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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.01.2014

Vom Zündstoff nach 1918Eine Katastrophe, die die Welt geprägt hat

Oliver Janz: "14 - Der große Krieg"

Von Ulrich Baron

Kaiser Nicolaus II mit Repräsentanten anderer Länder des 1. Weltkriegs. (picture alliance / Itar-Tass)
Kaiser Nikolaus II. mit Repräsentanten anderer am Ersten Weltkrieg beteiligter Länder. (picture alliance / Itar-Tass)

Dieses Buch will einen Überblick über die auch für Experten nur schwer zu durchschauende Forschungsliteratur zum Ersten Weltkrieg geben, was ihm auf inspirierende Weise gelingt. Vor allem wird klar, dass die globale Bedeutung dieses Ereignisses aus eurozentrischer Perspektive gar nicht zu erfassen ist.

Der Berliner Historiker Oliver Janz überrascht in der Einleitung zu seinem Buch "14 - Der große Krieg" mit einer lakonischen Feststellung:

"Am Ende des Krieges, der Deutschland hohe Reparationen auferlegte, war ganz Europa in den USA verschuldet."

Diese nüchterne ökonomische Bilanz baut er noch aus. Der Krieg habe vielen zunächst neutralen Ländern wie den USA, Lateinamerika und einigen Staaten Asiens neue Exportmärkte beschert, deren Volkswirtschaften sich dadurch "dramatisch verändert" habe:

"So wirkte für große Teile der restlichen Welt der Krieg wie ein großes, von Europa finanziertes Konjunkturprogramm."

Neu sind solche Einsichten zwar nicht, doch summieren sie sich in der Einleitung zu einer globalen Perspektive, die weit über die räumlichen Grenzen Europas und die zeitlichen von 1914 bis 1918 hinausweisen:

"Zu einem globalen Konflikt wurde der Krieg auch dadurch, dass Frankreich und Großbritannien die Ressourcen ihrer kolonialen Imperien mobilisierten, die ein Viertel der Weltbevölkerung ausmachten, und zwar nicht nur in ökonomischer, sondern auch in militärischer Hinsicht."

Vor allem das britische Empire konnte auf das militärische Potenzial "weißer" Dominions in Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland zurückgreifen. Allein Kanada habe mehr als 450.000 Soldaten gestellt, von denen 60.000 fielen und 170.000 verwundet wurden. Und Neuseeland habe sogar mehr als ein Zehntel seiner gesamten Bevölkerung in den Krieg geschickt: 40 Prozent der Männer zwischen 25 und 40 Jahren. Und mehr als die Hälfte von ihnen sei verwundet oder sogar getötet worden.

Vielen dieser Männer hatte der Krieg eine erste Begegnung mit Europa gebracht, zu dem familiäre Kontakte längst abgerissen waren. Und nicht nur die neuseeländischen Maori-Soldaten hätten daraus ein neues Selbstbewusstsein geschöpft, meint Janz:

"So hat der Erste Weltkrieg die Nationenbildung und Verselbständigung der Dominions entscheidend vorangetrieben, zumal sie der Krieg mit eigenen Mythen und Erinnerungsorten wie Gallipoli versorgte, die bis heute zum Kernbestand ihrer nationalen Erinnerungskultur zählen."

Doch auch ganz unmittelbar habe der Große Krieg sowohl innerhalb Europas als auch weit über die Grenzen Europas hinaus gewirkt. Am Beispiel von Rumänien, Bulgarien, Italien, Portugal, Japan, China und dem Osmanischen Reich lasse sich beobachten,

"… wie alle den europäischen Kernkonflikt auszunutzen versuchten; entweder, wie das Osmanische Reich, Portugal und China, um ihre Position zu konsolidieren, oder, wie etwa Japan, das im Ersten Weltkrieg zur dominanten Macht in Südostasien und im pazifischen Raum aufstieg, um massiv zu expandieren."

Und nicht nur an der Westfront habe man versucht, sich gegenseitig in mörderischen Materialschlachten ausbluten zu lassen. An den östlichen und sudöstlichen Fronten Europas und im Nahen Osten seien die Verlustraten höher gewesen als im Westen:

"So ist etwa ein Drittel der serbischen und rumänischen Soldaten im Krieg umgekommen, mehr als doppelt so viel wie im deutschen oder im französischen Heer. Das osmanische Heer verlor 20 Prozent seiner Soldaten, fast doppelt so viele wie Briten oder Italiener."

(Campus Verlag)Cover: "14 - Der große Krieg" (Campus Verlag)Angesichts solcher Fakten stellt sich die Frage der Periodisierung zwangsläufig, denn der russische Bürgerkrieg und die Kämpfe im Nahen Osten gingen nach der Kapitulation Deutschlands im Jahre 1918 ebenso weiter wie die Expansion Japans. Neben Konsumgütern habe Japan vor allem auch Munition nach Europa geliefert und sei als Bündnispartner von den Gegnern Deutschlands aufgewertet worden. Das gab der einzigen asiatischen Macht, die dem Westen damals Paroli bieten konnte, eine Gelegenheit:

"Die ideale Gelegenheit, seine imperiale Vormachtstellung in Ostasien weiter auszubauen."

Zwar empfindet Janz die These vom "Zweiten Dreißigjährigen Krieg", die den Ersten und Zweiten Weltkrieg als "Europäischen Bürgerkrieg 1914-1945" zusammenfasst, durchaus problematisch. Doch sein Buch zeigt, wie viel Zündstoff nach 1918 vorhanden war. Er möchte sein vergleichsweise schmales Werk auch nicht als großes Handbuch verstanden wissen, sondern als:

"Überblick, der auf der Basis einer auch für die Experten nur noch schwer zu überschauenden Forschungsliteratur systematische Schneisen schlägt und sich auf die wichtigsten Akteure und Kräfte, Entwicklungen und Konstellationen beschränkt."

Das ist Oliver Janz auf oft so anregende Weise gelungen, dass man sich wünschte, er hätte die makrohistorische Perspektive, also das anlässlich des Jahrestages kohortenweise beackerte Pflichtprogramm von Kriegsursachen und Schlachtverläufen, manchmal noch couragierter durchbrochen.

Seine Darstellung des industriellen Maschinenkriegs, der sich zwischen labyrinthischen Gräben festfraß, hätte durch eine ausführlichere perspektivische Darstellung einer neuen Phase der totalen Mobilmachungen durch Panzer, Flugzeugen und Flugzeugträger noch gewonnen. Und ein Ernst Jünger hätte ihm mehr bieten können als einschlägige Beschreibungen tödlicher Stahlgewitter. Überhaupt scheint das erklärte Bestreben von Janz, "Ereignisse und Zusammenhänge durch den Blick auf die Erfahrungen einzelner Menschen und ihrer Schicksale" deutlich zu machen, gegenüber literarischen Zeugnissen und Tagebüchern erstaunlich zaghaft entwickelt.

So ist das Buch von Oliver Janz nicht der grabplattenschwere Schlussstein in Sachen Erster Weltkrieg. Es ist vielmehr eine bisweilen skizzenhafte, aber höchst inspirierende Anregung, diesen großen Krieg als etwas zu begreifen, das unsere Welt vorgeprägt hat und dessen globale Bedeutung allein aus eurozentrischer Sicht gar nicht vollständig zu erfassen ist.

 

Oliver Janz: 14 - Der große Krieg
Campus Verlag
415 Seiten, 24,99 Euro - als Ebook 20,99 Euro
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