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Breitband | Beitrag vom 12.12.2020

VideokonferenzenWink zum Abschied leise Servus

Von Matthias Finger

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Ein verkleideter Weihnachtsmann mit Covidmaske winkt in einem drive-through Christmas event in Seattle, USA. (Getty Images / David Ryder)
Viele Weihnachtsfeiern werden in diesem Jahr wohl auch nur virtuell stattfinden. (Getty Images / David Ryder)

Eines ist mit Corona ganz sicher mehr geworden: die Zahl der Videokonferenzen. Wer es übertreibt, muss mit Kopfweh und Reizbarkeit rechnen. Doch schön ist, wir öffnen uns online mehr. Und mit ein wenig Vorbereitung klappt auch die digitale Weihnachtsfeier.

Das große Fest ist abgeblasen. Verwandtschaft gibt es, wenn überhaupt, nur in überschaubarer Dosis – vielleicht per Videokonferenz. Manche haben ja bereits Erfahrungen mit Onlinepartys: Meine Freundin Anke hat mal an einer teilgenommen – vorm Laptop mit Sektchen am Küchentisch –, ganz normal, eigentlich.

"Man hat immer so ein einen kleinen Delay. Dauert immer ein bisschen länger, eh man versteht, was die anderen sagen. Es fehlt die Spontaneität von einem normalen Tischgespräch. Da kann man nicht mal mit einer Bemerkung den ganzen Tisch unterhalten. Das funktioniert nicht. Aber wenn alle entspannt und flexibel sind – warum nicht?"

Neues Syndrom: Zoom-Fatigue

Hinweise darauf, wie so ein digitales Fest aussehen könnte, liefern auch die gerade angesagten Videokonferenzen im Job. Oberste Regel: Nicht übertreiben.

Denn bei Nutzern macht sich gerade ein neues Syndrom bemerkbar: Zoom-Fatigue.

"Zu Beginn zeigt sich diese Onlinemüdigkeit in einer Reduktion der Konzentration über den Tag hinweg, einer Zunahme von Ungeduld, besonders am Nachmittag und am Abend ist man leicht genervt. Das würde man als erste Phase bezeichnen", sagt Jutta Rump vom Institut für Beschäftigung in Ludwigshafen.

Bei zu vielen Videokonferenzen ohne Pausen folgen Kopf- und Augenschmerzen, die Reizbarkeit nimmt zu. Denn unser Gehirn läuft auf Hochtouren, weil wir die Körpersprache unseres Gegenübers nicht richtig dechiffrieren können. Kopf und Schultern reichen eben nicht.

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"Das ist einem vor Coronazeiten wahrscheinlich gar nicht so aufgefallen: Aber wir nehmen letztendlich eine Situation mit allen Sinnen wahr. Und wenn Sie Körpersprache nicht haben, dann ist das eine eingeschränkte Wahrnehmung, und das macht Menschen unsicher. Dann ist das eine unglaubliche Anstrengung. Und wenn ich das den lieben langen Tag mache, bin ich am Abend platt."

Online enthemmt die Gefühle

Aber wir erfahren auch mehr über die Kollegen. Irgendwie. Sie lassen uns in ihre Wohnungen und streicheln vor den Kameras ihre Katzen. Oder sie präsentieren sich vor Berglandschaften, klaren Seen und New Yorker Großstadtszenen. Im semiprivaten Umfeld – mit vorbeihuschenden Kindern – kann kein Chef sein Team mehr runterputzen.

Durch den, hier mal positiv wirkenden, Online-Enthemmungseffekt öffnen wir uns mehr. Wir teilen in Videokonferenzen eher Gefühle mit, soziale Regeln werden gelockert. Und: Wir tendieren zu infantilem Verhalten und winken zum Abschied in die Kameras wie Kinder, um die fehlende Körpersprache zu kompensieren. Zudem schauen wir uns permanent selber an – in der eigenen Kamerakachel.

Unsere Selbstaufmerksamkeit steigt. Allerdings bedeutet das Stress, weil wir immer möglichst gut aussehen wollen: "Wer ist denn ultimativ zufrieden mit sich selbst, wenn wir mal ganz ehrlich sind?", fragt Psychologin Denise Ginzburg-Marku.

"Und wenn wir uns mal auf Zoom angucken, kommt noch dazu: Die Kamera verzerrt uns auch ein bisschen. Wir schauen ja, wenn wir auf unsere Kachel gucken, nicht direkt in die Kamera, sondern ein bisschen daneben. Das sind alles Prozesse, die steigern diese Selbstaufmerksamkeit. Und die ist nicht gut für uns."

Gelungeres Weihnachten via Skype?

Laut Studie werden aufgrund der grassierenden Videokonferenzen Begriffe wie Haarausfall und Akne vermehrt gegoogelt. Anfragen bei Schönheitschirurgen nehmen zu. Positive Lerneffekte jedoch könnten zu einem gelungenen Weihnachtsfest via Skype oder Zoom beitragen.

"Das müsste man sich überlegen, ob Papa – der sonst auch immer die Hosen anhat – die Rolle des Moderators übernimmt. Und man könnte natürlich sagen: Das Enkelkind muss ein Gedicht rezitieren. Das andere Enkelkind muss zur Gitarre greifen oder am Klavier sitzen. Und dann könnte Mama noch mal erzählen, was sie gekocht hat oder so", sagt Anke.

Eine Struktur ist hilfreich: Auf meiner digitalen Betriebsweihnachtsfeier hat jeder – der Reihe nach – vor der eigenen Kamera sein zugelostes Wichtelgeschenk ausgepackt und zu Hause am eigenen Glühwein genuckelt. Auch analoge Spiele funktionieren online.

"Ich habe auch schon über Webcam so gespielt, dass man das Spielbrett sehen konnte: Jeder hatte das Spielbrett bei sich aufgebaut und nachgemacht, was die anderen gemacht haben. Bei Kartenspielen reicht es oft, die Karten in die Kamera zu halten. Bei Quizspielen reicht es ja auch, die Fragen vorzulesen", erklärt Robin de Cleur von asmodee.com.

Die Firma vertreibt Brettspiele und postet Anleitungen für Videochatvarianten im Netz. Entfernt lebende Familienmitglieder können an den Weihnachtsfeiertagen auch gemeinsam Filme schauen – beispielsweise mit der Browsererweiterung Streamparty. Kommuniziert wird über Text oder Videochat. Allerdings ist klar: Feuchtfröhliche Familienfeiern wird es per Videokonferenz an Weihnachten wohl nicht geben. Da müssen wir noch etwas warten – bis nächstes Jahr.

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