Viktor Schklowski: "Zoo"

"Am liebsten hätte ich, nichts davon wäre passiert"

05:59 Minuten
Buchcover "Zoo" von Viktor Schklowski
© Guggolz Verlag

Viktor Schklowski

Übersetzt von Olga Radetzkaja

Zoo. Briefe nicht über Liebe, oder Die dritte HeloiseGuggolz, Berlin 2022

192 Seiten

22 Euro

Von Hans von Trotha · 12.05.2022
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Er ist unglücklich verliebt. Seiner Angebetete erlaubt ihm, ihr zu schreiben - aber nicht über Liebe. Der russische Schriftsteller Viktor Schklowski verknüpfte Leben und Werk. Das liest sich auch heute noch tröstlich und aufschlussreich.
Was passiert, wenn ein russischer Formalist einen sentimentalen Briefroman schreibt? Es ereignet sich eine literarische Sensation.
So geschehen, als Viktor Schklowski 1923 auf der Flucht vor Verfolgung durch sowjetische Behörden in Berlin strandete wie so viele Russen, unglücklich wie so viele Russen. Unglücklich war auch seine Liebe zu der Schriftstellerin Elsa Triolet, im Leben wie im Buch.
"Verflechtung von Buch und Leben" nennt Olga Radetzkaja das Schklowskische Schreib-Prinzip. Sie hat 2017 schon dessen Hauptwerk ("Sentimentale Reise") mit Genauigkeit und Intensität ins Deutsche gebracht und jetzt "Zoo. Briefe nicht über Liebe" eine neue deutsche Stimme geschenkt.

Erste Übersetzung der Urfassung

Rätselhafterweise war dieses wunderbare Buch ein Vierteljahrhundert lang nur antiquarisch zu bekommen. Auf alle, die es aus früheren Übersetzungen kennen, wartet das große Glück einer ganz neuen Lektüre. Nicht nur, dass Olga Radetzkajas deutscher Schklowski brüchiger, sprunghafter, unberechenbarer wirkt als sein Vorgänger. Sie hat sich auch für eine andere Textvariante entschieden.
Dieses eigenwillig schöne Buch vom verliebten Emigranten, dem die Angebetete zwar erlaubt, ihr zu schreiben, aber nicht über Liebe, hat selbst eine spannende Biografie. Der jetzt übersetzten Urfassung folgten verschiedene Varianten von der Hand des Autors, darunter eine für die Rückkehr in die Sowjetunion entschärfte. Denn als die eine wahre Liebe dieses Autors, dem alle seine Heimaten verlustig gehen und  der von diesen Verlusten so herzergreifend erzählen kann, erweist sich im letzten Brief, gerichtet an das Zentrale Exekutivkommittee der KPdSU: Russland.

Auch Marcel Beyer findet Trost

Die Ausgabe enthält zwei sehr lesenswerte Nachworte, eines von der Übersetzerin und eines von Schklowski-Leser Marcel Beyer. „Er rührt mich. Er erfrischt mich. Er schärft mein Denken“, schreibt Beyer: „All dies kann ich mir leicht erklären. Warum jedoch Viktor Schklowski eine tröstende Wirkung auf mich ausübt, wann immer ich ein Buch von ihm lese, weiß ich nicht.“
Aber wie soll einen ein Buch nicht trösten, in dem Sätze stehen wie: „Am liebsten hätte ich jetzt, dass Sommer wäre, und nichts von allem, was war, wäre passiert. Und ich wäre jung und stark. Von der Mischung aus Kind und Krokodil wäre dann nur das Kind übrig, und ich wäre glücklich.“

Eine wichtige Lektüre, gerade jetzt

Es ist Zufall, dass diese Neu-Ausgabe des Guggolz Verlags in einem Moment erscheint, da in Berlin wieder Züge voller unfreiwilliger Emigranten aus dem Osten ankommen und der russische Staat so sehr zum Feind alles Menschlichen geworden ist, dass bei manchen sogar die russische Kultur unter Verdacht geriet.
Aber das macht es nur umso wichtiger und aufschlussreicher, sich diesem schmalen Stück großer russischer Literatur auszusetzen, gerade in dieser ungeschönten, unzensierten Version.
Zu ihr gehört ein brutaler letzter Absatz, den die bisherige auf Deutsch vorliegende Fassung nicht kannte, eine Erinnerung an den Krieg, kurz vor der Rückkehr in die Sowjetunion.
Am Straßenrand liegen getötete türkische Soldaten, alle ohne rechten Arm. „Warum hat es sie alle am Arm und am Kopf erwischt?“
„Ganz einfach, wenn die Türken sich ergeben, heben sie den rechten Arm.“

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