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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.03.2020

Virologin über aktuelle Fallzahlen"Coronavirus ist nicht mehr aufzuhalten"

Melanie Brinkmann im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Ein Mann mit einer Schutzmaske vor einer Apotheke, Schutzmasken sind fast ausverkauft. (picture alliance/dpa/Markus Ulmer)
Viele Menschen verfallen angesichts der Corona-Epidemie in Panik und greifen zu übertriebenen Schutzmaßnahmen. (picture alliance/dpa/Markus Ulmer)

Die Gefahr für den Einzelnen durch das Coronavirus ist offenbar geringer, als viele annehmen. Dass die Fallzahlen steigen, sei bei einer Epidemie normal, sagt die Virologin Melanie Brinkmann. Aber es sei wichtig, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten.

Stephan Karkowsky: Es mehren sich die Stimmen jener, die sagen, mehr Schaden als das Coronavirus selbst verursacht unsere Angst davor. Schaden für die Weltwirtschaft, vielleicht weltweit mehr Tote durch mehr Armut, möglich seien aber auch Todesopfer durch unterbrochene Lieferketten, etwa bei Medikamenten.

Wie können wir der Coronahysterie begegnen, das frage ich Professor Melanie Brinkmann. Sie ist Virologin an der TU Braunschweig und Arbeitsgruppenleiterin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung.  Ich darf verraten, Sie hatten eigentlich gar keine Lust auf noch ein Interview zum Thema. Reden wir zu viel über ein Problem, das so groß gar nicht ist?

Brinkmann: Das möchte ich ein bisschen korrigieren mit der Lust. Ich halte es für ganz wichtig, dass die Kommunikation aufrechterhalten wird zu diesem Thema. Ich bin ganz froh, dass so viele Fragen kommen von der Bevölkerung und dass wirklich Interesse besteht, denn wenn Interesse besteht, dann möchte ich das auch als Wissenschaftlerin gerne befriedigen mit Antworten.

Was mich manchmal etwas stört, ist das Format, dass man oft nicht genug Zeit hat, die Zusammenhänge gut zu erklären und manchmal zu Aussagen auch fast schon gezwungen wird: Jetzt sagen Sie doch mal wie gefährlich ist denn das Virus. Das kann man manchmal in einem Satz einfach nicht beantworten.

Karkowsky: Und das beunruhigt die Menschen dann wahrscheinlich noch mehr, wenn selbst die Experten sagen: Ich kann das nicht in einem Satz beantworten, oder?

Brinkmann: Das vielleicht nicht so sehr, aber ich glaube, was für viele Menschen, glaube ich, gerade unbefriedigend ist, dass die Experten tatsächlich sagen, das kann ich jetzt noch nicht beurteilen, was in zwei Wochen sein wird, kann ich jetzt vielleicht eine Prognose abgeben, aber ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wie es ist. Das finde ich aber gut, dass Experten das sagen. Es ist besser als wenn sie irgendwas behaupten, was Verunsicherung bringt, und dann ist es vielleicht in die falsche Richtung gegangen. Ich finde es gut, zu sagen, ich kann es im Moment noch nicht beurteilen, ich kann es etwas versuchen einzuschätzen.

Steigende Fallzahlen sind normal

Karkowsky: Ich stelle mal eine ganz einfache Frage: Ist es ganz normal, dass eine Epidemie zunächst täglich steigende Fallzahlen mit sich bringt?

Brinkmann: Ja, das ist normal, und das ist auch eine wichtige Nachricht. Wir werden steigende Fallzahlen auch in Deutschland haben. Das wird so sein. Ich glaube, es ist gar nicht gut, jetzt jeden Tag zu schauen, so, wie viele sind es heute, sind es jetzt 100, sind es 102. Man kann einfach sagen, es wird mehr sein am nächsten Tag. Das wird so sein.

Karkowsky: Das beunruhigt die Menschen natürlich. Hilft es, diese Zahlen immer ins Verhältnis zu setzen zur Gesamtbevölkerung oder vielleicht sogar zu den Influenzafällen?

Brinkmann:. Es hilft, zu sagen, wie groß ist denn jetzt wirklich das Risiko des Einzelnen. Man muss bei der Kommunikation dann auch immer beachten, was ist jetzt die Auswirkung für die ganze Gesellschaft und vielleicht auch für die ganze Weltbevölkerung, und wie ist es für jeden Einzelnen. Da hilft es sehr, zu kommunizieren, dass jetzt im Moment die Gefahr für den Einzelnen sehr gering ist, also die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich jetzt, wenn ich einkaufen gehe oder ins Kino gehe, anstecke, ist im Moment noch sehr gering. Das muss man schon noch mal deutlich sagen. Das nimmt dann auch die Angst, denke ich.

Begrenzte Faktenlage

Karkowsky: Auch der Gesundheitsminister ist in einer schwierigen Lage, denn versucht Jens Spahn zu beruhigen, wirft man ihm Verharmlosung vor. Gründet er einen Krisenstab, dann ist gleich von Panikmache die Rede. Wie bewerten Sie denn das Handeln der Bundesregierung inklusive Kanzlerin, die sagt, einfach mal das Händeschütteln sein lassen?

Brinkmann: Diese Behörden und auch das Ministerium befinden sich gerade wirklich in einer schwierigen Lage, denn man kann eigentlich sagen, egal, was sie gerade tun, es kann falsch sein oder es kann im Nachhinein als eine übertriebene Maßnahme wahrgenommen werden, oder sie haben nicht genug getan. Das Mittelmaß zu finden, ist im Moment fast unmöglich.

Die Faktenlage ist einfach im Moment noch begrenzt, aber es müssen trotzdem schon Entscheidungen getroffen werden. Das kann mal in die eine oder andere Richtung leider gehen. So ist es jetzt.

Karkowsky: Wie muss ich das zum Beispiel verstehen, wenn der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sagt, es werden sich wahrscheinlich 60 bis 70 Prozent infizieren, aber wir wissen nicht, in welcher Zeit. Heißt das also wirklich, wir werden fast alle Coronavirus kriegen?

Brinkmann: Ja, das wird so sein. Das liegt einfach an der Natur der Sache. Das Virus ist relativ leicht zu übertragen und auch von Menschen, die sich im Moment vielleicht gar nicht krank fühlen und deshalb natürlich ihr Verhalten auch nicht ändern. Sie bleiben nicht zu Hause, sie gehen normal zur Arbeit, und dadurch verbreiten sie das Virus leider auch. Wir sind einfach alle völlig naiv.

Wir haben keinen Immunschutz gegen dieses Virus, und deshalb wird es sich weit ausbreiten in der Bevölkerung. Was jetzt ganz wichtig ist, ist, dass man diese Verbreitung so weit verlangsamt wie möglich, um Zeit zu gewinnen, um das Gesundheitssystem zu entlasten, dass es nicht überfordert ist. Deshalb finden jetzt Maßnahmen statt, wie verlangsame ich die Ausbreitung dieses Virus, und das muss man jetzt wirklich dann auch schauen und sich weiter informieren, was passiert gerade in meiner Umgebung, werden Veranstaltungen abgesagt, und dann muss man das im Moment, fürchte ich, leider so hinnehmen.

Das Gesundheitssystem nicht überlasten

Karkowsky: Wenn aber ein bis zwei Prozent tatsächlich dann auch sterben an diesem Coronavirus, das sind ja große Zahlen tatsächlich, auf die wir uns einrichten müssen.

Brinkmann: Das ist immer alles ein bisschen relativ. Je weniger das Gesundheitssystem belastet ist, desto weniger Menschen werden auch sterben, weil wenn man sich gut um die Patienten kümmern kann. Deshalb ist es gerade so wichtig, dass man das jetzt verlangsamt, dass ich nicht zehn Leute in der Notaufnahme habe, die wirklich schwerkrank sind.

Man muss auch bedenken, viele Menschen sind überhaupt nicht krank. Auch die dürfen jetzt nicht erwarten, ich gehe jetzt in die Notaufnahme, ich habe leichte Symptome, ich möchte sofort getestet werden. Damit tun wir dem Gesundheitssystem nichts Gutes. Es ist gut, dann einfach zu Hause zu bleiben und nicht noch andere Menschen anzustecken. Das muss jetzt  einsinken bei den Menschen. Ich habe leichte Symptome, ich bleibe einfach erst mal zu Hause.

Wenn die Atemnot dazukommt, dann ist es was anderes. Dann muss ich natürlich ärztlichen Rat aufsuchen, aber im Moment ist es wirklich wichtig, dass wir diesen Prozess verlangsamen der Ausbreitung. Ich werde es nicht aufhalten, dieses Virus ist nicht mehr aufzuhalten. Wir werden uns damit infizieren, aber es kommt jetzt ganz drauf an, in welcher Zeit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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