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Breitband | Beitrag vom 09.01.2021

Verschwörungsideologien in den USASturm der Online-Trolle

Moderation: Teresa Sickert und Tim Wiese

Ein Aufnäher mit dem Bild einer bewaffneten "Pepe the Frog" Comic-Figur, wird von einem Pro-Waffen-Demonstraten, während einer Kundgebung in Richmond, auf dem Arm getragen. (Getty Images / Chip Somodevilla)
Aufnäher wie dieser wurden von Trump-Anhängern während der Erstürmung des Kapitols getragen. Die Comic-Figur "Pepe the Frog" wird in sozialen Medien auch von der rechten Alt-Right-Bewegung verwendet. (Getty Images / Chip Somodevilla)

Die Ereignisse in Washington werfen Fragen auf: nach dem richtigen Umgang mit Trump, aber auch in Bezug auf Verschwörungsanhänger und gewaltbereite Gruppen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die sozialen Medien.

Am Freitag war es dem US-Präsidenten noch möglich, zwei Tweets abzusetzen. Jetzt zieht Twitter ihm anscheinend endgültig den Stecker. Bei Facebook und Instagram darf Trump ebenfalls nichts mehr veröffentlichen. Mindestens bis Joe Biden das Präsidentenamt übernommen hat. Außerdem beginnt Twitter Accounts zu sperren, die der Verschwörungs-Community QAnon zuzurechnen sind.

Das sind die aktuellen Ereignisse. Aber wichtig ist auch die Entwicklung seit dem Wahltag: Am 3. November haben sich Trump-Fans vor allem auf Facebook organisiert. Dazu gehörten Seiten, Gruppen und Events, wo sie Proteste gegen angebliche Wahlmanipulationen sowie Ansammlungen an Stimmauszählungs-Lokalen organisierten.

Fantasien von Umsturz und Bürgerkrieg

In dieser Zeit wurde auch die Facebook-Gruppe "Stop the Steal" gegründet, die schnell fast 400.000 Mitglieder vereinte. Zwei Tage nach der Wahl hat Facebook die Gruppe gelöscht. Zuvor war dort in Kommentaren über einen Umsturz und über Bürgerkrieg fantasiert worden. Nach der Löschung haben die Userinnen und User neue Stop-The-Steal-Gruppen gestartet, die aber alle von Facebook geschlossen wurden.

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Bei anderen Seiten und Gruppen war Facebook nicht so streng. Zum Beispiel bei "Red-State Secession", die zwar laut New York Times "nur" 8000 Follower hatte, von denen sich aber viele gewaltbereit zeigten und zu Gewalt aufriefen. Geschlossen wurde Red-State Secession erst am vergangenen Mittwoch. Bis dahin waren viele der User schon längst zu anderen Netzwerken wie Parler, Gab oder MeWe abgewandert.

Twitter-Kopien für Radikale

Diese drei alternativen Netzwerke funktionieren ähnlich wie Twitter. Parler begrüßt seine User mit einem Statement. Frei übersetzt heißt es: "Hier kannst du dich frei ausdrücken, ohne fürchten zu müssen, von der Plattform geschmissen zu werden."

Auf der Plattform Gab gibt es sogar einen Account von Donald Trump, der einen blauen Haken hat, also verifiziert ist. Dieses Konto hat Trump wohl aber nicht selbst eingerichtet, sondern es wird von der Plattform betrieben. Jedenfalls postet dieser Account auf Gab fast zeitgleich genau das, was Trump auf Twitter veröffentlicht.

Die Tweets, die Trump löschen musste, damit sein Twitter-Account nach dem Sturm auf das Kapitol kurzzeitig wieder freigeschaltet wird, sind auf Gab nicht gelöscht. Dazu gehört auch das Video, in dem Trump seine Zuneigung zu den Randalierern ausdrückt.

Der Druck auf Parler, die aktuell prominenteste alternative rechte Plattform steigt enorm. Vor Kurzem kündigten sowohl Apple als auch Google an, die App aus den eigenen App-Stores zu entfernen, sollten Inhalte der Plattform nicht stärker moderiert werden. Ein großer Schritt, dessen Konsequenzen im Moment noch nicht absehbar sind.

(Thomas Reintjes)


Die Autorin Katharina Nocun beschreibt in ihrem Buch "Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen", wie sich Menschen durch Verschwörungstheorien radikalisieren. Sie findet es sinnvoll, dass Twitter und Facebook verstärkt Seiten löschen und Accounts sperren.

Auch wenn sich Trumps radikale Anhänger nun verstärkt auf alternativen Kanälen versammeln – dort begegnen sich vor allem die bereits Überzeugten. Der große Mehrwert von großen Plattformen, gerade für rechtsextreme Akteure, ist, dass man Menschen jenseits der eigenen Bubble erreiche.

"Und dieses Wachstum, diese Weiterverbreitung an die Unentschlossenen, die wird eingedämmt, wenn solche Akteure von großen Plattformen verbannt werden."

"An einer sehr großen Katastrophe vorbeigeschrammt"

Zum Sturm auf das Kapitol sagt sie: "Ich glaube, vielen Menschen ist gar nicht klar, wie knapp, wir an einer sehr großen Katastrophe vorbeigeschrammt sind."

Es sei verantwortungslos, dass Polizei und Behörden die Gefahr nicht haben kommen sehen, obwohl in Onlinegruppen in den Wochen und Monaten zuvor systematisch aufgewiegelt wurde. "Da wurde von einem Tag X gesprochen. Da wurden Bürgerkriegsfantasien ausgetauscht. Einzelne Gruppen haben dazu aufgerufen, sich zu bewaffnen."

Trophäenhafte Bilder aus dem Kapitol 

Man habe das Gewaltpotenzial unter der Anhängerschaft von Donald Trump gekannt. "Und der US-Präsident ist überhaupt nicht willens, das in irgendeiner Weise zu beschwichtigen. Ganz im Gegenteil. Aus meiner Sicht trägt eben der US-Präsident auch eine sehr große Verantwortung für das, was da passiert ist."

Über vielen Selfies und anderen Fotos, die Anhänger des randalierenden Mobs aus dem Kapitol machten, sagt die Autorin Nocun: "Solche Bilder sind natürlich fatal für die gesamte politische Diskussion der nächsten Wochen und Monate. Weil sie werden als Trophäe herumgereicht werden. Und es wird später im Nachgang behauptet werden: 'Na ja, wenn wir gewollt hätten, dann hätten wir die Revolution quasi vollendet.'"

"Vollkommen aus der Luft gegriffene, irrationale Lügen"

Die Bilder zeugen vom Selbstverständnis der Gruppierung: "Man glaubt eben, man ist im Recht. Man ist das Recht." Die Fotos seien aber nicht nur dokumentarischer Beleg, sondern könnten zu weiteren Taten anstiften und als Vorbilder für zukünftige Aktionen dienen. Auch dass die vielen Straftaten, die während des Sturms auf das Kapitol begangen worden sind, größtenteils folgenlos blieben, sieht Nocun als sehr problematisch an.

Verantwortung sieht die Autorin auch bei den Medien. Insbesondere in den weit rechts stehenden wurde weder die Gewalt verurteilt noch gefordert, dass der Präsident aufkläre oder moderiere. Stattdessen griffen sie Verschwörungsnarrative auf, in denen behauptet wurde, dass die Randalierer im Kapitol keine Trump-Unterstützer seien. "Vollkommen aus der Luft gegriffene, irrationale Lügen wurden da verbreitet."

"Eine komplett unterschiedliche Realitätswahrnehmung"

Man habe direkt ein Framing gesetzt, mit dem die existierenden Verschwörungserzählungen befeuert wurden und woran man gut erkenne, dass eine Lüge auch schnell zu noch mehr Lügen führen kann. "Bis man ein komplettes Lügenkonstrukt hat, eine sehr stark von Verschwörungsideologien geprägte geschlossene Weltsicht, in der die Zuschauer sich dann bewegen."

"Und das ist die Stelle, wo man sagen muss: Da finden wir in einer Demokratie auch irgendwann keine guten Lösungen mehr. Wenn man sich nicht mal darüber einig sein kann, was ist: Wie soll man dann anhand dessen analysieren, was das Problem ist? Und wie wir lösen wir es? Weil man einfach eine komplett unterschiedliche Realitätswahrnehmung hat", sagt Katharina Nocun.

(nog)

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