Volker Lösch über "House of Horror" in Bonn

Abschied von der männlichen Attitüde

08:52 Minuten
Eine Theater-Szene der Produktion HOUSE OF HORROR (Text von Volker Lösch und Christine Lang), die am Theater Bonn uraufgeführt wird. Das Zu sehen ist ein riesiges Ledersofa vor und auf dem sich Mitglieder des Ensembles bewegen.
Das riesige Sofa symbolisiert nicht nur die Besetzungscouch am Theater, sondern den Machtmissbrauch, dem sich das Stück "House of Horror" widmet © Theater Bonn / Thilo Beu
Volker Lösch im Gespräch mit Ute Welty · 24.05.2019
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In seinem Stück "House of Horror" wirft der Regisseur Volker Lösch einen neuen Blick auf Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt am Theater. Dabei scheut er auch nicht vor Selbstkritik zurück – und fordert eine Frauenquote auf der Bühne.
Für die Inszenierung des Stücks "House of Horror" am Theater Bonn hatte das Autorenteam Volker Lösch und Christine Lang einige Zeit vorher einen Aufruf gestartet. Es meldeten sich zahlreiche Frauen, die über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch sprechen wollten. Diese Geschichten wurden dann transkribiert, zu Texten verarbeitet und jetzt in der Aufführung anonymisiert auf die Bühne gebracht.
Lösch führt auch Regie und will eine Reflexion über Macht im Theaterbetrieb sowie Erfahrungen von Menschen mit Machtmissbrauch auf der Bühne zusammenbringen. Mit der MeToo-Debatte habe für ihn ein neues Nachdenken über diese Themen begonnen, sagte Lösch im Deutschlandfunk Kultur.
(gem)

Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: #MeToo – ein Hashtag und ein Schlagwort haben sich vor zwei Jahren festgesetzt, und das Nachdenken über sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch hört nicht auf. Ich habe gesprochen mit Philosophin und Buchpreisträgerin Carolin Emcke, deren neues Buch sich mit sexualisierter Gewalt auseinandersetzt und die unbedingt den Reiz von Erotik bewahren möchte.
Carolin Emcke: Ich glaube, dass man beides gleichzeitig kann, dass man einerseits sehr, sehr klar abgrenzen kann, sehr, sehr klar abwehren kann, was Machtmissbrauch ist, was Übergriffigkeit ist, was Nötigung ist, was Belästigung ist oder was sexualisierte Gewalt ist und dass man gleichzeitig aber auch sagen kann, worauf man Lust hat, was man möchte.
Der Theaterregisseur Volker Lösch im Gespräch mit Schauspielern des Ensembles vom Schauspielhaus Bonn.
Der Theaterregisseur Volker Lösch im Gespräch mit Schauspielern des Ensembles vom Schauspielhaus Bonn.© Theater Bonn / Thilo Beu
Welty: Heute hat in Bonn Premiere ein Theaterstück zum selben Thema. Volker Lösch ist einer der Autoren und führt auch Regie. Guten Morgen, Herr Lösch!
Volker Lösch: Guten Morgen!
Welty: Was genau hat Sie dazu gebracht, dieses Stück zusammen mit Christine Lang zu schreiben und dann auch in Szene zu setzen?
Lösch: Wir haben uns natürlich 2017 auch mit der MeToo-Debatte beschäftigt und haben dann erst mal begonnen, also ich persönlich auch, über Machtmissbrauch im Theater nachzudenken. Ich habe über meinen eigenen Machtmissbrauch angefangen nachzudenken erst richtig nach der Geschichte mit Kevin Spacey, und dann zieht das natürlich, wenn man damit mal anfängt, weitere Kreise, weil im Theater natürlich diverse Fälle von Machtmissbrauch und Sexismus stattfinden, genauso wie in anderen Bereichen der Gesellschaft.
Die wurden dann auch sehr zögerlich, muss man sagen, im Theater öffentlich gemacht, und wir wollten dann weiterforschen, haben uns mit Literaturen beschäftigt und mal so grundlegend Gedanken gemacht, was spielen wir eigentlich, welche Rollenbilder zeigen wir auf dem Theater, wie verhalten wir uns hinter der Bühne, und was präsentieren wir vorne auf der Bühne.

Anleihen an den Horrorfilm

Welty: Titel des Stücks ist "House of Horror", das klingt blutrünstig, sensationsheischend und erinnert eher an Splattermovie denn an ernsthaftes Theater.
Lösch: Ja, der Titel hat was damit zu tun, dass wir das Genre des Horrorfilms mit reingenommen haben. Es ist natürlich auch ein unterhaltender Abend, der auf eine unterhaltende Art und Weise Inhalte vermitteln soll und natürlich eine Zuspitzung dessen, was letztlich im Theater und in den Literaturen, die dem Theater zugrunde liegen, stattfindet, und das kann man natürlich auch, wenn man es zuspitzt, als ein House of Horror bezeichnen.
Welty: Für das Stück haben Sie Menschen mit Gewalt- und Missbrauchserfahrungen aus Bonn und Umgebung aufgerufen, sich bei Ihnen zu melden, sich zu beteiligen. Wer hat sich gemeldet, und wie haben Sie das dann eingebunden?
Lösch: Also es haben sich Frauen gemeldet, die über sexuelle Gewalt, über Machtmissbrauch im weitesten Sinne mit uns gesprochen haben. Das ist nicht so einfach, da Menschen kennenzulernen, die darüber reden, weil es natürlich mit Tabus belegt ist, weil es natürlich auch nicht einfach ist, darüber zu reden. Ich arbeite hier ja schon seit einigen Jahren, habe ein paar Kontakte, Netzwerke in der Stadt, sodass zumindest die Menschen, die sich gemeldet haben, wussten, dass das seriös behandelt wird alles, und es hat zögerlich angefangen, es wurde dann immer mehr. Wir haben diese Geschichten transkribiert, wir haben sie zu Texten verarbeitet und werden sie dann in dieser Inszenierung auch anonymisiert auf die Bühne bringen.
Welty: Und die Leute sind damit einverstanden.
Lösch: Die Leute sind einverstanden damit größtenteils, wenn es anonymisiert wird. Also die meisten möchten nicht persönlich auf der Bühne stehen, um diese Geschichten zu erzählen, und sie möchten auch in der Regel nicht, dass ihr Name genannt wird oder beschrieben wird, was da stattfindet, aber dass die Geschichten erzählt werden, das ist ein großes Bedürfnis.

Scham spielt eine große Rolle

Welty: Das heißt, es spielt aber auch immer noch sowas wie Scham eine große Rolle.
Lösch: Ja, das spielt eine große Rolle, Scham, und es spielt vor allen Dingen eine große Rolle, Angst davor, dann wie auch immer bestraft zu werden, ob das jetzt den Partner betrifft, die Partnerin betrifft oder ob es die Institution betrifft, in der man arbeitet. Also man kann ja da relativ schnell dann rausfliegen oder zumindest dann in eine Ecke gestellt werden, die dann da heißt, du bist nicht loyal, und das ist nach wie vor auch am Theater ein ganz großes Mittel der Unterdrückung, des Machtausübens. Das ist eben eine Atmosphäre der Angst, und die kann nur in stark patriarchal strukturierten, also in hierarchisch strukturierten Betrieben stattfinden.
Welty: Das Theater an sich ist ja auch nicht gerade berühmt für seine demokratischen Strukturen, ähnlich wie das Filmgeschäft. Was ist da Ihre Erfahrung als Regisseur?
Lösch: Die Erfahrung als Regisseur ist die, dass es einem das System leicht macht, wenn man nicht aufpasst, Macht zu missbrauchen, weil die Hierarchien sehr, sehr streng sind, sehr, sehr stark sind, und wenn man jetzt autoritär auftritt, wenn man sich im Ton vergreift, wenn man sexistische Bemerkungen auf Proben macht, gibt es selten Korrektive. Man kann – da gibt es ja auch so Fälle von Kollegen – also wirklich wie ein Tyrann auftreten, ohne dass das große Konsequenzen hat, und das ist etwas, was wir unbedingt angehen müssen, weil das kann so nicht weitergehen, definitiv nicht.

Probebühnen als schwieriger Raum

Welty: Wo erleben Sie das denn noch?
Lösch: Man erlebt es vor allen Dingen auf Probebühnen. Das ist ein geschützter Bereich dahingehend, dass der zu ist. Das ist ein Bereich, in dem extrem viel offengelegt wird, in dem Menschen sich richtig auspacken, indem sie ihre Emotionen auf eine Art und Weise zeigen, wie das sonst nirgendwo stattfindet, und da Schauspielerinnen und Schauspieler nur sich selber haben, ihren Körper haben und ihre Emotionen haben, sind sie natürlich extrem anfällig dafür, dann da schlecht behandelt zu werden.
Da findet es statt, findet statt auch in Stresssituationen, wenn Produktionen dann auf die Bühne gebracht werden, und es findet vor allen Dingen auch statt im Umgang mit Literaturen, also mit unseren sogenannten bürgerlichen Literaturkanon, in dem einfach bestimmte veraltete Rollenbilder immer wieder weiter auf die Bühne gebracht werden und somit nicht dazu beitragen, dass sich da etwas in Bezug auf Gleichberechtigung, Gleichbehandlung ändert.
Welty: Wie ist Ihre Haltung dazu, dass darüber diskutiert wird, dass man nach MeToo bestimmte Stücke nicht mehr spielen kann? Grenzt das an Selbstzensur?
Lösch: Nein, das ist keine Selbstzensur, sondern im Gegenteil, es ist etwas, was wir dringend machen müssen. Also es gibt ein kulturelles Gedächtnis, was wir im Theater haben, und dieses ist wirklich voll mit toten und vergewaltigten Frauen, und in unseren Stücken sagen diese Frauen, das Theater ist auf eurem Grab gebaut. Das ist Gretchen, das ist Lulu, die davon erzählt, dass sie verprügelt wird, vergewaltigt wird und vernichtet wird, der nur Kraft und Stärke am Anfang des Stückes zugestanden wird, und Autoren schreiben dann diese Figuren immer so, dass sie am Schluss dann doch das bekommen, was sie verdienen aus dieser Zeit heraus.
Also sie wir ja dann, wenn man jetzt bei Lulu bleibt, letztlich in die Armut gestürzt und wird dann von Jack the Ripper aufgeschlitzt, ihr wird die Gebärmutter rausgeschnitten. Also all diese Dinge, die da in diesen Stücken stattfinden, das sind natürlich Vorgänge, die man definitiv hinterfragen muss. Ich frage mich in Bezug auf ganz viel dieser Figuren und Stücke, warum das jetzt noch gezeigt werden muss. Es gibt so viele gute neue Theaterstücke, so viele gute neue Autorinnen und Autoren, und wir sollten da, glaube ich, einfach mit der Zeit mitgehen und nicht der Zeit hinterherlaufen im Theater.

Aufhören das coole Genie rauszuhängen

Welty: Was machen Sie persönlich nach MeToo anders als vorher?
Lösch: Ich stelle fest, je mehr ich mich damit beschäftige desto mehr gucke ich auf mich drauf. Also man schämt sich dann auch in Bezug auf bestimmte Dinge, die man gemacht hat, weil sie einen auch einfallen im Nachhinein, und man muss aufpassen, als Mann vor allen Dingen in dem Betrieb, weil man einfach sehr schnell sehr autoritär auftreten kann und den falschen Ton dann hat in bestimmten Situationen und dass man auch aufhört, da das coole Genie rauszuhängen. Das ist so eine männliche Attitüde gerade im Film- und im Theaterbusiness.
Medien spielen dann natürlich auch mit, indem sie auch das Ganze dann auch mit aufblasen, und dann glaubt man irgendwie, ein ganz toller Typ zu sein, und man ist einfach nur ein ganz normaler Typ, so wie alle anderen auch. Man muss auch mit starken Partnerinnen zusammenarbeiten, das ist ein ganz wichtiger Punkt.
Also Christine Lang, die Filmemacherin, ein Beispiel davon, von einer Frau, die einfach eine Feministin ist und die eine tolle Künstlerin ist auch und die mit mir zusammen das da schreibt, das bringt mich weiter, und das ist das, was wir Männer machen können. Wir können gucken, dass wir unser Umfeld einfach immer weiblicher machen im Sinne von, dass wir auch Positionen als Machthabende immer weiblicher besetzen und zumindest dann in die 50:50-Situation kommen, von der wir auch im Theater weit entfernt sind. Wir haben eine ganz unterirdische Quote, was Gleichheit betrifft.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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