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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.03.2013

Viel Mailand, wenig Spannung

Paolo Roversi: "Milano Criminale", Ullstein Verlag, Berlin 2013, 461 Seiten

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Ein rivalisierendes Brüderpaar und viele historische Fakten: der neue Roman von Paolo Roversi (picture alliance / dpa)
Ein rivalisierendes Brüderpaar und viele historische Fakten: der neue Roman von Paolo Roversi (picture alliance / dpa)

Ein furioser Auftakt steht am Anfang des neuen Romans von Paolo Roversi: die Geschichte des größten Kriminalcoups, den Italien je erlebt hat. Doch der italienische Historiker gleitet in "Milano Criminale" bald in eine faktenlastige Chronik ab, die voll ist von Klischees.

Die Sache ist bis ins Detail ausgetüftelt und dauert nur wenige Minuten: Ein Fiat überholt einen Geldtransporter und brettert gegen eine Hauswand. Erschrocken bremst der Fahrer des Transporters, gleichzeitig rast ein Kleinlaster gegen sein Auto. Vermummte stürmen den Wagen und erbeuten 600 Millionen Lire. Mit diesem Mailänder Raubüberfall vom 27. Februar 1958 beginnt Paolo Roversi seinen Roman "Milano Criminale". Für seine beiden Protagonisten ist es eine Initiation: Während der zehnjährige Roberto die Übeltäter bewundert und sich vornimmt, ihnen nachzueifern, stellt sich der ältere Antonio auf die Seite des Gesetzes und ergreift später den Beruf des Polizisten.

Paolo Roversi, Jahrgang 1975, Historiker, Charles-Bukowski-Biograf und Verfasser einer Serie über einen Computerhacker, hangelt sich an den Lebenswegen seiner beiden Helden entlang, die wie ein klassisches Brüderpaar miteinander rivalisieren. Gleichzeitig entwirft der Autor ein Panorama der Zeitgeschichte und nutzt den Anschlag auf die Genossenschaftsbank an der Piazza Fontana von 1969 und den Tod des Anarchisten Pinelli während eines Verhörs als Wegmarken.

Selbstbewusst knüpft Paolo Roversi an die Renaissance des italienischen Krimis an, die 1992 mit dem Sizilianer Andrea Camilleri einsetzte und von Schriftstellern wie Carlo Lucarelli, Marcello Fois und Massimo Carlotto fortgesetzt wurde. Die neue Popularität des Genres in Italien lässt sich zum Teil mit gesellschaftlichen Umbrüchen erklären: Anfang der 90er-Jahre kamen die großen Korruptionsfälle ans Licht, die Aktion Mani pulite legte das Ausmaß der moralischen Verwahrlosung des Landes bloß, und ein Politiker wie Berlusconi konnte plötzlich Millionen von Wählern auf sich vereinen. Viele jüngere Autoren suchten nach unverbrauchten Beschreibungsparametern, mit denen sie die komplexe Wirklichkeit in den Griff bekommen und gleichzeitig regional verankern konnten. Genau wie seine erfolgreichen Kollegen beruft sich auch Roversi auf den Urvater des italienischen Noir und lässt ihn sogar zwei Mal anonym auftreten: Giorgio Scerbanenco (1911-1969). Es gibt ein weiteres berühmtes Vorbild: den "Romanzo criminale" (2002) von Giancarlo De Cataldo, an den sich Roversi sogar über den Titel anlehnt. Dass er ihn nicht einmal erwähnt, mutet kleinlich an.

Verzettelt in einer Fülle von Schilderungen

De Cataldo, als Richter in den Prozess gegen die römische Magliana-Bande involviert, hatte aus seinen beruflichen Erfahrungen und politischen Verwicklungen zwischen Geheimdienst, Mafia und gewöhnlichen Kriminellen eine grandiose Dreigroschenoper geschaffen. Weder mit ihm noch mit Lucarelli oder gar Scerbanenco kann sich Roversi messen. Zwar gelingt ihm eine lesbare Chronik, aber allzu oft verfällt er in Klischees und arbeitet die historischen Fakten wie ein Buchhalter ab. Statt die Sache auf einen großen Überfall zulaufen zu lassen, verzettelt er sich in eine Fülle von Schilderungen verschiedenster Verbrechen. Wer mehr über Mailand erfahren will, ist mit Roversi ganz gut bedient. Wer auf einen rasanten Krimi gehofft hatte, wird nach dem spektakulären Auftakt eher enttäuscht.

Besprochen von Maike Albath

Paolo Roversi: Milano Criminale
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Ullstein Verlag, Berlin 2013
461 Seiten, 19,99 Euro


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