieristen bedrohten Cäsar in den Mund legte: "Lasset dicke Bücher um mich sein!" Aber wer unter den Männern und Frauen mit Leidenschaft für vollschlankes Lesegut greift schon zu einem Engländer, der lediglich Schmalbrüstiges zustande gebracht hat.

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Ein dickes Buch ist eine Ansage. Es trumpft auf, ihm geht es um Anspruch, um Repräsentativität, um alles. Um die ganze Welt oder doch eine eigene. Ein dickes Buch, sagt Florian Felix Weyh in seinem Feature, ist eine ganz andere Maschine als ein dünnes: kein Rennrad, sondern ein Schiffsdiesel. Später verbessert er sich: Ein dickes Buch ist wie Lakritz. Mag auch nicht jeder.

Geraubte Lebenszeit - oder geschenkte Ewigkeit?

Denn warum schreibt jemand so viele Seiten voll? Was will er oder sie damit beweisen? Dass er oder sie die Tinte nicht halten kann? Die Copy-and-Paste-Taste virtuos beherrscht? Sich von Lektoren und Verlegern nicht kleinkriegen lässt und sein Buch schon gar nicht? Wie viel Lebenszeit können fette Bücher rauben! Wochen und Monate gehen mit der Lektüre ins Land und sind unwiederbringlich verloren.

Oder sie beschenken mit etwas Unvergleichlichem. Ein fettes Buch lässt eintreten in ein eigenes Universum. Und das hat schon per definitionem eine gewisse Ausdehnung. Das dicke Buch ist ein Versprechen auf ein klein wenig Ewigkeit hienieden, denn das Ende schiebt es durch viele, viele Seiten auf. Der Tod kommt später, vorher gibt es noch einiges zu erzählen.

Gibt es größere Verheißungen als diese?

(pla)

Es sprechen: Maria Hartmann, Bettina Kurth, Michael Rotschopf, Axel Wandtke, Florian Felix Weyh
Ton: Ralf Perz
Regie: Clarisse Cossais
Redaktion: Jörg Plath

Das Manuskript der Sendung können Sie hier herunterladen.

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