Kommentar zur Volksbühne Berlin
Das temporäre Volksbad vor der Volksbühne in Berlin können Gäste vom 7. August bis 1. Oktober samt Schwimmbecken und Pommesbude nutzen © picture alliance / Jörg Carstensen / Joerg Carstensen
Badespaß unter dem Deckbademantel der Kunst
04:13 Minuten

Das „Volksbad“ vor der Berliner Volksbühne will Kunst und politischen Protest verbinden. Doch wenn jede tagespolitische Klage zur Performance erklärt wird, droht Kunst zur medienwirksamen Mitmachaktion zu verkommen.
Neulich bekam ich das Angebot, einer brisanten künstlerischen Aktion beizuwohnen. Aufführungsort war das Spreeufer in Berlin. Neben mir hatten sich noch ein paar andere Zuschauer eingefunden, die der Premiere unter offenem Himmel entgegenfieberten. Was war zu sehen? Eine junge Frau, im Outfit einer Heimmutter, wusch in einer Zinkwanne Socken und Hemden und hing diese tropfnass in Zeitlupe auf eine Leine. Zehn Minuten später, nach einigen ratlosen Deutungsversuchen, wagte ich die Künstlerin nach dem Sinn ihres Tuns zu fragen. Kreatives Schweigen. Auch die Spree ruhte stumm in ihrem Bett. Schließlich antwortete jemand aus dem Publikum: "Sie wäscht des Kaisers neue Kleider!"
Die empörte Zurückweisung von Kunstsachverständigen folgte sofort: Dieser Wäschewaschmove sei als Protest gegen die weltweite Verschmutzung der Flüsse zu verstehen! – Wow!
Theatergänger schimpfen über das Eventgehabe
Mit Wasser hat auch das Unterfangen des neuen Intendanten der Volksbühne zu tun: Auf dem Rosa-Luxemburg-Platz steht ein temporäres Pop-up-Schwimmbecken, in dem das Volk baden gehen kann. Kostenlos, um auf seine Kosten zu kommen. Öffentlich, um der Öffentlichkeit die Augen zu öffnen: Seht her! Berlin lässt seine Schwimmbäder vergammeln, hier, vor unserem Theater, darf der Bürger nun seine Bahnen ziehen!
Das Protestprojekt "Volksbad" kommt unter dem Deckbademantel der Kunst daher und schlägt – das ist sicher Teil der Inszenierung – medial und mental Wellen: Da werden im Chlorwasser versenkte Steuergelder hochgerechnet; klassische Theatergänger schimpfen über das ausufernde Eventgehabe, und diejenigen, die schon auf das Wort "Kultur" allergisch reagieren, sagen angesichts des feuchtfröhlichen Happenings den Untergang der Menschheit voraus.
Alltäglichkeit wird in Kunst umgedeutet
Natürlich: Das ist Berlin, eine Stadt, die sich als Kulturmetropole versteht, und es in vielerlei Hinsicht auch ist. Wenn jedoch jede tagespolitische Klage und jedes Fitzelchen Alltäglichkeit in Kunst umgedeutet wird, beginnt dieselbe sich anzubiedern, und zwar: ans Banale. Theater beispielsweise rechtfertigt sich als solches schon, wenn jemand im urbanen Raum ein Pfützchen hinterlässt. Performance schlägt Schauspiel, Bekenntnis schlägt Erkenntnis, moralische Observation freies Denken. Triviales wird mit Bordüren intellektueller Bedeutsamkeit umhäkelt, doch wenn damit – wie es oft der Fall ist – Widerstand gegen kulturelle Krisen beschworen wird, gerät dieser allenfalls zum Gaudi.
Kunst ist dann kaum mehr als ein medienwirksames Etikett, das Unterkomplexes betont und in der Bevölkerung zunehmend beliebter wird. Niederschwellig, unterhaltsam, mitmachtauglich soll alles sein, Subtilität und Mehrdeutigkeit vermieden werden. Auch Empathie und Authentizität werden vom Künstler und seinem Werk gefordert. Authentisches jedoch findet keine Form, weil es, mit gewöhnlichen Mitteln strapaziert, stets an der Oberfläche bleibt.
Oft verwässert in aufgelösten Zeiten der Kunstbegriff. Künstler kämpfen nurmehr um Aufmerksamkeit, weniger um das, was sie bewirken sollten: aus ungewohnter Perspektive besonders zu sehen; die Welt, deren Teil man ist, zu hinterfragen; autonom zu bleiben, Freiräume zu schaffen.
Der Architekt Mies van der Rohe sagte einmal: "Ich möchte nicht interessant sein, ich möchte gut sein." Ich füge hinzu: Wenn die Kultur baden geht, geht die Kultur baden. Der Eintritt ins "Volksbad" aber – denken Sie dran! – ist frei!









