Vincent Delecroix: "Schiffbruch" - Tödliche Flucht per Boot

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Buchcover von Vincent Delecroix' Roman "Schiffbruch"
© Luchterhand

Vincent Delecroix

Aus dem Französischen von Claudia Marquardt

SchiffbruchLuchterhand Literaturverlag, München 2026

160 Seiten

23,00 Euro

Von Michael Eggers |
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Mindestens 27 Menschen ertranken, als 2021 ein Schlauchboot auf dem Ärmelkanal sank. Der Philosoph und Schriftsteller Vincent Delecroix hat im Roman "Schiffbruch" das Unglück nachgezeichnet. Gelungen, notwendig, aufwühlend. Wegsehen unmöglich.
Mit seinem Roman „Schiffbruch“ wendet sich Vincent Delecroix einem Problem zu, das von der europäischen Öffentlichkeit nur allzu gern verdrängt wird: der lebensgefährlichen, illegalen Migration über den Seeweg. Die in unseren Nachrichtenkanälen regelmäßig eintreffenden Meldungen über havarierte Boote unterscheiden sich oft nur durch die Zahl der Opfer und werden rasch wieder von anderen Themen verdrängt.
Der im Mittelpunkt dieses Romans stehende, historische Vorfall aber wurde ausnahmsweise mit größerer Aufmerksamkeit wahrgenommen, nicht nur, weil es auf dieser Route der bisher schlimmste war: Mindestens 27 Menschen ertranken, als im November 2021 ein Schlauchboot auf dem Ärmelkanal zwischen Frankreich und England sank.
In der Folge entbrannte eine Kontroverse darüber, ob das Unglück bei einer schnelleren Reaktion der Behörden eventuell hätte verhindert werden können.
Weite Teile des Romantextes sind aus der Perspektive der französischen Marineoffizierin erzählt, die den Notruf eines der Bootsinsassen entgegennimmt – und für die inzwischen all die verzweifelten Anrufer gleich klingen.

Es ist immer derselbe, der anruft, Nacht für Nacht dieselbe Stimme, dasselbe Flehen, denn egal, wie oft man ihn aus dem Wasser zieht, er kehrt dorthin zurück, der Trottel, einmal, zehnmal, hundertmal: (…) er sagt please, please, der Lerneffekt ist gleich null, Tag für Tag bringen wir ihn an Land, und nachts geht es dann von vorne los, ich glaube, es wird bis zum jüngsten Tag nicht aufhören: Immer wieder erleidet derselbe Typ mitten im Ärmelkanal Schiffbruch und erwartet, dass man ihn da rausholt, auf Dauer ist es ermüdend.

Vincent Delecroix: "Schiffbruch"

Helfen, ohne Empathie 

Die französische Offizierin erzählt von dem Verhör, das eine Kommissarin der Gendarmerie Maritime mit ihr geführt hat, und so erfährt man als Leser aus erster Hand die Details des Vorgangs.
Das sinkende Boot sei zum Zeitpunkt des Notrufs in Richtung der englischen Hoheitsgewässer getrieben worden, so gibt die Offizierin an. Ja, es habe diese schon fast erreicht gehabt, weshalb die Briten zuständig gewesen seien. Außerdem sei das eigene, französische Rettungsboot anderweitig im Einsatz gewesen.
Da die Erzählerin dann allerdings selbst an ihrer Erinnerung zu zweifeln beginnt, ist eine Beurteilung des Falls im juristischen Sinne kaum möglich. Aber darum geht es dem Autor auch gar nicht.
Von Beginn an ist man während der Lektüre irritiert, ja, sogar abgestoßen von der Kälte, mit der die Offizierin in langen Satzperioden über ihre Arbeit spricht, und so konfrontiert uns der Text mit der Frage, mit welcher Haltung man eine solche Tätigkeit überhaupt ausüben kann.
Die Offizierin jedenfalls drückt ihre Meinung in aller Deutlichkeit aus: Empathie hat hier keinen Platz.

Entweder man rettet, oder man hat Mitleid. Entweder man stellt sich Fragen, oder man handelt. Und was ist nun besser: dass ich Rettungsmaßnahmen einleite oder dass ich am Mikro mit ihnen weine? Man wirft mir vor, ich sei seelenlos, doch ich lasse die Seele bewusst in der Umkleide zurück, sie passt nicht in meine Uniform.

Vincent Delecroix: "Schiffbruch"

Sterben im Wasser

Dieser Distanz gegenüber den um ihr Leben kämpfenden Migranten stellt Delecroix den Mittelteil des Romans entgegen. In diesem rückt die nun anonyme Erzählinstanz so nah an die bereits ins eiskalte Wasser geglittenen Verunglückten heran, wie man es sich nur vorstellen kann.
Es ist nichts anderes als dieser genaue, ungeschönte Blick auf das Elend sterbender Menschen unmittelbar vor unseren europäischen Grenzen, der so gerne ausgeblendet wird – weil er nur schwer auszuhalten ist.

Die Sinneswahrnehmungen hatten sich eine nach der anderen abgeschaltet, oder sie waren verschmolzen zu einem allgemeinen, dumpfen Gefühl der Kälte. Die Lippen, aufgedunsen, bewegten sich und formten abgehackte Laute, auf der Brust lag ein unerträglicher Druck, den sie aber kaum mehr wahrnahmen, der Hals war geschwollen und eng. Es dröhnte in ihren Ohren, sie wurden von einer anhaltenden Benommenheit, einer unwiderstehlichen Lethargie erfasst, die sie mit der Ruhe und der verborgenen, unzerstörbaren Stetigkeit des vegetativen Lebens verwechselten. In Wirklichkeit starben sie.

Vincent Delecroix: "Schiffbruch"

Auf der Suche nach den Verantwortlichen

Mit den Mitteln der Literatur mutet Delecroix uns und unserer Vorstellungskraft zu, beim Ertrinken dabei zu sein. Wegsehen unmöglich. Aber er fragt auch, wer verantwortlich ist für eine solche Katastrophe: die Schleuser, die die Migranten auf den Weg gebracht haben, diejenigen, die nicht genug für ihre Rettung getan haben, oder die Flüchtenden selbst?
Und wenn im dritten und letzten Teil des Textes erneut die französische Offizierin zu Wort kommt, deren Persönlichkeit inzwischen bei Weitem nicht mehr so stabil ist, so stellt sich auf subtile Weise die Frage, ob die Beamtin schließlich nicht selbst auch zu einem Opfer der Tragödie geworden ist.
Vieles bleibt offen in diesem aufwühlenden Roman, vieles ist sehr unbequem. Gerade deshalb ist er ein gelungenes, ein notwendiges Stück Literatur.
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