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Zeitfragen | Beitrag vom 28.10.2019

Verlängerte ProbezeitBoom bei befristeten Verträgen

Von Peter Kessen

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Eine Illustration zeigt eine Hand auf der eine Frau in Geschäftskleidung steht, während über eine zweite mit dem Finger eine Schnipsbewegung andeutet. (imago / ikon images / Mark Airs)
"Danke und Tschüß!" - Wer eine befristete Arbeit hat, ist beständiger Unsicherheit ausgesetzt. (imago / ikon images / Mark Airs)

Etwa 45 Prozent aller Neueinstellungen sind laut dem Deutschen Gewerkschaftsbund befristet. Über drei Millionen Menschen haben einen befristeten Job. Die Große Koalition hat angekündigt, die Befristung einzuschränken. Bisher ist nichts geschehen.

Ungefähr 80 Menschen sehen in einer Berliner Kneipe einen kleinen Film über eine Demo: Da protestieren Beschäftigte aus dem Bildungsbereich gegen befristete Arbeitsverträge.

Doch der Unmut geht durch viele Branchen. Alle Stühle sind besetzt bei diesem Info-Abend in der Kneipe. Organsiert hat ihn die Berliner Kampagne "Outsourcing und Befristung verbieten". Die meisten Aktivisten der Kampagne kommen aus dem öffentlichen Dienst oder von Unternehmen, die für das Land Berlin arbeiten. Sie haben sich zusammengeschlossen, auch um sich gegen die Befristung von Arbeitsverträgen zu wehren. Und das ist kein reines Hauptstadt-Problem. Im September 2019 meldete der DGB, dass mittlerweile bundesweit rund 45 Prozent aller Neueinstellungen befristet seien.

Ohne Festanstellung keinen Kredit

Eine Pädagogin, die in der Bildungsberatung für Migranten arbeitet, kennt das. Seit drei Jahren bekommt sie befristete Verträge, mal für ein Jahr, manchmal auch nur für sechs Monate. Und das führt im Alltag zu Problemen, beispielsweise als sie umziehen will.

"Ich bin ja Mutter von zwei Kindern und auch für mich war es schwierig umzuziehen, ich habe sehr, sehr lange gesucht, weil Vermieter Nein gesagt haben, wegen Gehalt, weil wir auch schlecht eingestuft sind, zum andern geht es nur bis zum Ende des Jahres und danach ist es unklar."

Und diese befristeten Arbeitsverträge können schnell zur "Normalität" werden. Das zeigen die Lebensläufe der Kolleginnen:

"Es gibt Kolleginnen, die tatsächlich seit zehn, zwölf, 13, 14, 15 Jahren immer befristet angestellt sind. Zum Teil auch beim gleichen Träger, zum Teil bei unterschiedlichen Trägern, aber dadurch eben nie eine Planungssicherheit haben, keinen Kredit aufnehmen können, keinen Mietvertrag, keinen neuen unterschreiben können."

Die Lehrerin hat durchaus Verständnis für ihren Arbeitgeber, ein Sozial-Unternehmen, das für das Land Berlin arbeitet – und zwar immer für einzelne Projekte, jeweils für ein oder zwei Jahre. Eine sofortige Festanstellung sei da illusorisch, glaubt sie. Aber nach vier Jahren sollte das Beschäftigungsverhältnis sicherer werden. Zum Beispiel durch einen Tarifvertrag, geltend für das Unternehmen oder nach dem Standard des öffentlichen Dienstes. Diese Forderung unterstützt auch die Gewerkschaft Verdi. Ein Aktivist der Kampagne schildert aus eigener Erfahrung die Auswirkungen der Unsicherheit auf das Selbstwertgefühl.

"Mit Befristungen lebt man immer mit dem Gefühl, hab ich morgen meine Arbeit noch, oder hab ich sie nicht mehr. Und das ist ein demütigendes Gefühl, weil man sich irgendwo nur noch billig vorkommt, ausgenutzt."

Flexibilität als Plus für den Arbeitgeber

Die Arbeitgeber dagegen schätzen die Befristung vor allem wegen der damit verbundenen Flexibilität. Auch das Institut der deutschen Wirtschaft betont die positiven Seiten des Befristungsbooms. Der Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer hat im Frühjahr 2019 eine Untersuchung veröffentlicht:

"Und da haben wir herausgefunden, dass eben die Aufnahme einer befristeten Beschäftigung mit einer deutlich verbesserten Chance überhaupt des Daseins am Arbeitsmarkt verbunden ist. Die Wahrscheinlichkeit der Beschäftigung ist höher – und auch der bis dahin durchschnittlich erzielte Erwerbsverdienst ist deutlich höher."

Diese positiven Zahlen müsse man aber einordnen, meint Johannes Jakob, Abteilungsleiter Arbeitsmarktpolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Grund sei eine dramatische Umschichtung: Begann das Arbeitsverhältnis früher mit einer halbjährigen Probezeit, bieten die Arbeitgeber heute vermehrt befristete Verträge an.

Bundesregierung will Befristungen einschränken

Befristungen verlängern also die Probezeit. Beschäftigte, die sich dem Trend verweigern, bekommen eher keinen Vertrag. Die Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt aber auch, dass rund 56 Prozent aller befristet Beschäftigten nach spätestens drei Jahren in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis wechselten.

"Ja, das stimmt, etwa die Hälfte der Befristeten wird später übernommen. Aber das zeigt ja genau, dass es da um eine Probezeit geht. Diese Arbeit wäre natürlich auch ohne Befristung entstanden, insofern ist es kein zusätzlicher Gewinn, außer dass der Arbeitgeber eine gewisse Flexibilität gewinnt."

Nun will die Bundesregierung per Gesetz den Befristungsboom zurückdrängen. Dabei geht es vor allem um die sachgrundlose Variante. Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft kritisiert das.

"Viele Menschen finden auf diesem Weg eine neue Arbeit, und man kann eben nicht unterstellen, dass, wenn ich jetzt diese Befristung verbiete, die Menschen stattdessen unbefristet eingestellt werden. Sondern die Unternehmen haben ein Bedürfnis nach flexibel einsetzbarer Arbeit, und man muss mit der Möglichkeit rechnen, dass wenn sie nicht die Chance haben, befristet einzustellen, sie nicht unbefristet einstellen, sondern gar nicht einstellen."

Der Arbeitsmarktexperte des DGB, Johannes Jakob, verweist auf die Geschichte der sachgrundlosen Befristung, die ja erst seit dem Jahr 1985 erlaubt ist. "Der Arbeitgeber, der Beschäftigung hat, der wird auch versuchen, diese Beschäftigung zu besetzen – unabhängig davon, ob es Befristungen gibt oder nicht. Und vor 1985 hat das auch funktioniert. Insofern muss man, glaube ich, auf diese Arbeitgeberargumente nicht allzu viel setzen."

Willkür bei Vertragsverlängerung?

Während die Koalition seit Monaten an einem Kompromiss bastelt, um den Befristungsboom zu unterbinden, haben Beschäftige längst begonnen, sich zu wehren. Das kann Konsequenzen haben. Die in der Kampagne aktive Lehrerin glaubt, dass ihr Engagement der Grund ist, warum ihr Vertrag nicht verlängert wurde.

"Bei mir ist es auch konkret so, dass zwei Kollegen von mir und ich, wir uns sehr stark eingesetzt haben, dass es einen Tarifvertrag geben kann. Weil: Es gibt momentan die Tarifkampagne von Verdi, in der wir uns auch noch engagieren. Und uns wurde jetzt gesagt, unsere Verträge werden nicht verlängert zum Ende des Jahres. Es wird ein anderer Grund herangezogen und diese Willkür ist für mich sehr hart."

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