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Weltzeit | Beitrag vom 29.08.2018

Verdreckte Flüsse in IndienEin Guru kämpft für sauberes Wasser

Von Antje Stiebitz

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Sadhguru führt eine Kampagne zur Rettung von Indiens Flüssen an. Er trägt einen weißen Turban und Bart. (Deutschlandradio / Antje Stiebitz)
Sadhguru führt eine Kampagne zur Rettung von Indiens Flüssen an. (Deutschlandradio / Antje Stiebitz)

Viele Flüsse in Indien gelten als heilig, werden aber behandelt wie Müllkippen. Privatleute und Industrie entsorgen dort Dreck und Rückstände. Dazu die übermäßige Entnahme von Wasser. Es droht der Kollaps. Ein "grüner" Guru will die Wende.

Rund 15.000 Menschen sind in Indiens sechstgrößter Stadt Chennai zur "Rally for Rivers" gekommen. Es geht um eine elementare Frage: Wie können Indiens Flüsse gerettet werden? Organisiert hat bunte Kampagne ein indischer Guru namens Sadhguru. Er setzt auf das massenhafte Pflanzen von Bäumen und will die Menschen wachrütteln gemeinsam für den Erhalt der Natur zu kämpfen.

"Der Fluss spricht die Sprache des Lebens. Der Fluss spricht nicht die südindischen Sprachen Tamil oder Kannada. Der Fluss spricht die Sprache des Lebens und das ist die elementare Sprache, die in unseren Herzen schlägt."

Mit dem Zitat bezieht sich Sadhguru auf ein Treffen von Bauern, das er selbst initiiert hat, um über die Wasserproblematik zu sprechen. An dem Treffen haben Bauern aus den beiden Bundesstaaten Karnataka und Tamil Nadu teilgenommen, die unterschiedliche Sprachen sprechen: Kannada und Tamil. Und Sadhguru fordert, dass die Bauernverbände der Bundesstaaten über sprachliche Barrieren und Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten und gemeinsam für ihren Fluss, den Kaveri, kämpfen. Weil dieser Fluss, wie er das blumig ausdrückt, nur die Sprache des Herzens spricht.

Darin spiegelt sich die enge emotionale Bindung wieder, die viele Inder zu ihren Flüssen haben. Um jeden Fluss ranken sich unzählige Mythen. In einer dieser Geschichten verkörpert der Fluss Kaveri zum Beispiel die Göttin Vishnumaya, die als Frau des Waisen Agastya auf die Erde kommt. Und während einer Trockenzeit, so erzählt es die Geschichte, verwandelt sie sich zu Wasser im Trinkbecher des Waisen Agastya. Als dieser eines Tages auf einem Berg rastet, kippt sein Trinkbecher um und Kaveri ergießt sich über das ganze Land.

Nur noch einmal duschen pro Woche

Übersetzt bedeutet Sadhguru so viel wie "ungebildeter Guru". Was nicht so recht zutrifft, weil er beispielsweise englische Literatur studiert hat. Sein bürgerlicher Name ist Jaggi Vasudev und er ist schwer einzuordnender, schillernder Charakter: Yoga-Meister, Unternehmer, er hat einmal eine Geflügelfarm geführt, Mystiker und Autor. 1994 hat er nahe der südindischen Stadt Coimbatore einen Ashram eröffnet und die Isha Foundation gegründet, die weltweit durch 150 Zentren vertreten ist. Er arbeitet in Indien mit einflussreichen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen. Hält Reden bei den Vereinten Nationen und an Elite-Universitäten. Und in den letzten Jahren hat er sich durch groß angelegte Aufforstungsprojekte den Ruf eines "grünen" Gurus erworben, der seinen Zuhörern auch klare Worte entgegen bringt:

"Ihr hier in Chennai – Euch muss ich ein paar schlimme Sachen sagen: Chennai braucht circa 110 Millionen Liter Wasser täglich, aber Ihr habt nur 55 Millionen Liter. Ich möchte gerne wissen, wie oft Ihr duscht. Denn wir leben in einer Kultur, in der wir morgens niemals vor die Tür treten, ohne uns gewaschen zu haben. Aber es wird die Zeit kommen, in der wir uns gegenseitig fragen, ob wir eine Sonntags- oder Montagsperson sind. Wann hast Du geduscht? Das wird bald ein größeres Problem sein, als Ihr jetzt glaubt, weil die Wasserressourcen so schnell austrocknen."

Das Publikum der "Rally for Rivers"-Kampagne im Südindischen Chennai hält Schilder hoch. (Deutschlandradio / Antje Stiebitz)Das Publikum der "Rally for Rivers"-Kampagne im Südindischen Chennai. (Deutschlandradio / Antje Stiebitz)

Viele indische Flüsse, vor allem, wenn sie im Einzugsbereich großer Städte fließen, sind stark verschmutzt. An manchen Stellen kann man das wirklich deutlich sehen und riechen. Etwa in Form von weißem Schaum, der auf der Wasseroberfläche schwimmt und kräftig stinkt. Das Problem liegt darin, dass Haushalts– und Industrieabwässer oft völlig ungefiltert in die Flüsse geleitet werden. Auch die gewaltigen Monsunregen schwemmen Müll und menschliche Hinterlassenschaften in die Flüsse.

In Indien 2030 nur noch halb so viel Wasser

Das andere Problem ist der Wassermangel. Es gibt Schätzungen, die besagen, dass Indien schon im Jahr 2030 nur noch halb so viel Wasser haben könnte, wie es eigentlich braucht. Das hängt mit einer ganzen Reihe von Faktoren zusammen: der Klimawandel, eine zu große Wasserentnahme durch den Menschen und das damit verbundene Absinken des Grundwasserspiegels. Forscher haben außerdem noch festgestellt, dass die Wassermassen des Monsun stark schrumpfen. Und Flüsse wie der Kaveri, Krishna oder die Narmada, die bislang das ganze Jahr über geflossen Flüsse sind, trocknen seit ungefähr zehn Jahren stark aus und fließen nur noch saisonal.

Gleichzeitig regnen die Wolken ihr Wasser in immer kürzeren Zeiträumen ab. Diese Starkregen können die Böden durch zunehmende Bebauung und durch Abholzung nicht mehr aufnehmen und speichern. Und so kommt es dann zu Überschwemmungen wie gerade im Bundesstaat Kerala.

Anwohner stehen nach einer Sturzflut vor den Überresten ihrer beschädigten Häuser. Starke Regenfälle haben Erdrutsche ausgelöst und sind eine Bedrohung für viele Dörfer in der Nähe von Flüssen in der Region Jammu.  (picture alliance/dpa/XinHua )Anwohner in Kerala stehen nach einer Sturzflut vor den Überresten ihrer beschädigten Häuser. (picture alliance/dpa/XinHua )

Dabei gibt es ein wachsendes Umweltbewusstsein in Indien. Zahlreiche Wissenschaftler und Umweltaktivisten beschäftigen sich mit den bestehenden Schwierigkeiten und machen öffentlich darauf aufmerksam. Es gibt Umweltjournalisten, die regelmäßig über den Klimawandel, über versiegende Flüsse oder Luftverschmutzung berichten - etwa in dem Umweltmagazin "Down to Earth".

Trotzdem gibt es eine Reihe von Faktoren, die ein schnelles Handeln schwierig machen. Eine Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen, die weiter wächst, mit ebenfalls wachsenden Konsumwünschen. Eine Wirtschaft, die diese Konsumwünsche aufgreift und zügellos expandiert. Aber gleichzeitig fehlt es oft noch an Richtlinien und Gesetzen zu Gunsten der Umwelt. Oder solche Richtlinien und Gesetze existieren, aber es ist schwer sie zu kontrollieren und durchzusetzen. Dazu kommt der fehlende Wille der politischen Elite und damit dann auch am wichtigsten Faktor: dem Geld! Und was vielleicht auch noch gesagt werden muss: Es gibt Aktionspläne der Regierung, Umweltorganisationen, Nichtregierungsorganisationen und Initiativen, die sich auf allen Ebenen für nachhaltiges Wirtschaften einsetzen und auch Resultate erzielen, die aber bei weitem noch nicht ausreichen, wie Sadhguru findet:

"Ich möchte, dass Ihr das versteht: Nehmt das nicht für selbstverständlich! Wenn unsere Bauern aus Schlamm Essen machen, dann ist das ein Wunder, das die Bauern jeden Tag vollbringen. Unglücklicherweise erkennen wir das Wunder nicht mehr. Versucht es selbst, und ihr werdet es verstehen, was es bedeutet."

50 Millionen öffentliche Toiletten reichen nicht

Sadhguru ist mit seiner "Rally for Rivers"-Kampagne 2017 nur einer von vielen warnenden Rufern. Umweltschützer wie Sunita Narain, Vandana Shiva, der inzwischen verstorbene Anil Agarwal oder der Guru Sri Sri Ravi Shankar von "The Art of Living", der im Rahmen der "Mission Green Earth"-Kampagne in 26 indischen Bundesstaaten Bäume gepflanzt hat, haben viel geleistet und so gebe es noch Hoffnung, meint Sadhguru:

"Immer wenn eine Krise in der Welt auftritt, dann kann man beobachten, dass sie auch viele große Männer und Frauen hervorbringt. Eine Krise ist eine Chance, und führt den Menschen zum Gipfel seiner Leistungsfähigkeit und seines Menschseins. Das ist Eure Zeit! Tamil Nadu, das ist Eure Zeit in der Krise. Es ist an der Zeit, sich über Kasten, Gier, Religion und Partei-Zugehörigkeit hinwegzusetzen und das zu tun, was getan werden muss. Zeigt der Welt, dass wir keine Generation sind, die scheitert!"

Es gibt viel zu tun: Die Kanalisation müsste flächendeckend ausgebaut werden, ähnliches gilt für Klärwerke. Die indische Regierung hat in den letzten drei Jahren zwar 50 Millionen öffentliche Toiletten gebaut, doch die werden oft noch nicht genutzt oder schlecht in Stand gehalten. Ähnliches gilt für die Müllbeseitigung und für die Mülltrennung. Es gibt gelungene Projekte, aber beides ist ausbaufähig und müsste flächendeckend verwirklicht werden. Fabriken müssten genötigt werden Kläranlagen für ihre Abwasser einzubauen. Und wenn sie dazu nicht bereit sind, müsste man sie schließen.

Die Menschen müssten aufgeklärt werden und müssen anfangen sich persönlich verantwortlich zu fühlen. Und gleichzeitig braucht es einen politischen Willen, der juristisch verankert werden muss, damit er auch durchsetzbar ist. Und eine Stimme in der Politik extra für Umweltfragen, eine "grüne" Partei, wäre hilfreich.

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