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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.01.2012

Verschwindende Kindheit

Andreas Maier: "Das Haus", Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 165 Seiten

Nach "Das Zimmer" und "Das Haus" sollen noch neun weitere Bände kommen. (picture alliance / dpa /  Arno Burgi)
Nach "Das Zimmer" und "Das Haus" sollen noch neun weitere Bände kommen. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Schon mit seinem ersten Roman "Wäldchestag" gelang Andreas Maier ein Erfolg. Mit dem jetzt erschienenen "Das Haus" knüpft Maier an dessen Vorgänger "Das Zimmer" an und arbeitet darin seine Kindheit auf.

Von einem "Problemandreas" handelt Andreas Maiers neuer Roman "Das Haus". Dass die literarische Figur ebenso wie der Autor 1967 in Bad Nauheim geboren wurde, ist mehr als nur ein Zufall. Denn Andreas Maier setzt mit "Das Haus" fort, was er mit dem Roman "Das Zimmer" (2010) begonnen hat: die Spurensuche nach der vergangenen Zeit seiner Kindheit und Jugend.

Bereits als Kind steht Andreas der Welt, in der er aufwächst, fremd gegenüber. Indem er konsequent seine Rolle spielt, fällt er aus der Rolle. Zunächst sind die Geschichten, die man über Andreas erzählt, "lieblich". Das ändert sich, als der "Nichtsprecher" zum Problemkind wird. Der Außenseiter hat keine Freunde, er ist häufig krank und fehlt deshalb oft in der Schule. Er ist gern allein, vor allem im elterlichen Haus, das er erkundet, und das sich für ihn als geeigneter Rückzugsraum erweist. Er ist lieber drinnen als draußen.

Mit "Drinnen" und "Draußen" hat Andreas Maier die beiden Kapitel seines Romans überschrieben. Bis zur Einschulung ist Andreas drinnen, danach muss er den Weg in ein ihm fremd erscheinendes und fremd bleibendes Draußen gehen. Das Haus erweist sich für Andreas zunächst als ein geschützter Raum. Als der Junge dieses Haus verlassen muss, fängt er - zunächst unbewusst - damit an, das eigene Ich vor dem bedrohlich erscheinenden Draußen zu verbarrikadieren. Er tut es, indem er den eigenen Innenraum stärkt und soweit ausbaut, bis er vergleichbare Qualitäten wie der häusliche Rückzugsraum aufweist. Er begegnet der Fremdheit, indem er sich in Bereiche zurückzieht, die ihm vertraut sind und wird so zu einem Fremden.

Aus diesem Wechsel zwischen drinnen und draußen ergeben sich Reibungsflächen. Die Schule wird für den Grundschüler zur Tortur. "Jeden Tag war ich ein aus der Bahn geworfener Satellit auf dem Schulhof, und alle anderen schienen ihre festen Umlaufbahnen zu haben." Was die anderen können, kann und will er nicht. Er will nicht mitspielen, nicht mitrennen, nicht mitsprechen. In seiner "Frankfurter Poetikvorlesung" von 2006 hat Maier darauf hingewiesen, dass das Wort "Ich" den "Mittelteil des Wortes Nichts" bildet. Sein Roman "Das Haus" handelt davon, wie ein Ich, das nicht in diese Welt zu passen scheint, gerade dadurch einen ganz eigenen Zugang zur Welt findet.

Der auf sich selbst bezogene Junge, der als Sonderling galt, blieb vielen fremd. Nun, da die Vergangenheit droht, vergessen zu werden, vermag gerade er, der auf Distanz bestand, Nähe über das Erzählen herzustellen. Während er drinnen sitz und aufschreibt, was zu dieser Welt gehört, bauen "sie draußen ihre Ortsumgehung". Was gleichbedeutend damit ist, dass wegplaniert wird, was er bewahren möchte. Mit dieser Welt will er nichts zu tun haben.

Den Abriss jener Gegend in und um Bad Nauheim, die prägenden Einfluss auf Andreas hatte, kann er nicht verhindern. Er kann nur schreibend rekonstruieren, was sie auszeichnete. Das macht Maier eindrucksvoll. Sein "Problemandreas" wurde aus keinem Paradies vertrieben. Er hat es auch nicht gefunden. Ihm ist vielmehr zur traurigen Gewissheit geworden, dass die fremde Welt der Kindheit gerade dann ein Stück näher kommt, wenn sie im Verschwinden begriffen ist. Andreas Maier ist ein Konstrukteur, der mit Vergangenem arbeitet und aus diesem flüchtigen Material ein Haus geschaffen hat, in dem man verschiedene Zimmer betritt und staunt, was sich darin angesammelt hat.

Besprochen von Michael Opitz

Andreas Maier: Das Haus
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
165 Seiten, 17,95 Euro.

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