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Zeitfragen | Beitrag vom 17.06.2021

VerschwörungserzählungenWarum einige Coronaleugner zu zweifeln beginnen

Von Serafin Dinges

Der Sänger Björn Banane nimmt an einem Autokorso gegen die Corona-Einschränkungen teil und zeigt sein T-Shirt mit der Aufschrift "Schluss mit dem Lockdown". (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Ist der Berliner Sänger und Kritiker von Coronamaßnahmen Björn "Banane" Winter etwa geimpft? Das fragten sich Coronakritiker. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Im Zusammenhang mit Corona haben sich Verschwörungsideologien verbreitet. Doch nach und nach werden Risse innerhalb der Querdenker-Bewegung sichtbar. Wie kommt es dazu?

Sommer 2020: Hochkonjunktur von Querdenkern und von Verschwörungstheoretikern wie Attila Hildmann, die ihre Nachrichten unter anderem über den Telegram-Messenger verbreiten. Neben Kritik an Hygienevorschriften und Masken finden sich dort Mutmaßungen über die Macht von Bill Gates, Fake News und Halbwahrheiten über Corona-Impfstoffe bis hin zu Warnungen vor einer von der Regierung angestrebten "Corona-Diktatur". 
 
Aber – einmal drin: Kann man so eine Weltanschauung auch wieder ablegen? Und was macht sie überhaupt so attraktiv? "Die Pandemie war für sehr viele Menschen und ist auch immer noch eine soziale Herausforderung. Der normale soziale Umgang ist auf einmal plötzlich weggebrochen", sagt die Psychologin Pia Lamberty. Sie erforscht, warum Menschen Verschwörungserzählungen folgen. "Das heißt, es haben sich sehr, sehr viele Menschen Gruppen im digitalen Raum gesucht."

Das sei erst einmal nichts Spezielles, gelte aber natürlich auch für eine Verschwörungsszene. "Dass die Gruppen gesucht haben, in denen sie ihre eigene Meinung wiederfinden, in denen sie sich bestätigt sehen und in denen sie sich aufhalten können."

Unsicherheit aktiviert Bedürfnis nach Gemeinschaft

Ein noch unbekanntes Virus, Pandemie, Lockdowns – Corona brachte Unsicherheit und ein Bedürfnis nach einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Daran konnten prominente Figuren aus der Verschwörungsszene anknüpfen: Wer in der Vergangenheit bereits mit Verschwörungsideologien sympathisiert hatte, wurde besonders leicht aktiviert.

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Inzwischen allerdings lassen sich Risse innerhalb dieser Gemeinschaften beobachten. Ende Mai – auf einer Demonstration in Berlin – zeigt der prominente Impfgegner Björn "Banane" Winter Polizisten einen knallgelben Ausweis. Schnell macht sich in den Telegram-Gruppen Unmut breit:

"Ist Björn Banane wirklich geimpft?" – "Habe das gerade im Stream gesehen." – "Damit ist er eindeutig V-Mann!" – "Bin so SAUER!" – "Ich hab echt inzwischen ne Stange Geld gespendet Und wofür??" – "Ich fühl mich nur noch verarscht."

Von Björn Winter selbst kam am Folgetag "Entwarnung": Es habe sich um einen Notfallausweis gehandelt, der sein Asthma attestiert, geimpft sei er natürlich nicht. Dennoch: Der Vorfall reichte, um die Stimmung innerhalb einer Bewegung umschlagen zu lassen, die wesentlich auf Vertrauen in Führungspersonen basiert.

Schwindendes Vertrauen in Führungsfiguren

Zugleich aber können solche Momente Anknüpfungspunkte für Gespräche bieten, so Pia Lamberty – vor allem innerhalb von Familien oder Freundeskreisen, in denen der Zugang zu jemandem wegen Sympathien für die Verschwörungsszene verlorengegangen ist.

"Im Individuellen ist das die Situation, wo eben nahestehende Personen wirklich noch einmal versuchen können, mit der Person zu reden – und auch vielleicht genau darauf eingehen und sagen: ‚Hey, ich hab das Gefühl, das sind Betrüger, das sind Leute, die spielen mit euren Ängsten.’"

"Und ich muss auch sagen, ich höre in dem Fall auf das, was in der Familie besprochen wird", sagt der Kabarettist Uwe Steimle etwa. Zuletzt öfter im Rahmen der Querdenker-Szene aufgetreten, outete er sich kürzlich in einem Netzvideo als geimpft. "Und ich stehe auch dazu, weil ich meine Meinung geändert habe. Meine Tochter hat also Medizin studiert, die hat viel geimpft. Und die hat gesagt: ‚Papa, ich bitte dich, mache das!‘"

Kriterium soziale Kosten

Allerdings: Individuelle Meinungsänderungen bedeuten noch nicht, dass die Szene auch insgesamt an Unterstützung verliert, sagt Jan Rathje. Der Politikwissenschaftler forscht zu den Dynamiken innerhalb der Gruppen um Verschwörungserzählungen.

"In der aktuellen Krise beispielsweise, wenn die Einschränkungen der Grundrechte aufgehoben werden und ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist – dann kann es sein, dass einem Teil des Milieus die damit verbundenen sozialen Kosten zu hoch sind, um weiterhin Teil des Milieus zu bleiben", sagt er. Vielleicht ließen sich einige dann doch impfen, weil es einfacher ist, als sich über das Internet sehr umständlich einen gefälschten Impfpass zu besorgen. "Um einfach wieder Teil einer dann wieder vielleicht stattfindenden – in Anführungszeichen – ‚Normalität’ von gesellschaftlichem Leben sein zu können."

Wem es aber um mehr ging, als individuell Bestätigung und sozialen Zusammenhalt in einer Gemeinschaft zu finden, wird sich weniger schnell von der Szene abwenden. Wie Jan Rathje zögert daher auch Pia Lamberty – trotz nur noch schlecht besuchter Querdenkerdemos und stagnierender Telegram-Gruppen – ein Ende der Verschwörungsideologien in Aussicht zu stellen.

Nähe zu Verschwörungstheorien bleibt latent

"Ich vermute schon, dass jetzt Menschen in den Biergarten gehen oder in Urlaub fahren, und das vielleicht an Relevanz erst einmal verliert." Das heiße aber nicht, dass es nicht wieder reaktiviert werden könne. "Und das ist eben auch eine der Gefahren, die ich sehe, dass es, sobald es irgendwie gesellschaftliche Spannungen gibt, oder auch zum Beispiel im Kontext der Bundestagswahl, dass dann diese Gruppen wieder Bedeutung erlangen können – und dass auf Netzwerke zurückgegriffen werden kann, die vorher so eben nicht existiert haben. Weg sind sie eben nicht."

So wie akute Krisen vorhandene verschwörungsideologische Einstellungen aktivieren können, kippen diese im Fall von abklingenden Krisen zurück von "manifest" nach "latent". Tatsächlich haben Studien schon vor der Pandemie belegt, dass etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung verschwörungsideologische Einstellungen vertritt.

Gefestigtes soziales Umfeld hilft beim Ausstieg

"Von daher ist immer die Frage, inwiefern haben diese Menschen kritisch reflektiert, welchen Ideologien sie hier gefolgt sind, um dadurch dann zu dem Schluss zu kommen, dass bestimmte Merkmale – strukturelle Nähe zum Antisemitismus, Anti-Pluralismus et cetera –, die darin enthalten sind, problematisch sind." 

Wer sich dieser Herausforderung tatsächlich stellen will, braucht aber trotzdem die Unterstützung des nahen sozialen Umfelds, sagt Tobias Meilicke, Berater im Berliner Projekt Veritas, der ersten Beratungsstelle in Deutschland, die sich auf den Umgang mit Verschwörungserzählungen spezialisiert hat. "Weil ein Ausstiegsprozess immer zwei Phasen hat: Das eine ist der sogenannte ideologische Ausstieg, also zu erkennen: Das Weltbild, das ich mir da gegeben habe, das ist eigentlich gar nicht das, wo ich dahinterstehe."

Die zweite Phase sei der sogenannte soziale Ausstieg. "Der ist manchmal viel, viel schwieriger für Personen, weil sie sich isoliert haben vom anderen, vom alten Familienumfeld. Das führt dazu, dass sie in dem Augenblick, wo sie mitkriegen: ‚Okay, da habe ich mich verrannt‘, feststellen: ‚Ich bin isoliert, ich habe überhaupt niemanden mehr.‘ Und wir Menschen sind daran interessiert, in Gemeinschaft und in sozialen Kontakten zu sein." Wer beides nicht im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis findet, landet umso eher wieder in dubiosen Telegram-Kanälen.

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