Von einem politischen Träumer mit Flugschein

10.05.2012
Ed Stuhler hat sich mit Mathias Rust beschäftigt - der Sportflieger, der mitten im Kalten Krieg vor dem Kreml landete. Dabei beschreibt er einen Mann mit Utopien, aber auch einen Mann, der etwas bewirkte.
"Kreml-Flieger": Das Wort allein weckt Bilder und Gefühle. Auch ein Name ist sofort da: Mathias Rust. Ein Westdeutscher aus der Gegend um Hamburg, spätpubertär, schlaksig, mit großer Brille. Am 28. Mai 1987 durchstieß er mit einem Sportflugzeug den Eisernen Vorhang. Er flog Hunderte Kilometer durch die Sowjetunion und landete – so hieß es damals – just auf dem Roten Platz. Eine Sensation. Schadenfreude herrschte: Mitten im Kalten Krieg hatte ein Junge mit seinem kleinen Flieger eine Weltmacht blamiert. Jetzt, 25 Jahre später, rekonstruiert der ostdeutsche Publizist Ed Stuhler (Jahrgang 1945) den Flug, die Vorgeschichte und die Folgen.

Anfang 1987: Die Bemühungen um Abrüstung scheinen festgefahren. Ein Treffen in Reykjavík zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow endete im Herbst 1986 ohne Ergebnis. Mathias Rust ist 18, Lehrling bei einer Bank, politisch ein Träumer und ein "Flugverrückter". Den Flugschein hat er schon. Die harte Haltung des Westens empört ihn. Der Junge möchte Friedenswillen demonstrieren, er will den Reformer Gorbatschow sprechen und ihm sein privates Projekt einer idealen Gesellschaft vorstellen. Beobachter beschreiben den jungen Rust später als intelligent und sensibel, aber psychisch labil, besessen von einer fixen Idee.

Gut vorbereitet fliegt er Mitte Mai 1987 von Hamburg via Island nach Finnland und dann - am Gründonnerstag, Christi Himmelfahrt - nach Moskau. Von der russischen Luftabwehr wird der Grenzverletzer beobachtet, jedoch nicht behindert. Er landet auf einer Moskwa-Brücke, direkt neben dem Roten Platz. Die Moskauer feiern den tollkühnen Flieger; sein Idol Gorbatschow aber grollt wegen der "Ohrfeige".

Rust wird zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt, doch so schlimm kommt es nicht. 432 Tage lebt er in einem Moskauer Gefängnis, die Aufseher bringen Plätzchen und Piroggen, dann kehrt der junge Mann heim in eine fremd gewordene Welt: Die Medien reißen sich um den Abenteurer (das Magazin "Stern" zahlt 100.000 Mark für Exklusivrechte), aber der ist überfordert und spielt nicht recht mit.

Und so wird aus einem Helden bald ein Jüngelchen, gar ein Verräter (weil er beim Feind war), es gibt Morddrohungen. Rust reagiert mit Angst und Aggression, 1989 sticht er eine junge Frau nieder, wieder muss er ins Gefängnis. Heute arbeitet Mathias Rust als Finanzgutachter in der Schweiz, seine Jugendtat betrachtet er nüchtern, kritisch, mit Abstand.

Ed Stuhler beschreibt den Mann als Utopisten mit messianischen Anwandlungen, der aber etwas bewirkt hat: Gorbatschow nutzte den Fall Rust, um die Militärführung auszuwechseln; er brach die Macht der Hardliner, die Folgen sind bekannt.

"Der Kreml-Flieger" ist ein durchaus spannender Bericht, aber mit auffälligen Mängeln. Die Interviews – etwa mit Rust, Ex-Minister Genscher, dem damaligen BND-Chef sowie hohen russischen Zeitzeugen – stammen aus zweiter Hand (von einem Filmteam), und sie sind wenig ergiebig. Stuhler pflegt einen biederen, manchmal geschwätzigen Stil.

Es gibt Abschweifungen, schräge Metaphern, Kitsch und Klischees, die Wortwahl ist bisweilen nahe am Boulevard. Vor allem fehlen dem Autor Skepsis und Distanz, Ed Stuhler identifiziert sich mit seiner Figur, Kritik an Person und Projekt weist er empört zurück. Trotzdem: Dieses Buch erhellt die Hintergründe eines abenteuerlichen "Jugendstreichs" und dessen verblüffende politische Auswirkungen.

Besprochen von Uwe Stolzmann

Ed Stuhler: "Der Kreml-Flieger. Mathias Rust und die Folgen eines Abenteuers"
Ch. Links Verlag, Berlin 2012
190 Seiten, 16,90 Euro.

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"Wir brauchen mehr Knalltüten" - Wladimir Kaminer über den Kreml-Flug Mathias Rusts
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