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Kompressor | Beitrag vom 29.05.2020

Von Muzak zu SpotifyWie wir uns von Musik beeinflussen lassen

Ina Plodroch im Gespräch mit Massimo Maio

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Eine Frau springt mit ihren Einkaufstüten tänzerisch vor einer bunten Fassade. (Unsplash/ Harry Cunningham)
Bedudelt im Laden, auf dem Weg und zu Hause: Musik wird immer mehr zum Hintergrundrauschen. Was man hört, wird egaler. (Unsplash/ Harry Cunningham)

Musik, die zur Stimmung passt oder sie anpassen soll, gibt es bei Spotify und Co. auf Abruf. Das Konzept ist nicht neu: Der Einzelhandel lullt seine Kunden schon lange ein. Doch im Privaten kann das fatale Folgen für die Künstler und die Kunst haben.

Sie heißen "Sommergefühle", "Mood Booster" oder "Life Sucks": Musik-Streamingdienste wie Spotify setzen immer mehr auf Stimmungsplaylists, also Musik, die weniger dem bewussten Kunstgenuss, sondern dem Gemütsmanagement dient.

Diese Art von zweckgebundener Hintergrundmusik gibt es seit den 1930er-Jahren, erfunden wurde sie von dem US-Amerikaner George Owen Squier. "Ihm ging es darum, Räume und Orte mit Musik in eine ganz bestimmte Stimmung zu kleiden", sagt die Journalistin Ina Plodroch. "Für Kaufhäuser zum Beispiel - damit sich die Kunden da wohler fühlen, und natürlich auch in Fahrstühlen. Daher das Synonym 'Fahrstuhlmusik':  damit da keiner mehr Angst haben muss, abzustürzen oder steckenzubleiben."

Popmusik im Supermarkt

Eine verwandte Form dieser Hintergrundmusik ist Ambient, "die künstlerische Variante". Gregor Schwellenbach, Dozent am Popinstitut der Folkwang-Universität in Essen, beschreibt dieses Genre so: "Ein unheimlich wichtiger Unterschied zwischen Muzak und Ambient ist die Bewusstheit. Wer hat die Kontrolle darüber, was passiert? Hat der Hörer selber die Kontrolle? Also kann ich mir als Hörer aussuchen, was passiert, was die Musik mit mir macht? Kann ich selber aussuchen, ob ich genieße oder genau aufpasse oder nicht? Und überhaupt kann ich mir aussuchen, ob die läuft oder nicht?"

Die Firma Mood Media hat Muzak Holdings im Jahr 2011 gekauft. Sie verfolgt heute eine andere Strategie: Sie stellt Popmusik in Playlists zusammen und verkauft sie an die jeweiligen Einzelhändler. Hintergrund für den Supermarkt sei "die Königskategorie, weil jeder in einen Supermarkt geht", sagt Stefan Gill, Kreativdirektor bei Mood Media. "Und dann muss man aber das Kunststück schaffen, Musik auszuwählen, die nicht nur jedem gefällt, sondern die in erster Linie die Marke reflektiert."

Playlists nach Stimmung

Die Musik soll für eine positive Grundatmosphäre beim Einkaufen sorgen. Doch das ist auch im Privaten immer mehr gefragt. Der Streamingdienst Deezer hat festgestellt, dass seit der Coronakrise die Stimmungsaufheller unter den Playlists vermehrt nachgefragt werden.

"Mittlerweile werden die meisten Musikstücke sowohl bei Spotify wie auch bei anderen Anbietern mit dieser Stimmung, mit dieser Mood getaggt", sagt Musikwissenschaftler Nicolas Ruth. "Man kann sogar als Artist angeben, ob das jetzt ein energetischer Song, ein fröhlicher Song, ein trauriger Song, ein wütender Song ist. Und entsprechend können dann Algorithmen oder Kuratoren die Playlisten zusammenstellen."

Problem für Künstler

Bei dieser Art von Musikkonsum bleibe aber die Wahrnehmung einzelner Künstler und Songs auf der Strecke, sagt Ina Plodroch. Problematisch wird das für die Künstler, wenn immer weniger Hörer dadurch ihre Namen kennen und nicht mehr zu ihren Konzerten gehen. 

"Und wenn die Streamingdienste immer mehr diese leicht egalen Songs algorithmisch bevorzugen, dann könnte das für Künstler zum Anreiz führen, immer mehr von dieser Musik zu produzieren, die nicht stört, aber auch nicht so richtig gut ist."

Fazit

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