Von Weizsäckers bei den Nürnberger Prozessen

    Familiendrama vor Gericht

    15:09 Minuten
    Männer in Anzügen sitzen auf einer Anklagebank ein einem Gerichtssaal.
    Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Ernst von Weizsäcker (vordere Reihe links) während der Nürnberger Prozesse auf der Anklagebank. © picutre alliance / dpa / AP
    Fridolin Schley im Gespräch mit Frank Meyer · 30.08.2021
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    Der Vater war als Kriegsverbrecher angeklagt. Sein Sohn war Anwalt im Team der Verteidiger. In Fridolin Schleys Roman „Die Verteidigung“ kommen sich Richard von Weizsäcker und sein Vater erst durch den Prozess menschlich näher.
    Während des Nationalsozialismus war Ernst von Weizsäcker als Staatssekretär im Außenministerium des Dritten Reiches beschäftigt. Nach dem Krieg wurde er als Kriegsverbrecher bei den Nürnberger Prozessen angeklagt. Im Team seiner Verteidiger war auch sein Sohn, der junge Anwalt und spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker.

    Verbrechen gegen die Menschlichkeit

    Auf dieses Spannungsverhältnis zwischen Vater und Sohn stieß Fridolin Schley während der Arbeit an seiner Dissertation. Er fand ein Foto, auf dem Richard von Weizsäcker in seiner Anwaltsrobe neben seinem Vater steht. "Darin ist so viel verdichtet", sagt Schley, "das alte und das neue Deutschland, das Familiendrama und das Ganze eingespannt in eine Gerichtsdramaturgie."
    Ernst von Weizsäcker wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Er war als Staatssekretär unter Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop im nationalsozialistischen Deutschland an der Deportation französischer Juden nach Auschwitz beteiligt.
    Nach dem Krieg wollte man in der Bundesrepublik an einen "anständigen Deutschen" glauben, der das Regime ertragen hat, ausgeharrt hat und nicht wirklich mitmachen wollte. Für dieses Narrativ habe sich Ernst von Weizsäcker zu einer Art "Galionsfigur" entwickelt, sagt Schley.

    Die Rolle des Märtyrers

    Seine Verteidigung habe hierin durchaus eine Strategie erkannt. Aber zu dieser Erzählung habe von Weizsäcker auch selbst beigetragen. Ernst von Weizsäcker habe gesagt, er wehre sich gegen die Rolle eines Märtyrers, erzählt Schley. Doch mit diesem Bild, dass er von der Siegerjustiz vorgeführt werde, habe er sich durchaus wohlgefühlt, mutmaßt Schley.
    Fridolin Schley vor einer Wand. Er blickt direkt in die Kamera.
    Für seinen Roman hat sich Autor Fridolin Schley mit Richard von Weizsäcker und der Beziehung zu dessen Vater Ernst von Weizsäcker beschäftigt.© Isolde Ohlbaum
    Im Roman nähert er sich spekulativ Vater und Sohn an. Richard von Weizsäcker kommt seinem Vater darin menschlich näher und lernt den Mann, den er zuvor kaum kannte, erst richtig kennen. "Ich halte diese Entwicklung nicht für völlig unwahrscheinlich", sagt Schley. Das Auftreten von Richard von Weizsäcker spreche dafür, der ja sehr nachdenklich gewesen sei und intellektuell einen Zugang zu dieser Zeit gesucht habe.

    Die persönlichste Rede

    Als Bundespräsident hielt Richard von Weizsäcker 1985, 36 Jahre nach der Verurteilung seines Vaters, seine wohl berühmteste Rede. Anlässlich des Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkriegs spricht er davon, dass man damals die Deportationszüge hätte rollen sehen können, wenn man Augen und Ohren aufgemacht hätte.


    Auch wenn Richard von Weizsäcker das nie bestätigt hat, vermutet Schley, dass diese Formulierung ein klarer Bezug Richard von Weizsäckers zu seinem Vater war. Das könne man fast gar nicht anders lesen, meint Schley und ergänzt: "Richard von Weizsäcker hat auch immer gesagt, es sei für ihn die schwierigste und persönlichste Rede gewesen."
     Ein Mann im Anzug sitzt in einer Veranstaltungshalle und schaut ernst in die Kamera.
    Richard von Weizsäcker: Man hätte damals die Deportationszüge rollen sehen können, wenn man Augen und Ohren aufgemacht hätte. Hier 1971 auf dem CDU-Bundesparteitag.© imago images / Sven Simon

    Fridolin Schley: "Die Verteidigung"
    Hanser Berlin, 2021
    272 Seiten, 24 Euro

    (nis)
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