Plätze im Abseits

Vergessene Orte des Sports

22:27 Minuten
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Das Stadion der Weltjugend in (Ost-)Berlin war Ort vieler bedeutender Fußballspiele (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1993). © Imago / Kohlmeyer
Von Anja Röbekamp   · 09.01.2022
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Stadion der Weltjugend, Heinitzsee, Tennisplätze am Kurfürstendamm: Drei Beispiele von Berliner und Brandenburger Sportplätzen, die planiert, umgebaut, abgerissen – und teilweise vergessen wurden. In der Erinnerung vieler Sportfreunde bleiben sie aber lebendig.
Das Stadion der Weltjugend war ein Prestigeobjekt der ehemaligen DDR, erbaut 1950 in nur 120 Tagen. 1973 wurden hier die Weltfestspiele eröffnet. Diese Jugendfestspiele machten das Stadion der Weltjugend berühmt: Junge Leute aus aller Welt trafen sich in Berlin, Hauptstadt der DDR.
Viele wichtige Fußballspiele wurden dort ausgetragen, und wer mal ein Ticket ergattern konnte, erzählt noch heute davon. Von der geschichtsträchtigen Sportstätte ist nur die Erinnerung geblieben – heute residiert der Bundesnachrichtendienst an dieser Stelle. Sportgeschichte geschrieben haben aber auch weniger bekannte Orte, die gleichfalls ins Abseits geraten sind.

Das Seebad Mariendorf

"Heute steht auf einem Teil der ehemaligen Badeanstalt ein Seniorenheim. Die einzige Spur, die man tatsächlich noch deutlich findet, sind Teile dieser ehemaligen Grotte beziehungsweise des Wasserfalls, der in diesem Grottenaufbau dran war. Der ist noch auf dem Gelände zu finden, aber sonst deutet nichts in der Gegend darauf hin, dass dort früher eine Badeanstalt war."
Historische schwarz weiß Aufnahme eines Freibades, um 1930
Ende der 20er-Jahre lockte das Seebad Mariendorf täglich Tausende Besucher an.© Museen Tempelhof-Schöneberg / Archiv
Philipp Holt ist Ausstellungskurator und stellvertretender Leiter der Museen Tempelhof-Schöneberg. Er weiß: Die „Badeanstalt“ in Tempelhof war etwas Besonderes: Das Seebad Mariendorf hatte Ende der 20er-Jahre täglich bis zu 4000 Gäste. Ein Seebad in Berlin-Tempelhof, mitten in der Stadt?

In Berlin und auch in anderen –  ich sag mal Kommunen oder – Regionen war es üblich, Badeanstalten Seebad zu nennen, wenn das etwas gehobenere Klasse war. Das musste nicht unbedingt an der See liegen, sondern das war halt einfach das ganze Ambiente drumherum. Das war zum einen eine Vergnügungsstätte, zum anderen aber eben auch eine Sportstätte.

Bianca Tchinda

Bianca Tchinda ist eine zierliche, energische Frau mit einer Mission: Schwimmen ist ihre Leidenschaft. Wenige Berliner*innen kennen die Bäder und Seen der Stadt wie sie. Darüber schreibt sie in ihrem Schwimmblog, und darüber ist sie auch eine Expertin für die hiesige Bädergeschichte geworden. Zufällig ist sie bei ihren Recherchen auf das Seebad Mariendorf gestoßen.
1876 hat Adolf Lewissohn dieses Bad eröffnet und mehrfach um- und ausgebaut: Neben den Schwimmbecken gab es eine Parkanlage mit Seeterrassen und einem Wasserfall, und es gab ein Restaurant. Betreut wurde die Anlage von der ganzen Familie: Frau Lewissohn schöpfte im Winter Eis von der Wasserfläche, das in der ganzen Stadt verkauft wurde. Auch Tochter Helene packte mit an:

„Und Helene Lewissohn, die im Schwimmbad als – so würde man heute vielleicht nicht mehr sagen, aber als Bademeisterin gearbeitet hat. Das Seebad war im ganzen Bezirk die einzige Stätte, an der Kinder schwimmen lernen konnten, viele Jahre lang bis in die 1930er-Jahre.“

Und das sogar kostenlos. In Berlin gab es zwar schon kommunales Schwimmen, und Schulen waren verpflichtet, Schwimmunterricht anzubieten, erzählt Bianca Tchinda. In Tempelhof gab es das aber nicht. Also bot das Seebad Mariendorf diese Möglichkeit an: „Aber es gab eben rundherum schon diese Einsicht, und bei den Lewissohns war das so, denen war klar, die Kinder müssen schwimmen lernen. Es gibt keine Schwimmbäder, keine kommunalen. Also haben private das gemacht. Das war nicht einzigartig, aber, dass keine Gebühren dafür genommen wurden, das war schon ziemlich einzigartig.“

Meisterschaftswettkampf im Seebad

Aber die größte und schönste Sportbadeanstalt von Groß-Berlin war nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel. Sie war eben auch dem Sport verpflichtet, und 1910 hat Adolf Lewissohn einmal mehr umgebaut – nicht für den Breitensport. Dem konnten hier, nach Einkommen gestaffelt, weiterhin alle nachkommen, und auch Vereine konnten kostenlos trainieren. Mit dem neuen, 130 Meter langen Becken hat Adolf Lewissohn aber noch einmal neue Maßstäbe gesetzt, betont Bianca Tchinda.  „Er hat 1910 zum letzten Mal umgebaut, um ein wettkampftaugliches Becken zu haben. Und in ganz Deutschland wurde dieses Becken berühmt. Die Sportjournalisten damals haben darüber berichtet, über dieses Novum von Beton ausgestatteten Becken, und dass es ein so schönes Becken nirgends woanders gibt.“

1911 wurden im Seebad Mariendorf die Deutschen Meisterschaften ausgetragen,  im Juni 1912 dann die Ausscheidungswettkämpfe für die Olympischen Spiele in Stockholm. Da zahlte sich die Vorbereitung im Seebad Mariendorf für die deutschen Herren aus, zumindest in der Disziplin 200 Meter Brustschwimmen:

Aber das, was ich am beeindruckendsten finde, ist, dass alle, die sich dort bei den Ausscheidungswettkämpfen für die Sommerspiele in Stockholm qualifiziert haben im Seebad Mariendorf, alle die haben auch Medaillen gewonnen. Das heißt also: Die drei Erstplatzierten in Stockholm waren alle auch im Seebad.

Bianca Tchinda

Kurt Malisch, der Sieger über 200 Meter, ist Bianca Tchinda dabei besonders aufgefallen: Er gewann die Bronzemedaille, Gold ging an seine deutschen Konkurrenten Walter Bathe, Silber an Willy Lützow. Kurt Malisch errang auch über die 400 Meter Brustschwimmen-Disziplin den vierten Platz. Aber im Westen Deutschlands ist wenig über ihn bekannt: „Kurt Malisch war mir nicht bekannt, und er war eine große Nummer in der ehemaligen DDR. Er ist sein ganzes Leben lang dem Schwimmen treu geblieben. Also es gibt Ausschnitte in Archiven, da wird darüber berichtet, dass er mit - ich glaube - 86 Jahren noch an Meisterschaften teilgenommen hat.“
Nicht nur Kurt Malisch war fast vergessen, sondern auch das Seebad Mariendorf. Das wird ab 1933 Stück für Stück der jüdischen Familie entrissen. Helene Lewissohn ist machtlos, berichtet Philipp Holt: „Helene steht dann ab 1933 sehr stark vor dem Problem, dass durch die nationalsozialistische Verfolgung, sie sehr wenig Besucher hat. Das heißt, es wird tatsächlich wahrscheinlich aktiv von den Nationalsozialisten zum Boykott aufgerufen. Es kommen weniger Gäste dorthin. Die Einnahmen werden immer geringer.“
Sie muss das Seebad dann zu einem Spottpreis verkaufen – es wird „arisiert“. Sie kämpft später vergeblich um Entschädigung und stirbt völlig verarmt 1957. Bis dahin gab es ein unwürdiges Verfahren um eine mögliche Wiedergutmachung, und selbst das Armenrecht wurde ihr verweigert. Obendrein musste sie die Gerichtskosten trotz ihrer geringen Mittel selbst zahlen.
Immerhin wird heute die Geschichte der Familie Lewissohn gewürdigt. Im Oktober 2021 gab es eine Ausstellung über das Seebad, und der Bezirk Tempelhof wird aktiv. Das ist auch Bianca Tchindas Hartnäckigkeit zu verdanken. „Also ein Schwimmbad soll neu gebaut werden in Mariendorf - und dieses Bad soll Helene-Lewissohn-Bad heißen. Mittlerweile ist es so, dass eine Gedenktafel beantragt und genehmigt ist, aber die Kommission muss erst noch tagen. Die Verantwortlichen im Bezirk haben verstanden, dass diese Geschichte nicht untergehen darf. Und dafür bin ich sehr dankbar.“
Nach einigen kriegsbedingten Zwischennutzungen wird das Seebad 1950 mit einer neuen Pächterin noch einmal neu eröffnet. Es schließt aber im selben Jahr endgültig. Heute erinnert an der Ullsteinstraße nichts mehr an das frühere Ausflugsidyll.

Der Heinitzsee

Rüdersdorf bei Berlin. Bis 1914 wurde hier Kalkstein abgebaut, und vieles von dem dortigen Abbruch wurde in Berlin verbaut. Über die Jahrzehnte lief die Grube mit Wasser voll - der Heinitzsee entstand. 1950 wurde er zur Wiege des Tauchsports in der DDR. 25 Jahre lang war er geradezu ein Taucherparadies, bis er 1975 trockengelegt wurde: Er musste dem weiterem Kalksteinabbau weichen.
Historische schwarz-weiß Fotografie eines jungen Tauchers der am Ufer sitzt und zur Seite blickt. Zu seiner Ausrüstung gehören Schwimmflossen, eine Taucherbrille und eine Sauerstofflasche am Rücken.
Ein junger Taucher im Heinitzsee, um 1955.© Archiv Sporttauchermuseum Berlin-Wendenschloß
Ortstermin im Berliner Tauchermuseum in Köpenick. Der jüngste in der Runde der drei Taucher, Roger Blum, kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit der Sportgruppe Wendenschloß. Er hat den Heinitzsee selbst nicht mehr kennengelernt, aber er ist trotzdem fasziniert von ihm. Wie kommt das? „Wir haben so ein Treffen der 'alten Karpfen', die treffen sich seit über 20 Jahren. Und die haben immer wieder vom Heinitzsee erzählt, das war sozusagen in der Umgebung von Berlin der bekannteste See, im Grunde genommen, mit jedem, mit dem man sich unterhalten hat, haben die dann wehmütig vom Heinitzsee erzählt, wie sie damals getaucht sind.“ 
„Alte Karpfen“ sind Tauchveteranen mit einigen Jahrzehnten Taucherfahrung. Viele von ihnen haben am Heinitzsee damit angefangen. Mit selbstgebautem Equipment, denn das „professionelle“ gab es damals kaum, berichtet Uwe Mattern: „Mitte der Fünfziger, unser Club ist 1958 gegründet worden, da gab es eigentlich wenig oder nichts zu kaufen, gab es eigentlich nichts. Dann haben unsere ersten angefangen, selbst eine Maske zu bauen, aus einem Autoschlauch und einer Glasscheibe. Dann wurden Regler selber gebaut.“
Uwe Mattern ist selbst ein „Alter Karpfen“. Der drahtige Veteran hat im Laufe seines Lebens viele traumhafte Gewässer in aller Welt betaucht, aber seine Erinnerung an den Heinitzsee ist sehr lebendig. Er beschreibt, was den Heinitzsee so besonders macht, was ihn von den anderen Seen in und um Berlin unterscheidet:

Rein kommt man in jeden, aber sehen tut man nicht viel. Wir haben zum Beispiel den Kalksee bei Rüdersdorf noch. Der ist zu bestimmten Jahreszeiten relativ klar, ist aber ein flacher, unten mit schlammigem Boden versehener See, fünf, sechs, sieben, acht Meter tief. Das ist einfach nicht interessant.

Uwe Mattern

Der Heinitzsee hatte steil abfallende Wände und war bis zu 30 Meter tief. Das war einmalig in der Gegend. Solche Seen gibt es sonst nur in Bergbaugebieten, und die liegen dann schon in Sachsen-Anhalt. In den 30er-Jahren war der See eine berühmte und häufig genutzte Filmkulisse. Da blieb dann auch mal ein Autowrack im See zurück, das dann in den 60er-Jahren von den Tauchern geborgen wurde. Aber der Heinitzsee war nicht nur schön anzusehen, er war ein kleines Biotop.

Und das war nicht frei zugänglich, erzählt Uwe Scholz: „Der Heinitzsee und sein Umfeld waren kein öffentliches Gelände, es war ein Betriebsgelände als Bergbaugebiet und gehörte halt zum Zementwerk in Rüdersdorf, und die Leitung des Zementwerks, die hat einfach mal geduldet, dass die Jugendlichen sich dort mit Tauchen beschäftigen, dort Campen, ohne dass da irgendwelche staatlichen Regelungen und so weiter kamen. Das war natürlich ein richtiger, wichtiger Moment der Freiheit auch für die Jugendlichen.“
Uwe Scholz leitet das Berliner Tauchermuseum. Er war damals noch zu jung, um sich den Tauchern direkt anzuschließen. Aber er war mit seinem Vater am Heinitzsee zum Schwimmen. Und dabei hat er die Taucher dort entdeckt: Er hat ihnen zugeschaut und sie bewundert. Bevor er dann selbst mit dem Tauchen begann, ist er zu den Schwimmern gegangen.

Sport wurde in der DDR in der Regel staatlich gefördert und organisiert. Aber was für ein Sport war das Tauchen? Uwe Scholz: „Ursprünglich hatten die Jugendlichen nämlich damals angefangen zu tauchen und dann mit Harpune und Speer zu fangen. Und deshalb sollten Sie zum Anglerverein.“

Taucher trauern dem See hinterher

Aber Tauchen hätte ja auch bei den Pionieren oder bei den Kampfschwimmern angesiedelt werden können. Und da schon bald technische Gerätschaften entwickelt wurden, passte es auch in die GST, die Gesellschaft für Sport und Technik. Hier gab es zum Beispiel auch Segelfliegen und Modellbau. Da wäre aber kein Wettkampf möglich gewesen: International wurde die GST nämlich nicht anerkannt. Sie galt als vormilitärische Massenorganisation. Also wurde der Tauchsportclub der DDR gegründet.
Nebenbei wurde weiter gebastelt – auch an Taucheranzügen. In den 60er-Jahren gab es zwar in der DDR einen Neoprenanzug zu kaufen, aber die wollte Uwe Mattern nicht: „‘Brettopren‘ hießen sie ja, weil sie so schön hart waren, gab’s dann auch. Also es war jeder Taucher gut beraten, wenn er eine Tante im Westen hatte, muss ich mal ehrlich sagen. Nachdem ich 1964 dazugekommen bin, habe ich auch schon drei Quadratmeter Neopren vor meiner Tante geschenkt bekommen; zwei Büchsen Kleber. Mein Kumpel hatte einen Anzug, da haben wir die Maße abgenommen, dann habe ich meinen Anzug geklebt und war dann heilfroh“, diesen Kälteschutz zu haben. Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht, erzählt Uwe Mattern.
Aber der Anzug hatte einen entscheidenden Nachteil: Weil er so steif war, passte er eben nicht wie angegossen. „Pinguin“ wurde der Anzug deshalb auch genannt. Er warf Falten, und die drückten sich ab einer bestimmten Wassertiefe an und in den Körper des Trägers – schmerzhafte Blutergüsse waren dann oft die Folge.
Kein Wunder, dass auch mal ein solcher Anzug, beschwert mit einem großen Stein, im nächstbesten Gewässer versenkt wurde, wenn der Besitzer einen „richtigen“ Neoprenanzug kaufen konnte. Aber das war sehr viel später. „Bis man dann mit der Ausbildung fertig war, musste man investieren, das ging nicht wie heute: fünf Tauchgänge, und man hat ein Sternchen, und man darf überall tauchen. Als ich meine Prüfung gemacht habe, musste ich noch zehn Tauchstunden nachweisen, also nicht zehn Einstiege, und bei den Temperaturverhältnissen waren zehn Tauchstunden 20 Tauchgänge in etwa: eine halbe Stunde etwa - und man war durchgefroren.“
Ein Taucher damals musste einen gewissen Enthusiasmus mitbringen, um seinem Hobby nachzugehen. Trotzdem trauern die Taucher noch heute dem Heinitzsee hinterher:

Und dann wurde aber alles weggebaggert, hinten zum in Betrieb befindlichen Tagebau hin. Und heute hat man eine Riesengrube dort, und jeder Taucher heute träumt davon, dass die mal wieder voll Wasser läuft, aber das werden wir leider nicht mehr erleben.

Uwe Mattern

Denn es wird ein paar Jahrzehnte dauern, bis – vielleicht – wieder ein neues Tauchparadies in Rüdersdorf entsteht.

Die Tennisplätze am Kurfürstendamm

Nicht ganz so alt wie das Seebad Mariendorf ist der „Tennisplatz der Intellektuellen“ am Kurfürstendamm. Auch der war ein Geheimtipp, der eigentlich allen offenstand. Und es gibt ihn heute noch – theoretisch könnten dort immer noch Bälle aufschlagen. Wenn da nicht dieser Investor wäre:

Berlin brauchte ja Geld, und da hat man diese Fläche der Tennisplätze für 74 Euro den Quadratmeter verkauft. Und der Investor hat die dann gnädig mit übernommen. Hat dann aber - hier kommt das Drama - den Tennisbetrieb sofort 2007 stillgelegt. Und seitdem wachsen die Flächen zu, wird da nicht mehr Tennis gespielt.

Reinhard Brüggemann

Reinhard Brüggemann ist pensionierter Architekt und wohnt im sogenannten WOGA-Komplex am Kurfürstendamm. Dazu gehören die heutige Schaubühne, ein Apartmentblock am Kurfürstendamm, ein Wohnblock in der Cicerostraße und – die Tennisplätze.
Das architekturhistorisch bedeutsame Ensemble wurde von Erich Mendelsohn für die Wohnungsverwertungs-AG, genannt WOGA, entworfen.
WOGA-Innenhof mit Tennisplätzen, am Kurfürstendamm in Berlin (1932)
Die Tennisplätze am Kurfürstendamm im Jahr 1932.© Privat-Archiv Karin Mackenroth
1932 wurden die Tennisplätze fertig gestellt. Sie liegen etwas versteckt im Inneren des Ensembles. Aber sie standen immer allen Interessierten offen: „Das heißt, es war kein exklusiver Club, sondern man konnte sich einfach Tennisplätze mieten und dort mit seinen Freunden eine vergnügliche Stunde verbringen ohne Bindung an einen Club. Und es war insofern ein sehr, sehr demokratischer Ort, und das finde ich schon sehr bemerkenswert.“
Regina Stephan ist Professorin für Architekturgeschichte an der Hochschule Mainz und engagiert sich schon lange für den Erhalt der historischen Tennisplätze. Zumal dieser Ort schon vor der Bebauung mit dem WOGA-Komplex sportlich genutzt wurde: Die Berliner kamen im Winter zum Schlittschuhfahren - und im Sommer zum Tennis spielen.
Es hatte also eine gewisse Logik, dass Erich Mendelsohn für sein Ensemble diese Sportmöglichkeit mit einplante. Und das, wie wir heute sagen würden, sogar „niederschwellig“. Reinhard Brüggemann: „Es war öffentlich für alle Leute klein, groß, schwarz, weiß, alles, Männlein, Weiblein. Die konnten einfach hingehen, Zeiten buchen, spielen und wieder gehen. Und das hat grandios funktioniert, war auch unter den sportbewegten Kulturleuten extrem beliebt.“

Platz der Intellektuellen

Die Tennisplätze am Kurfürstendamm haben viele große Namen aus der damaligen Zeit auf ihrer Spielerliste: Vladimir Nabokov und Erich Kästner gehören zu den bekanntesten. Und sie waren Stammgäste: Erich Kästner hat in der Nachbarschaft gewohnt und hat einen Großteil seiner Bücher dort geschrieben.

Erich Kästner hat dort in der Nähe seine erste eigene Wohnung gehabt, nach dem Erfolg für Emil und die Detektive. Er hat dort gewohnt in der Roscherstraße 16, ist dann rübergelaufen zu dem WOGA-Komplex, hat in dem Café Leon viele Bücher geschrieben und hat auf unseren Tennisplätzen tatsächlich Tennis gespielt.

Reinhard Brüggemann

Der Sport tat ihm doppelt gut: Als Schriftsteller arbeitete er ja viel im Sitzen. Und Bewegung an der frischen Luft, insbesondere Tennis zu spielen, war groß in Mode. Regina Stephan sieht gar die 30er-Jahre als goldenes Zeitalter des Tennis an.
Auf dem Platz „Dampf abzulassen“ aber half Kästner auch ganz konkret, die Jahre der inneren Emigration zu überstehen: Er war unter den Nazis verfemt, hatte Berufsverbot. Aber er ist seiner Mutter zuliebe in Deutschland geblieben. „Und das waren für ihn Schicksalsjahre – und den Frust darüber konnte er sich auf diesen Tennisplätzen, so hat er sich auch seiner Mutter gegenüber in den Postkarten geäußert, auch wunderbar vom Leibe halten. Und insofern hat er dort auch überlebt“.
Vladimir Nabokov spielte nicht nur selbst dort auf dem Platz, sondern gab auch Tennisstunden. Damit konnte er sich als Emigrant ein wichtiges Zubrot verdienen. Aber nicht nur aus kultureller Sicht sind die Tennisplätze bedeutsam: Dort wurde auch Sportgeschichte geschrieben.

Keimzelle für zwei Berliner Tennisclubs

„Es gab aber hier vor allem eine Nutzung durch den späteren und heute noch bestehenden großen Berliner Club, dem Blau-Weiß Tennisclub - und der ist entstanden aus einer gemeinsamen Keimzelle mit dem Rot-Weiß Tennisclub zusammen“. Reinhard Brüggemann weiß: Die Tennisplätze am Kurfürstendamm waren auch bei den Profis begehrt, weil sie häufig früher im Jahr öffneten, als die damaligen Clubs.
WOGA-Tennisbetrieb am Berliner Kurfürstendamm im Jahr 1960
Die Tennisplätze waren bei Intellektuellen und auch bei Profis beliebt (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1960).© Privat-Archiv Isabell Gabriel
Insider, vor allem auch Profisportler, „kannten diese Stelle, dass man dort schon sehr früh unter freiem Himmel wieder Tennis spielen kann, während die Clubs ja immer erst ab 1. April oder so und nach den Winteraufräumarbeiten ihre Spielmöglichkeiten anboten. Das haben viele wahrgenommen und sich da schon mal wieder unter Open-Air-Bedingungen fit gemacht“.
Das ist bis 2006 eigentlich so geblieben. Zwar wurden die Tennisplätze im Zweiten Weltkrieg verwüstet, aber sie wurden von den Anwohnern 1946 schnell wiederhergerichtet und von den Granatsplittern befreit. Dann wurde wieder Tennis gespielt am Kurfürstendamm:
"Die würden heute ja noch Tennis spielen und dieses Kleinod im Grunde genommen zu zerstören, durch eine Innenhofbebauung von luxuriösen Ausmaßen ist eigentlich eine, ja eine schlimme, schlimme Sünde - und eigentlich widerspricht das so extrem diesem ausgesprochenen Denkmalschutz."
Das Ploppen der Bälle auf dem Platz war für den langjährigen Anwohner Reinhard Brüggemann immer das hörbare Zeichen, dass der Frühling gekommen war. Aber 2007 blieb es still auf den Tennisplätzen. Die Anwohner fanden heraus, dass das Anwesen an einen Investor verkauft worden war, der dort Luxuswohnungen bauen will – obwohl das Anwesen seit 1982 unter Denkmalschutz steht.

Das ist ein Stadtinteresse. Wir kämpfen sozusagen für die Offenhaltung dieser Flächen für alle Berliner als Bewegungsfläche und als Nutzung. Und wir wollen auch die Zukunft dieser Fläche gemeinsam mit allen diskutieren.

Reinhard Brüggemann

Die Anwohner fanden sich als „Freunde des WOGA-Komplexes“ zusammen und klagen gegen die Bebauung und für den Erhalt der Tennisplätze. Seit 15 Jahren schon schwelt jetzt der Rechtsstreit. Der Konflikt ist vielschichtig und die Stadt in einer Zwickmühle: Den Investor auszuzahlen wäre teuer. Regina Stephan mahnt:
"Aus Sicht der Architekturgeschichte kann ich nur erneut nachdrücklich dafür werben, diese Freifläche zu erhalten, weil sich hier eben das einzige städtebauliche Projekt Mendelssohns erhalten hat. Und weil es eben nicht nur um die Architektur geht, sondern um das Gesamtwerk oder das Gesamtensemble, und dazu gehören die Tennisplätze, weil Tennis eben eine sportliche Betätigung war, die in den 20er-Jahren einen großen Boom erlebt hat."
Zum architekturhistorischen Wert der Anlage gehört auch die gesellschaftliche Bedeutung des Ensembles: Eine für alle Menschen offene Sportstätte - auch damit ist Erich Mendelsohns Architektur sehr nah an der Moderne. Die Bündelung von verschiedenen Freizeitaktivitäten, von Kultur und Sport in einem großzügigen Komplex ist nicht so weit entfernt von „neuen“ Konzepten wie Spaßbädern oder Fun-Sportarten an der frischen Luft.
Es wäre schön, wenn die Sportstadt Berlin das zu schätzen wüsste.

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