Mittwoch, 23.06.2021
 

Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 11.12.2020

Vorlesebücher für Kinder Wenn der Bär und die Biene per Post kommen

Von Andrea Schwyzer

Ein Mädchen wartet mit einem Chanukka-Leuchter in ihren Händen auf den Beginn des jüdischen Lichterfest "Chanukka".  (picture-alliance/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul )
Ein Mädchen wartet mit einem Chanukka-Leuchter in ihren Händen auf den Beginn des jüdischen Lichterfestes. (picture-alliance/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul )

Welches Buch wählt man zum Vorlesen für kleine Kinder an einem jüdischen Feiertag aus? Es gibt nämlich, neben den Tausenden Vorlesebücher, nur wenige mit jüdischen Inhalten, die gleichzeitig auf Deutsch sind. Eine Initiative will das ändern.

Kreativzeit im Hause Seidler. Zwei große Mädchen und zwei fast so große Jungs überlegen sich gut gelaunt, wie sie am besten posieren könnten. Ein Foto für Oma und Opa soll es werden – ein Geschenk zu Chanukka.

Cousinen und Cousins lächeln Papa Seidler in die Kamera. Aber da fehlt doch noch wer? Der Jüngste in der Runde. Doch der kleine Noah hat keine Lust auf das Fotoshooting. Er verkriecht sich unter dem Esstisch und krabbelt die Wege der Familienkatze nach.

Der Duft des Winters

Als das Bild im Kasten ist, machen es sich alle irgendwo bequem. Der 12-jährige Samuel, eigentlich ein begeisterter Fantasy-Leser, schnappt sich ein schmales Büchlein mit warm gezeichneten Bildern und setzt sich auf das Sofa. Da streckt Noah seinen Kopf unter dem Tisch hervor. Neugierig kniet sich der Fünfjährige neben seinen Cousin.

"Der alte Bär erwachte aus seinem Winterschlaf. Er tapste aus seiner Höhle und schnupperte. Wonach duftet das denn? Mmmmmmm!"

"Ich weiß das genau, wovon der Duft kommt, von den Latkes!"

"Großmütterchen war 97 Jahre alt und konnte nicht mehr so gut sehen und hören wie früher, aber sie machte immer noch die besten Latkes im Dorf."

Mit Hunger zur Oma gehen

Ein quirliges, fröhliches Großmütterchen ist sie, mit Schürze und Kopftuch und einem kecken Lächeln. In ihrem hutzeligen Häuschen, das dick eingeschneit ist, möchte man jetzt auch gern sitzen. Dort, am warmen Ofen. Ein feines Plätzchen; das spürt auch der alte Bär.

"Der Bär sieht so aus. So sieht der mit dem Wollschal aus. Braunes Fell und ne schwarze Nase, große Tatzen..."

... und natürlich hat er einen Bärenhunger! Da ist er bei Großmütterchen Brayna genau richtig. Die erwartet zwar eigentlich Besuch vom Rabbiner, weiß Samuel:

"Dann kommt halt der Bär zum Großmütterchen und dieses Großmütterchen denkt halt, das sei der Rabbiner und dann essen die erst mal was..."

Die Bücher kommen per Post zu den Kindern

Einen ganzen Berg voll Latkes, dick mit Marmelade bestrichen. "Der Chanukka-Bär", so heißt diese Geschichte, die der Zentralrat der Juden pünktlich zum Lichterfest verschickt hat. Sie ist Teil der Aktion "PJ Library", also "Pyjama Bibliothek".

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Die Idee kommt aus den USA: Kinder zwischen zwei und acht Jahren, die einer jüdischen Gemeinde angehören, erhalten zehn Mal im Jahr ein Buch zugeschickt und können so ihre eigene jüdische Bibliothek aufbauen. Kostenlos. Es gibt verschiedene Bücher für verschiedene Altersgruppen. Der Chanukka-Bär war das dritte Buch, das für Noah im Briefkasten war.

"Das war wirklich das Schönste, dass Noah ein Paket bekommen hat und auf dem Paket stand sein Name. Das war die allergrößte Freude!"

Es wird selbstverständlich, wenn der Bär mitfeiert

Für Tatjana Seidler, die Mama von Noah, ist es toll, dass es die PJ Library nun auch auf Deutsch gibt. Ihre Familie hat zwar schon viele Kinderbücher, auch über das Judentum oder über Israel. Aber es mache einen Unterschied, ob Mama sagt, dass Chanukka ist oder ein niedlicher Comic-Bär:

"Wenn Noah aus einem Buch erfährt, da feiert auch der Bär das Chanukka-Fest, dann ist es wie selbstverständlich, selbst in den Büchern steht es ja geschrieben, dass Feste gefeiert werden oder jüdische Werte und Traditionen gelebt werden, das macht schon sehr viel aus."

Eine willkommene Inspiration

Was bei Familie Seidler selbstverständlich ist, gilt nicht für alle Familien mit jüdischen Wurzeln. Die Geschichten der PJ Library sollen ihnen als Türöffner dienen und helfen, sich spielerisch und ungezwungen über ihre Feste und Traditionen zu unterhalten. Das klappt auch prima, sagt Matthias Paschek. Er arbeitet in der jüdischen Kita Tamar in Hannover – dort, wo auch Noah in den Kindergarten geht.

"Gerade die Themen über die jüdischen Feste, die Kinder vergleichen dann ihre gemachten Erfahrungen aus der Kita mit den Büchern oder vergleichen ihr Wissen über ein Fest mit den Geschichten aus den Büchern – ja, das führt zu spannenden Gesprächen."

Paschek liebt die Ruhepausen in der Kita, wenn es sich die Kinder auf Kissen gemütlich machen und er ein PJ-Library-Buch vorlesen kann. In den Klapptexten finden sich auch immer Erklärungen zu einzelnen Ausdrücken und Traditionen, Bastelideen und Rezepte.

Von der roten Nase zur gelben Blume

Matthias Paschek hat übrigens die gleiche Lieblingsgeschichte wie der fünfjährige Noah:

"König Salomon und die Biene."

Er holt das Buch und erzählt mir davon.

"Also da war eine Biene und die hat ihn an der Nase gestochen."

"Das tat bestimmt weh."

"Ja, deswegen! Dann hat er alle Insekten zu ihm geholt. Und dann hat er gesagt, welche Biene von euch hat mir in die Nase gestochen? Und dann kam der Letzte und das war sie."

"Und was hat der Biene gemacht, der König?"

"Da hat die Biene gesagt: Ich will es auch wieder gut machen..."

Die Biene hilft dem König ein Blumen-Rätsel zu lösen.

"Und das sind die Blumen!"

Nur, welche ist die eine Blume, die der König mit seinem roten Bommel auf der Nase erraten soll?

"Dann kam die Biene vorbei und er sagte: Öffnet das Fenster! Und dann haben die das Fenster geöffnet und die Biene war auf einer Blume gelandet und dann hat er gesagt: Die Gelbe! Das sind die Richtigen!"

Die perfekte Vorlesezeit für alle

Seit August verschickt der Zentralrat der Juden in Deutschland nun schon Geschichten der PJ-Library. Angesprochen werden jüdische Familien aller Strömungen, also egal, ob sie orthodox, liberal, reformjüdisch oder unreligiös sind. Und dank der kostenlosen Anmeldung hat das Programm das Potential auch Kinder aus bildungsfernen oder finanziell schlecht aufgestellten Haushalten zu erreichen. Die perfekte Vorlesezeit ist auch gerade: Jetzt, an Chanukka.

Der Chanukka-Bär hat sich den Bauch bereits vollgeschlagen. Mit den besten Latkes – denen von Großmütterchen Bryna. Und wer macht bei Noah die besten Latkes? Auch die Oma?

"Mmmmm, mittel."

"Mittel?!"

"Wer macht denn bei euch die besten Latkes?"

"Mama."

Die PJ Library des Zentralrates der Juden in Deutschland finden Sie hier.

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