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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.04.2015

VertreibungDen Türken fehlen die Armenier

Von Albrecht Metzger

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Türken und Armenier erinnern im April 2014 in Istanbul an Opfer des Völkermords an den Armeniern. (dpa / picture alliance / Sedat Suna)
Türken und Armenier erinnern in Istanbul an Opfer des Völkermords an den Armeniern. (dpa / picture alliance / Sedat Suna)

Sie galten als Kollaborateure des russischen Feindes. Deswegen sollten sie von der Landkarte des Osmanischen Reiches verschwinden: armenische Intellektuelle, Künstler und Politiker. Erst langsam wird ihr Fehlen in der Türkei anerkannt.

Mit der armenischen Minderheit verlor die Türkei ein energievolles und belebendes Element, ein Kulturvolk. Diese Menschen fehlen heute. Sie könnten Widerrede halten gegen den türkischen Nationalismus, der nach dem Ersten Weltkrieg um sich griff und weiterlebt. Nicht selten trägt er chauvinistische Züge und richtet sich gegen alles, was der fixen Idee des türkisch-muslimischen Einheitsvolkes widerspricht. Dieser Chauvinismus ist destruktiv, die Türken schaden sich selbst damit.

Pioniere des Tourismus

Dabei war die Türkei bis ins 19. Jahrhundert – als Kernland des Osmanischen Reiches – ein Beispiel für ethnische und religiöse Vielfalt. Neben Juden, Griechen, Assyrern und anderen Christen gehörten Armenier zur größten Minderheit Kleinasiens. Sie spielten in vielen Bereichen eine wichtige Rolle: im Handwerk, Handel, in der Architektur, selbst in der Verwaltung. In Bursa, einer für ihre heißen Quellen berühmten Stadt, gehörten sie zu den Pionieren des aufkommenden Tourismus.

Herausragende Künstler und Intellektuelle

Hervorzuheben sind die armenischen Intellektuellen, deren schriftliche Zeugnisse fast in Vergessenheit geraten sind. In Zeitungen und Büchern kommentierten sie scharfsinnig die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse im Osmanischen Reich. Dabei sparten sie ihre eigenen Leute nicht aus. Der Literat Gurgen Mahari etwa machte sich über die "Revolutionäre" der Daschnak-Partei lustig, die auch Waffen gegen ihre Konkurrenten einsetzten.

Oder nehmen wir die Theaterkünstler, die selbst im hintersten Anatolien aktiv waren. Van, Sivas, Amasya, Adapazari – in jedem dieser Orte, deren Einwohnerzahl die 10.000 selten überschritt, gab es armenische Bühnen. Von Istanbul ganz zu schweigen. In Erzurum eröffnete die "Armenische Filmkunstgesellschaft" bereits 1908 das erste Kino.

Der intellektuelle und humanistische Impuls, der von Minderheiten ausgeht, wird selten gewürdigt. Die Ferne zur Macht macht sie sensibler. Ironie und Witz sind ihre Waffen, geboren aus der Notwendigkeit, den Status der Minderheit, der oft mit Unterdrückung einhergeht, ertragen zu können. Dieses Element birgt den Keim der Befreiung von autoritärem Denken und Obrigkeitswahn.

Sensorium für Unheil

Minderheiten haben ein Sensorium für Unheil. Wenn die Mehrheit den Beginn staatlicher Repression noch nicht wahrnimmt, spitzen sie bereits die Ohren. So geschehen zu Beginn des Ersten Weltkrieges, als armenische Intellektuelle die kommende Vernichtung vorrausahnten. Manche ihrer türkischen Freunde, das sollte nicht unerwähnt bleiben, teilten diese Sorge.

Türken sind nicht die Einzigen, die den Wert von Minderheiten verkennen. Wir Deutschen erinnern uns an Auschwitz und Buchenwald, aber selten trauern wir um die jüdischen Ärzte, Wissenschaftler, Schriftsteller, Schauspieler und Handelstreibenden, die wir verjagt und ermordet haben. Ihr Verlust wirkt bis heute. Und nicht wenige Deutsche empfinden die Anwesenheit türkischer Migranten als reine Last. Sie sind es nicht.

Pflänzchen der Hoffnung

Die Türkei ist eigentlich kein chauvinistisches Land, sie ist dazu gemacht worden. Die Vernichtung armenischen Lebens stand am Anfang. Seit einigen Jahren werden armenische Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts ins Türkische übersetzt und gedruckt, ihre Theaterstücke stehen auf dem Spielplan türkischer Bühnen. Das ist ein ermutigendes Zeichen, ein Pflänzchen der Hoffnung.

 

Der Journalist und Buchautor Albrecht Metzger (Thomas Leidig)Der Journalist und Buchautor Albrecht Metzger (Thomas Leidig)Albrecht Metzger, geboren 1966 in Hamburg, Studium der Islamwissenschaft, Geschichte und Politikwissenschaft, derzeit Studium der Kriminologie. Buchautor und Journalist, u.a. für den Deutschlandfunk, Deutschlandradio und NDR

 

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