Von tiefer Skepsis durchzogen
In der Aufsatzsammlung des Historikers Reinhart Koselleck liegt der Schwerpunkt auf dem 18. und 19. Jahrhundert: Deren Deutung durch Nationalisten, Liberale und Marxisten. Auf brillante Weise stellt er dar, dass jede historische Sinnstiftung am Ende parteiisch bleibt.
Geschichte hat keine Konjunktur, die Theorie der Geschichte erst recht nicht. Zwar könnte man beim Betrachten der vielen Fernsehdokumentationen- und spiele über den Zweiten Weltkrieg, Adolf Hitler, seine Gegner und seine Generale auf andere Gedanken kommen, doch der Schein trügt. Was uns hier angeboten wird, ist nicht eine Erzählung, die noch etwas mit uns zu tun hat, es ist ein Event, losgelöst von aller heutigen Erfahrung, es dient nicht der Selbstvergewisserung, sondern nur der Unterhaltung. Es rückt Geschichte in ein Traumland, wo die Unterschiede zwischen Ramses II. und Mussolini fast verschwimmen.
"Wir registrieren also einen Vorgang, der unsere Zunft isoliert hat. Die Historie ist auf sich selbst zurückgeworfen. Sie scheint von der Vergangenheit zu leben und weiß nicht genau, wo ihr Ort in dieser enthistorisierten Fakultät sei. Einige Bereiche, etwa die Parteien- oder die Sozialgeschichte, die Geschichte des Nationalsozialismus oder der Kriegsursachen scheinen dank ihrer Aktualität noch einen gewissen allgemeinen Fragebedarf zu stillen. Aber die unendliche Fülle historischer Erkenntnisobjekte aller Räume und Zeiten hat ihre Bildungsfunktion – die sie früher für das historische Weltverständnis gehabt hatte – eingebüßt."
Es ist die resignierende Erkenntnis des 2006 verstorbenen Historikers Reinhart Koselleck, den noch das Gegensatzpaar vom Sinn und Unsinn der Geschichte umtrieb und der auf die Frage "Wozu noch Historie?" Antworten suchte. Seine Dissertation "Kritik und Krise" stellt noch immer ein Meisterwerk geschichtsphilosophischer Standortbestimmung des 18. und 19. Jahrhunderts dar.
Es sind eben diese Fragen, um die der jetzt post mortem erschienene Aufsatzband kreist. Lässt man einmal einige tagesaktuelle Porträts und Gedenkreden beiseite, so liegt der Themenschwerpunkt dieses nicht leichtgewichtigen Buches wiederum auf dem 18. und 19. Jahrhundert, deren Deutung durch Nationalisten, Liberale und Marxisten und die Schwäche dieser Deutung im Hinblick auf Preußen und Deutschland. Brillant arbeitet Koselleck die Probleme heraus, die für die Geschichtswissenschaft aus der modernen, der Aufklärung entstiegenen Reflexion über sich selbst entstehen. Denn…
"…das Bedürfnis nach Sinn ist keine Garantie dafür, dass das, was mit uns und durch uns geschieht, in sich selber sinnvoll sei. Jede historische Aussage bleibt geschichtsphilosophisch verformt, solange ihre Begründung unbemerkt aus der Metaphysik, Religion oder Theologie entnommen wird. Im Bereich dessen, was die empirische Wissenschaft innerhalb ihrer eigenen Theorien aufweisen kann, bleibt jede Sinnstiftung parteiisch und immer eine Zuweisung ex post.""
Für Koselleck gibt es keine Geschichte an und für sich, keine Geschichte schlechthin. Diese Wachsamkeit gegenüber dem Eindringen ideologischer Momente und sinnstiftender Wünsche lässt ihn in dem berühmten Streit zwischen Ranke und seinen Kritikern noch nachträglich auf dessen Seite treten.
"Wünsche und Interessen, deren niemand entraten kann, sind wohl geeignet, Erkenntnisse stiften zu helfen. Aber ebenso sind sie geeignet, geschichtliche Erkenntnisse zu verhindern, wenn diese nämlich nicht im Streifen der Wünschbarkeit enthalten sind. Darin liegt die spezifische Gefahr erkenntnisleitender Interessen."
Und so sind die Schriften der nationalliberalen Droysen und Treitschke nicht weniger, wie die ihres marxistischen Kritikers Mehring, politische Texte, die von Ranke hingegen historische. Die Überlegungen Kosellecks sind durchzogen von einer tiefen Skepsis auch gegenüber dem angeblich Guten, dem Fortschritt der Menschheit und der Gleichsetzung von Partikularinteressen mit dem Ganzen.
"Aber Aufklärung als Diktat eines moralischen Despotismus, unfähig, gegenüber Vorurteilen duldsam zu sein, ihnen ihr Eigenrecht zu lassen – diese Aufklärung gerinnt schnell zur Ideologie, die zum Terror greifen muss, um Recht zu behalten."
Und so nimmt es auch nicht wunder, dass Koselleck schon vor Clarks berühmter Geschichte Preußens gegenüber den gängigen Verurteilungen dieses Staates äußerst skeptisch blieb.
"Der preußische Militärstaat und die Ideologie eines aggressiven Militarismus lassen sich nicht zur Deckung bringen. Und nach der Bismarckschen Reichsgründung lässt sich füglich fragen, ob der konservative und technizistische Kern der preußischen Militärführung die imperialistischen Ambitionen der bürgerlichen Welt mehr gefördert oder mehr gezügelt hat. Jedenfalls ist die wilhelminische Politik nicht mehr auf den preußischen Staat zurückzuführen, soweit er im Generalstab, in der Bürokratie und in den adeligen Familien seine Machtpositionen hatte. Das wilhelminische Deutschland und Preußen sind keine runde Gleichung mehr."
Preußen bleibt für Koselleck ein Staat, an den mehr Ideologie herangetragen wurde, als dass er selbst eine Ideologie vertreten hätte.
Fazit dieses spannenden Bandes: Aus der Geschichte, die immer einmalig ist, Lehren zu ziehen, kann leicht in die Irre führen, die Geschichte als Lehrmeisterin zu missachten, schafft hingegen eine kulturelle Leerstelle, die nichts und niemand füllen kann.
Reinhart Koselleck: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
"Wir registrieren also einen Vorgang, der unsere Zunft isoliert hat. Die Historie ist auf sich selbst zurückgeworfen. Sie scheint von der Vergangenheit zu leben und weiß nicht genau, wo ihr Ort in dieser enthistorisierten Fakultät sei. Einige Bereiche, etwa die Parteien- oder die Sozialgeschichte, die Geschichte des Nationalsozialismus oder der Kriegsursachen scheinen dank ihrer Aktualität noch einen gewissen allgemeinen Fragebedarf zu stillen. Aber die unendliche Fülle historischer Erkenntnisobjekte aller Räume und Zeiten hat ihre Bildungsfunktion – die sie früher für das historische Weltverständnis gehabt hatte – eingebüßt."
Es ist die resignierende Erkenntnis des 2006 verstorbenen Historikers Reinhart Koselleck, den noch das Gegensatzpaar vom Sinn und Unsinn der Geschichte umtrieb und der auf die Frage "Wozu noch Historie?" Antworten suchte. Seine Dissertation "Kritik und Krise" stellt noch immer ein Meisterwerk geschichtsphilosophischer Standortbestimmung des 18. und 19. Jahrhunderts dar.
Es sind eben diese Fragen, um die der jetzt post mortem erschienene Aufsatzband kreist. Lässt man einmal einige tagesaktuelle Porträts und Gedenkreden beiseite, so liegt der Themenschwerpunkt dieses nicht leichtgewichtigen Buches wiederum auf dem 18. und 19. Jahrhundert, deren Deutung durch Nationalisten, Liberale und Marxisten und die Schwäche dieser Deutung im Hinblick auf Preußen und Deutschland. Brillant arbeitet Koselleck die Probleme heraus, die für die Geschichtswissenschaft aus der modernen, der Aufklärung entstiegenen Reflexion über sich selbst entstehen. Denn…
"…das Bedürfnis nach Sinn ist keine Garantie dafür, dass das, was mit uns und durch uns geschieht, in sich selber sinnvoll sei. Jede historische Aussage bleibt geschichtsphilosophisch verformt, solange ihre Begründung unbemerkt aus der Metaphysik, Religion oder Theologie entnommen wird. Im Bereich dessen, was die empirische Wissenschaft innerhalb ihrer eigenen Theorien aufweisen kann, bleibt jede Sinnstiftung parteiisch und immer eine Zuweisung ex post.""
Für Koselleck gibt es keine Geschichte an und für sich, keine Geschichte schlechthin. Diese Wachsamkeit gegenüber dem Eindringen ideologischer Momente und sinnstiftender Wünsche lässt ihn in dem berühmten Streit zwischen Ranke und seinen Kritikern noch nachträglich auf dessen Seite treten.
"Wünsche und Interessen, deren niemand entraten kann, sind wohl geeignet, Erkenntnisse stiften zu helfen. Aber ebenso sind sie geeignet, geschichtliche Erkenntnisse zu verhindern, wenn diese nämlich nicht im Streifen der Wünschbarkeit enthalten sind. Darin liegt die spezifische Gefahr erkenntnisleitender Interessen."
Und so sind die Schriften der nationalliberalen Droysen und Treitschke nicht weniger, wie die ihres marxistischen Kritikers Mehring, politische Texte, die von Ranke hingegen historische. Die Überlegungen Kosellecks sind durchzogen von einer tiefen Skepsis auch gegenüber dem angeblich Guten, dem Fortschritt der Menschheit und der Gleichsetzung von Partikularinteressen mit dem Ganzen.
"Aber Aufklärung als Diktat eines moralischen Despotismus, unfähig, gegenüber Vorurteilen duldsam zu sein, ihnen ihr Eigenrecht zu lassen – diese Aufklärung gerinnt schnell zur Ideologie, die zum Terror greifen muss, um Recht zu behalten."
Und so nimmt es auch nicht wunder, dass Koselleck schon vor Clarks berühmter Geschichte Preußens gegenüber den gängigen Verurteilungen dieses Staates äußerst skeptisch blieb.
"Der preußische Militärstaat und die Ideologie eines aggressiven Militarismus lassen sich nicht zur Deckung bringen. Und nach der Bismarckschen Reichsgründung lässt sich füglich fragen, ob der konservative und technizistische Kern der preußischen Militärführung die imperialistischen Ambitionen der bürgerlichen Welt mehr gefördert oder mehr gezügelt hat. Jedenfalls ist die wilhelminische Politik nicht mehr auf den preußischen Staat zurückzuführen, soweit er im Generalstab, in der Bürokratie und in den adeligen Familien seine Machtpositionen hatte. Das wilhelminische Deutschland und Preußen sind keine runde Gleichung mehr."
Preußen bleibt für Koselleck ein Staat, an den mehr Ideologie herangetragen wurde, als dass er selbst eine Ideologie vertreten hätte.
Fazit dieses spannenden Bandes: Aus der Geschichte, die immer einmalig ist, Lehren zu ziehen, kann leicht in die Irre führen, die Geschichte als Lehrmeisterin zu missachten, schafft hingegen eine kulturelle Leerstelle, die nichts und niemand füllen kann.
Reinhart Koselleck: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010

Buchcover: "Vom Sinn und Unsinn der Geschichte" von Reinhart Koselleck© Suhrkamp Verlag
