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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 05.05.2015

Vor 70 JahrenPrager Aufstand gegen die deutsche Besatzung

Von Doris Liebermann

Prags Wencelsas Platz im Mai 1945 (picture-alliance/ dpa - CTK)
Der Wenzelsplatz im Zentrum von Prag im Mai 1945 (picture-alliance/ dpa - CTK)

Nur wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges, am 5. Mai 1945, begann der Aufstand in Prag gegen die deutschen Besatzungstruppen. Ausgelöst durch eine Radiomeldung setzte sich der tschechische Widerstand zur Wehr.

"Gegen Mittag des 5. Mai hörten wir von draußen Schüsse, es erklangen Stimmen. Die Stimmen schwollen an wie bei großen, erregten Volksversammlungen. Dazwischen immer wieder Schüsse, Rufe, dann wieder Stille. Obwohl es streng verboten war, stieg einer von uns auf den Tisch und guckte aus dem Fenster der Zelle, das hoch oben an der Decke angebracht war. Erregt teilte er uns mit, dass sich draußen ein tschechischer Aufseher mit einem Gewehr im Anschlag an ein für uns nicht einsehbares Ziel anschleiche. Dann wurde es wieder ruhig. Unsere Wachen waren nicht zu hören."

Der Journalist Vilém Fuchs war 1941 wegen seiner Beteiligung am antifaschistischen Widerstand verhaftet worden. Er erlebte den Beginn des Prager Aufstandes in der Gestapo-Haft, im Gefängnis von Prag-Pankrác. Dort waren zu dieser Zeit 3.000 Menschen eingesperrt - Pankrác war die zentrale Hinrichtungsstätte des Protektorats. Auch in den letzten Kriegstagen fanden noch Hinrichtungen mit der Guillotine und Massenexekutionen von Gefangenen statt.

"Und dann sahen wir, aus der Zelle, wie aus den Fenstern der umliegenden Hochhäuser tschechoslowakische Fahnen herausgehängt wurden. Mein Gott, das war das Ende des Protektorats."

Den Alliierten als Herren im eigenen Land entgegentreten

Wenige Tage zuvor hatte Hitler in Berlin Selbstmord begangen, und die Berichte über die alliierten Armeen aus West und Ost überschlugen sich. Die Amerikaner standen am Böhmerwald, die Rote Armee hatte Berlin eingeschlossen und Mähren und Schlesien erreicht. Die Prager warteten nervös und aufgeregt darauf, was in den kommenden Tagen passieren würde. Sie wollten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und den alliierten Armeen als Herren im eigenen Land entgegentreten.

Die Nazi-Herrschaft hatte im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren eine schreckliche Blutspur hinterlassen. Das Protektorat war im März 1939 nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die sogenannte Rest-Tschechei entstanden. Vorher hatte Hitler im Münchner Abkommen 1938 England und Frankreich dazu zwingen können, das Sudetengebiet an das Deutsche Reich abzutreten. In den ersten Oktobertagen 1938 waren deutsche Truppen dort einmarschiert. Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei verkündete Reichspropagandaminister Joseph Goebbels im März 1939 im deutschen Rundfunk:

"Die Tschechoslowakei hat damit aufgehört, zu existieren."

Der tschechoslowakische Staatspräsident Edvard Benes befand sich seit 1938 im Exil in London, wo er 1940 eine Exilregierung mit dem politischen Ziel gründete, die Tschechoslowakei in den Grenzen von vor 1938 wiederherzustellen. Auch an den Plänen zur Vertreibung aller Sudetendeutschen arbeitete Benes im Londoner Exil.

Unterschiedliche Interessen im Widerstand

Gegen Ende des Krieges gab es im tschechischen nationalen Widerstand divergierende Interessen: Die Kommunisten hatten andere Ziele als der bürgerliche Widerstand. Entscheidend war die Frage, wer künftig im mitteleuropäischen Raum das Sagen haben würde, ob eine Nachkriegstschechoslowakei ein Verbündeter Moskaus oder, wie vor dem Zweiten Weltkrieg, einer der westlichen Welt sein würde. Die Hoffnung vieler Aufständischer war groß, dass die Amerikaner Prag als erste erreichen würden.

"Prag ist calling! Prag is calling! Help us soon as possible!"

Am 5. Mai 1945 mittags gegen halb eins besetzte ein Überfallkommando der tschechischen Protektoratspolizei das Rundfunkgebäude und rief zum Aufstand auf. Die deutschen Truppen waren zu dieser Zeit noch immer in der Übermacht: Sie besaßen schwere Munition, Artillerie und Panzer und holten zum Gegenschlag aus. Verbände der Waffen-SS vernichteten historische Gebäude und drohten, Prag dem Erdboden gleichzumachen.

Da die Zerstörung der Stadt zunahm, aber keine alliierte Hilfe eintraf, beschlossen die Aufständischen, mit den deutschen Einheiten unter dem Militärgouverneur von Prag, Rudolf Toussaint, Verhandlungen aufzunehmen. So kam es nur wenige Stunden vor der endgültigen Kapitulation Hitler-Deutschlands zu einem Waffenstillstand, der den deutschen Truppen freies Geleit aus Prag zusicherte. Am 9. Mai 1945 rückte die Rote Armee unter Marschall Konew als Befreier in Prag ein. Drei Jahre später wurde die Tschechoslowakei durch den kommunistischen Februarputsch 1948 endgültig von Moskau abhängig - und bis zum Spätherbst 1989 sollte das Land im sowjetischen Machtbereich verbleiben.

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