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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.10.2020

Von Kennedy bis TrumpUS-Präsidenten und ihre Krankheiten

Olaf Stieglitz im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Skulptur von US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Rollstuhl sitzend.  (imago / ZUMA Press)
Präsident Franklin D. Roosevelt saß im Rollstuhl - und ging offensiv mit seiner Polio-Erkrankung um. (imago / ZUMA Press)

Stark, kerngesund, ein Alphatier: Das erwarten viele von einem US-Präsidenten. Entsprechend ist die Geschichte der USA voller Beispiele, wie die Staatschefs ihre Krankheiten und Schwächen vor der Öffentlichkeit verborgen haben - mit einer Ausnahme.

Tweets im Sekundentakt, auf Autotour trotz Covid-19, "Mir geht es gut"-Botschaften im TV -  Donald Trumps Umgang mit seiner Corona-Infektion signalisiert eines ganz deutlich: Ein US-Präsident darf nicht krank werden, und wenn doch, dann nur ganz leicht. 

Für Olaf Stieglitz, der an der Universität Leipzig US-amerikanische Kulturgeschichte lehrt, hat das natürlich viel mit Trumps "ganz besonderer Interpretation von Männlichkeit" zu tun. Aber nicht nur: "Im Großen und Ganzen fügt sich das schon in eine längere Tradition ein."

Denn mit dem US-Präsidentenamt verbindet sich auch der Anspruch auf Führerschaft der westlichen Welt, und das heißt: Stärke demonstrieren.

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Diese Konstellation fordere geradezu heraus, auf Schwächen des politischen Gegners hinzuweisen, sagt Stieglitz nicht nur mit Blick auf den jetzigen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden, der von Donald Trump gern als "Sleepy Joe" verspottet wird. 

"Erinnern Sie sich an Jimmy Carter seinerzeit, als er beim Joggen zusammengebrochen ist", so Stieglitz.

"Diese Bilder sind damals um die Welt gegangen. Und das hat ihm in seinem Wahlkampf letztendlich zwar nicht das Genick gebrochen - da gab es natürlich auch noch andere politische Dimensionen, die da eine Rolle spielten - aber dieses Schwächezeigen war für seine Gegner ein gefundenes Fressen."

Präsidentschaftskandidatinnen misstrauisch beäugt

Besonders schwer haben es in dieser Konstellation offenbar Frauen, was sich an den Reaktionen auf den öffentlichen Schwächeanfall der demokratischen Präsidentschaftskandidatin von 2016, Hillary Clinton, zeigt: 

"Wenn es darum geht, dem männlichen Ideal von Führungsstärke nachzukommen, dann wartet man förmlich darauf, dass so eine weibliche Kandidatin das nicht erfüllen kann" betont Stieglitz. "Und wenn das dann noch einer Person passiert wie Hillary Clinton, die auch aus anderen Gründen misstrauisch beäugt wird, dann schießt sich die Presse, der politische Gegner auf solche Konstellationen ein."

Als Konsequenz dieser Erwartungshaltung haben US-Präsidenten stets versucht, ihre Krankheiten vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen zu halten. 

John F. Kennedy beispielsweise, der nach außen Vitalität und Enthusiasmus verkörperte, der aber wegen seiner starken Rückenschmerzen sowie Nieren- und Darmbeschwerden im Grunde für alle seine Auftritte fit gespritzt werden musste, wie Stieglitz beschreibt. 

Ein US-Präsident hingegen führt vor Augen, dass es vielleicht auch anders geht: So könne man im Fall von Franklin D. Roosevelt auch sagen, er habe seine Krankheit benutzt, "um zu zeigen, ich bin genau der richtige Mann, um die USA durch die Große Depression und den Zweiten Weltkrieg zu bringen, weil ich es mit meiner Willenskraft geschafft habe, meine Polio-Erkrankung zu bezwingen".

(uko)

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