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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.04.2016

Von wegen humorlosDie türkische Satire-Szene blüht

Von Luise Sammann

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Die großen Istanbuler Satiremagazine: "Leman" und "Penguen" karikieren die Anweisung an Erdogans Bodyguards, kritische Demonstranten durch lautes Schreien selbst zu übertönen. (Deutschlandradio / Luise Sammann )
Die großen Istanbuler Satiremagazine: "Leman" und "Penguen" karikieren die Anweisung an Erdogans Bodyguards, kritische Demonstranten durch lautes Schreien selbst zu übertönen. (Deutschlandradio / Luise Sammann )

Die Reaktion des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan auf das Schmähgedicht des ZDF-Moderators Jan Böhmermann fiel auch für dortige Verhältnisse ungewöhnlich hart aus. Denn die türkischen Satiriker sind selbst alles andere als einfallslos.

Karikaturenzeichner Kutlukhan Perker aus Istanbul kann sich ein Lachen nicht verkneifen, als er an Recep Tayyip Erdogan in Schildkrötenform denkt. Und das war noch nicht einmal alles.

"Der Karikaturist Musa Kart hat Erdogan einmal als Katze gezeichnet, die sich hoffnungslos in einem Wollknäuel verheddert hat. Erdogan zog dagegen vor Gericht. Aber alle anderen Karikaturisten unterstützten Musa Kart und legten in den folgenden Tagen nach: Erdogan als Elefant, Erdogan als Affe, Erdogan als Giraffe."

Erdogan als Elefant, Affe, Giraffe

Die türkischen Satiriker, das zeigt nicht nur dieses Beispiel, lassen sich so schnell nicht unterkriegen. Im Gegenteil:  Trotz des wachsenden Drucks gegen Oppositionelle, trotz Klagen gegen unliebsame Journalisten und Inhaftierungen von aufmüpfigen Akademikern floriert am Bosporus die Humoristenszene.

"In Deutschland mag man vielleicht denken, die Türken hätten keinen Humor. Aber das Gegenteil ist wahr. Nur sind sich die Türken-  im Gegensatz zu den Engländern zum Beispiel -  selbst gar nicht bewusst, wie lustig sie sind." 

So die Soziologin Melike Boylan aus Ankara, die gerade ein Buch zum Thema vorgelegt hat.

"Dabei fußt das Ganze auf einer uralten Tradition: Von den Osmanen bis heute gab es durchgehend politischen Druck in diesem Land. Und der Humor war immer ein Weg, um damit umzugehen."

Tatsächlich: Berühmt wie Popstars sind allein die Schreiber und Zeichner der drei großen Istanbuler Satiremagazine "Leman", "Penguen" und "Uykusuz", die die politische und soziale Lage im Land allwöchentlich in feinsten Comics und Kolumnen aufgreifen.

Sefer Selvi , ein auffällig schüchterner Typ mit grauem Struwwelhaar und randloser Brille auf der Nasen, gilt als Urgestein der türkischen Karikaturistenszene. Seit 35 Jahren zeichnet Selvi  für türkische Tageszeitungen und Magazine. Den wachsenden Druck auf Andersdenkende spürt auch er. Angst hat er deswegen nicht.

Immer weniger Medien veröffentlichen Kritik

"Die Gefahr einer Anklage oder auch die verprügelt zu werden besteht natürlich immer. Die meisten Drohungen bekommen wir über das Internet. Beleidigungen und auch Morddrohungen. Aber ein bisschen Risiko muss eben sein."

Sefer Selvi selbst gehört zu denen, die bereits persönlich mit Erdogan in Konflikt geraten sind. 6.400 Euro Schmerzensgeld musste der Zeichner dem Politiker im Jahr 2004 überweisen. Ein Magazin namens "Harakiri" musste gar ganz aufgeben, weil die Herausgeber eine ähnlich hohe Geldstrafe nicht aufbringen konnten. Der Vorwurf des Gerichts damals: "Ermunterung der türkischen Nation zu unehelichen Beziehungen und Faulheit"!

Und doch ist es letztendlich nicht der direkte Druck, der den türkischen Satirikern zu schaffen macht. Egal ob humoristisch oder nicht: Immer weniger Medien trauen sich überhaupt noch Kritik zu veröffentlichen, weiß die Istanbuler Medienwissenschaftlerin Ceren Sözeri. Aus dem türkischen TV ist die Satire inzwischen gar völlig verschwunden. Der Grund:

"Fast alle Medienbosse in der Türkei sind gleichzeitig Investoren im Energie-, Bau- und Tourismussektor. Der Staat spielt in diesen Wirtschaftszweigen eine große Rolle und deswegen achten die Medienbosse bei allem, was sie tun darauf, eine gute Beziehung zur Regierung zu pflegen. Kritik ist da tabu."

Und dennoch: Nicht nur in den traditionellen - im Eigenverlag und meist werbefrei publizierten - Karikaturheften finden Istanbuls Zeichner nach wie vor genügend Raum. Auch im türkischen Internet blüht die Satire. Mehr als vier Millionen Twitterfollower hat die satirische Internetzeitung "Zaytung", mit a und y, deren Titel regelmäßig das ganze Land belustigen.

Der fast schon platte Humor des Böhmermannschen Schmähgedichts ist den türkischen Humoristen dabei fremd. Feiner Sprachwitz und viel Ironie gelten dagegen als Markenzeichen, so Soziologin Boylan aus Ankara. Und das nicht ohne Grund.

"Es ist offensichtlich, dass die Toleranz gegenüber der politischen Satire bei uns in der Türkei immer weniger wird. Aber gerade in Gesellschaften, wo der Druck wächst, kann man sehen, dass auch der Humor sich weiterentwickelt. Ich denke, die türkischen Satiriker sind die mutigsten und kreativsten Leute in unserer Gesellschaft. Niemand reizt den geltenden Freiheitsbegriff soweit aus wie sie."

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