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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 07.04.2020

Verkäuferin und alleinerziehendPlötzlich systemrelevant

Von Manuel Waltz

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Kassiererinnen mit Schutzmasken in einem Supermarkt in Jena. (imago images/Kevin Voigt/Xinhua)
Sie halten den Laden mit am Laufen, heißt es jetzt oft über Menschen, die in Lebensmittelmärkten arbeiten. Wie sie das privat organisieren, fragen wohl nicht so viele. (imago images/Kevin Voigt/Xinhua)

Menschen, die in Lebensmittelgeschäften arbeiten, gelten in der Coronakrise als unentbehrlich. Viele von ihnen haben aber auch kleine Kinder zu betreuen. Wie schwer die Situation vor allem für Alleinziehende ist, berichtet unsre Autor aus Leipzig.

Ein Türsteher mit einem Schal vor dem Gesicht öffnet die Tür zum Bioladen "Lebensart" in Leipzig Schleussig. Der Laden ist sehr klein, eng stehen die Regale nebeneinander. Deshalb dürfen nur fünf Menschen gleichzeitig hinein. Zusätzlich zu denen, die hier arbeiten. Eine Verkäuferin steht hinter der Käse- und Brottheke, zwei sind an der Kasse und ein Verkäufer füllt Waren auf.

Coronavirus-NewsletterAlexandra Nemecky arbeitet hier, gerade hat sie Feierabend. Sie kauft noch ein paar Sachen ein, für sich und ihren elfjährigen Sohn. Auch für sie ist Corona allgegenwärtig, gerade hier im Laden mit all den Kunden, die täglich rein und raus gehen.

Alexandra Nemecky: "Wir haben die unterschiedlichsten Leute, die auch Corona unterschiedlich auffassen. Die einen sind sehr vorsichtig, die anderen machen sich gar nichts draus und man selbst steht halt irgendwie so dazwischen, steht an der Kasse, ist exponiert und ja, eigentlich mehr ausgeliefert. Und muss sich selbst überlegen, in wie weit kann ich das ertragen, oder wie ist mein eigener Schutz, den ich mitbringen muss, für mich sorgen muss und auch für die anderen natürlich."

Zu Hause wartet Sohn Caspar

An der Kasse ist keine Plexiglasscheibe installiert, insgesamt ist es in dem kleinen Laden schwer, Abstand zu halten. Einen Mundschutz trägt sie gerade nicht, hatte aber schon einen um bei der Arbeit. Sie packt zügig die Lebensmittel in ihre Fahrradtasche, um möglichst schnell nach Hause zu fahren. Normalerweise könnte sie sich Zeit lassen, aber ihr Sohn Caspar ist allein zu Hause. 

"Ja, jetzt haben wir keine Schule mehr, das bedeutet, mein Kind ist eben zu Hause und muss in dieser Vormittagszeit, in der ich arbeiten gehe, halt alleine seine Hausaufgaben machen." 

Sie arbeitet momentan Donnerstag, Freitag und Samstag – insgesamt 20 Stunden die Woche. In dieser Zeit ist ihr Sohn allein. Der Vater von Caspar lebt in Frankreich. 

"Innere Anspannung und dann auch im Hinterkopf zu haben, mein Kind ist allein zu Hause. Das ist die eine Sache. Der Laden muss aber auch weiterlaufen. Die Leute wollen ja etwas essen. Und man ist ja quasi als systemrelevant eingestuft worden und man soll ja auch parat stehen."

Blick auf den Bioladen „"Lebensart"“ in Leipzig Schleussig.  (Manuel Waltz)Um 7 Uhr geht es im Bioladen "Lebensart" in Leipzig für Alexandra Nemecky los. (Manuel Waltz)
Bevor Alexandra Nemecky im Bioladen angefangen hat, hat sie an der Uni als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet, Vollzeit. 

"Man kann es Burnout nennen, so, da ganz schön abgerutscht bin und ganz schön krank geworden bin und nicht mehr arbeiten konnte. Und dann war ich froh, dass ich überhaupt wieder arbeiten konnte und 20 Stunden. Und das war ein langsamer Wiedereinstieg. Es kommt einfach dazu, dass Caspar sehr viel Sport macht und dafür auch immer irgendwo hingebracht werden muss. Und das sind drei Trainingseinheiten und am Wochenende noch ein Spiel. Da bleibt dann quasi gar nicht mehr so viel Zeit, um zu arbeiten." 

Das Fußballtraining und die Spiele fallen derzeit aus. Stattdessen sitzt Caspar jetzt zu Hause im Zimmer. Die beiden gehen zusammen spazieren, fahren Rad und joggen, so kommen sie mal raus. Das Fußballtraining ersetzen, kann das aber nicht. Außerdem kann er seine Freunde nicht treffen. Normalerweise verbringt er auch die Samstage immer bei jemandem, während seine Mutter im Bioladen arbeitet.

Keine Freunde zum Spielen, keine Lehrer, die helfen

Alexandra Nemecky ist vom Bioladen durch den Leipziger Auwald nach Hause geradelt. Mit den Einkäufen geht es hoch in ihre Wohnung im Dachgeschoss. 

Alexandra Nemecky: "Hallo!"

Caspar: "Hallo. Hm, ich habe mir gerade noch eine Aufgabe durchgelesen."

Caspar sitzt an seinem Schreibtisch und hat ein Geografiebuch aufgeschlagen. 

"In Englisch bräuchte ich manchmal halt noch Hilfe und deswegen mache ich dann eher, wenn ich allein bin, dann kein Englisch. Sondern dann eher lieber dann andere Aufgaben, so Geo oder so." 

An den Tagen an denen seine Mutter arbeitet, weckt sie Caspar, bevor sie das Haus verlässt. Um 7 Uhr geht es los im Bioladen. Er steht dann allein auf und fängt an, für die Schule zu lernen. 

Caspar: "Ich brauche halt oft auch ‘ne Pause, dann esse ich zuerst Frühstück, dann mache ich meine Aufgaben, Pause, Aufgaben und so weiter."

Alexandra Nemecky: "Ich glaube, auch wenn er es gerade nicht so zugegeben hat, ist es ganz schön anstrengend, wenn man trocken zu Hause sitzt, immer nur schreiben und lesen und schreiben und lesen muss und keine Kinder um sich rum hat und kein Klingeln von der Pause, keinen Lehrer, der irgendwie noch was erklären kann und man auch mal ´ne Frage stellen kann oder so.

Die Frage bekomme ich dann, ich kriege ab und an mal nen Anruf: ‚Mama ich kann das hier nicht lesen oder ich verstehe das nicht. ‘ Das ist aber dann auch schwierig, weil ich dann im Laden stehe und irgendwie gerade einen Kunden abkassiere und dann klingelt mein Telefon in der Hosentasche. Ich weiß ganz genau, das ist mein Kind, weil nur Notfall ist. Und dann bin ich auch hin und her gerissen, muss erstmal abkassieren, ihn dann zurückrufen. Kann trotzdem übers Telefon nicht wirklich weiterhelfen, weil ich selbst, trotz Videoanruf, den Bildschirm dann nicht erkennen kann. Das sind halt so Kleinigkeiten dann." 

Irgendwie klappt aber alles. Nur krank werden sollte keiner. Normalerweise hat Alexandra Nemecky Caspar immer versorgt, selbst wenn sie krank war. So schlimm, dass es nicht mehr ging, war es noch nie. 

Alexandra Nemecky: "Ich könnte im Normalfall, bei einer normalen Krankheit, vielleicht noch Freunde fragen, wo Caspar dann vielleicht unterkommen könnte. Aber, ja, in dem speziellen Fall ist das, glaube ich, schwierig. Und dann wäre nur zu hoffen, dass man nur wenige Symptome hat und halt sich wie bei einer Grippe fühlt. Das sind manchmal so Sachen, über die man gar nicht nachdenken möchte."

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