Verkehrswende

    Rettet das Ruheabteil

    04:07 Minuten
    Ein Hinweis "Ruhebereich" neben einem Icon auf dem „Psst“ steht.
    Die Fahrt im Ruhebereich könnte so entspannt sein, findet der Journalist Paul Stänner, wären da nicht die anderen Passagiere. © picture alliance / dpa / Soeren Stache
    Gedanken von Paul Stänner · 26.10.2021
    Audio herunterladen
    Die zukünftige Bundesregierung will dem öffentlichen Personennahverkehr eine neue Wertschätzung verleihen. Um die Bahn konkurrenzfähig zum Auto zu machen, sei aber eins unabdingbar, findet der Journalist Paul Stänner: Ruhe in den Ruhezonen der Züge.
    Ich habe im Ruheraum einen Platz gebucht. Auf einem Schriftband entlang der Fenster ist in fünf Sprachen angezeigt, dass es sich hier um einen Ruheraum handelt. Doch der Ruheraum ist kein Ruheraum, denn die Menschen sind nicht so.
    Zwar ist es nach meiner Beobachtung durchaus so, dass sie die Ruhe lieben, wenn sie denn von den anderen ausgeht. Zum Beispiel ist der Manager, der von polyphonen Klingeltönen aufgerufen wird, ein Telefonat anzunehmen, dankbar dafür, dass seine Nachbarn still sind. Er hat ein Konferenzgespräch zu führen. Es geht um das Überleben der deutschen Stahlindustrie! Eben jetzt in dieser Minute! Eine Bestellung von sage und schreibe 50 Tonnen Gusseisen steht im Raum.
    Der Lieferant am anderen Ende scheint unmittelbar neben dem Hochofen zu stehen. Deshalb versteht er ganz schlecht. Deshalb muss der Konzernlenker sehr laut reden. Ich stelle mich neben den Retter der Stahlindustrie und weise stumm mit einer Geste auf das Ruhebereich-Laufband hin. Der Mann wedelt mich mit der freien Hand davon, als sei er Friedrich Merz und ich ein Juso.

    Aggressive Rentner in Karstadt-Khakie

    Es ist unangenehm, wenn man immer wieder Fahrgäste darauf drängen muss, die Stillezone zu respektieren. Es geht ja nicht darum, Alfred Brendels Liszt-Interpretationen in arkadischer Stille zu genießen. Es geht einfach nur um Ruhe.
    Es sind nicht Berufsrüpel, Anarchisten oder Querdenker, die den sozialen Zusammenhalt gefährden. Es sind die Großcharaktere: Ein Mann, der seinem Nachbarn über 20 Minuten hinweg etwas Komplexes erklären musste – Thema ungefähr: die Rolle der modernen Raumfahrt für …–, versicherte mir, die Bestimmung Ruheabteil gelte nur für Kinder.
    Eine Rentnergruppe in Karstadt-Khaki und guter Laune verteidigte aggressiv ihr in langen Arbeitsjahren erworbenes Recht, sich – wo auch immer – barrierefrei unterhalten zu können. Ob man in diesem Staat gar nichts mehr sagen dürfe, erkundigte sich der Leitwolf mit dem khakifarbenen Hörgerät. Und warum treffen sich Frauen, deren erhöhte Kommunikationskompetenz angeblich im erhöhten Verbrauch von Wörtern liegt, ausgerechnet in der zone repos?
    Warum benutzen Familien nicht das Familienabteil, sondern ziehen mit fünf Kindern in die quiet zone? Es ist natürlich rührend, wie der Zweitjüngste unverdrossen versucht, die Aufmerksamkeit seines Vaters auf sich zu ziehen – "Papapapapapa…" – , aber trotzdem ist man nach dem sechzehnten Papa-Ruf geneigt, das störrische Familienzentrum vom Schaffner auszurufen zu lassen. Und zwar auf den nächsten Bahnsteig. Mitsamt seinen entzückenden Nachkommen.

    Mehr Verbotskultur im Zug

    Man könnte hoffen, dass die Menschen sich ändern. So wie man hofft, dass der Weltfriede ausbricht. Und dann im Ruheabteil Ruhe herrscht. Nichts davon wird passieren. Der Mensch ist nicht von sich aus höflich, er braucht Verbote. Hier kommt die Politik ins Spiel. Die CSU hat uns einen nach dem anderen nichtsnutzige Verkehrsminister beschert, unter denen der ÖPNV keineswegs aufblühte. In dieser Zeit der Missachtung hat sich der Eindruck durchgesetzt, dass der Begriff Ruheabteil eigentlich nur bedeutet, dass keine Landshuter Blaskapelle durch den Mittelgang paradiert. Das muss sich ändern.
    Wenn Rot-Gelb-Grün will, dass die Verkehrswende gelingt, brauchen wir eine gute Portion grüne Verbotskultur, von der immer die Rede ist. Denn entweder kann die Koalition ein rigides Ruheraummanagement durchsetzen – oder wir fahren alle wieder Auto.

    Paul Stänner wurde in Ahlen in Westfalen geboren, hat in Berlin Germanistik, Theaterwissenschaft und Geschichte studiert. Er arbeitet als Rundfunkjournalist und Buchautor. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Agatha Christie in Greenway House".

    © privat
    Mehr zum Thema