Freitag, 24.05.2019
 

Breitband | Beitrag vom 12.01.2019

Valentin, Schwitters & Co.Für welche Werke 2019 das Urheberrecht erlischt

Von Laf Überland

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Aussagen des Komikers Karl Valentin im Valentin-Musäum am Dienstag (25.10.2011 im Isartor in München (Oberbayern). Das Valentin-Musäum ist eine Ausstellung in München, die dem Komiker Karl Valentin gewidmet ist. Foto: Frank Leonhardt dpa/lby | Verwendung  (dpa/Frank Leonhardt)
Zahlreiche Werke sind ab Januar 2019 gemeinfrei, darunter auch die des Komikers Karl-Valentin. (dpa/Frank Leonhardt)

Wer Zitate von Karl Valentin veröffentlichte, musste bisher auf eine Abmahnung gefasst sein. Damit ist seit dem 1. Januar Schluss: Denn 70 Jahre nach Valentins Tod werden dessen Werke nun gemeinfrei - und die vieler anderer Künstler auch.

An jedem Jahresanfang öffnet sich in vielen Ländern der Welt eine Zeitkapsel, aus der dann Kunstwerke herausfallen, für die jeweils der Urheberrechtsschutz erloschen ist und die somit unter Public Domain gewissermaßen der Allgemeinheit gehören – weshalb dann Schulen ohne Genehmigung Theaterstücke aufführen und Künstler fremde Bilder verändern dürfen, Fans Romane weiterschreiben oder was auch immer im Internet veröffentlichen. Hierzulande betrifft das die meisten Werke von Künstlern, die vor siebzig Jahren gestorben sind.

Keine Abmahnungen mehr

In diesem Jahr dürfen sich vor allem die Freunde des bayerischen Brettl-Humor auf die Schenkel klopfen, denn endlich werden die volksnah-existenzialistischen Sketche des Müncheners Karl Valentin rechtefrei! Die Valentin-Erben waren immer sehr klagefreudig gewesen – manche nennen es auch "gierig": Zum Beispiel mahnten sie einen Münchener Mathematikprofessor wegen eines 277-seitigen Stochastik-Skripts ab, in dem der zwei kurze Valentin-Sketche untergebracht hatte, um den Begriff "Zufall" in der Mathematik zu veranschaulichen. So lustig geht es also auch beim Erbe von Komikern nicht zu.

Die Ursonate des Dadaisten Kurt Schwitters darf jetzt jeder ebenso in Grund und Boden knarren, pfeifen, zischen und trillern, genauso wie die Operetten von Franz Léhar. Ohne wen zu fragen, kann man jetzt wieder den rasenden Reporter Egon Erwin Kisch veröffentlichen oder Joseph Friedrich Nicolaus Bornmüllers Beiträge zur Flora Mazedoniens, aber auch die Schriften des wunderbar verständigen Theaterkritikers Alfred Kerr oder den Surrealistendichter Antonin Artaud.  

Sinclair, Steinbeck, Chaplin

Wahrhaft erschüttert von der Urheberrechtskapsel sind in diesem Jahr jedoch die Kulturfreunde der USA: Anders als in Deutschland ist in den USA nicht das Todesjahr des Urhebers für die Schutzfrist entscheidend, sondern das Veröffentlichungsdatum. Und in diesem Jahr werden also Upton Sinclairs "The Jungle" und bedeutende Steinbeck-Romane gemeinfrei, Charlie Chaplins "Pilger" und der Song "Charleston". Dazu einiges von Buster Keaton, Jelly Roll Morton und der Billy-Jones-Song "Yes! We Have No Bananas".

Allerdings hätten die Werke eigentlich bereits 1999, also 75 Jahre nach ihrer Veröffentlichung freigegeben werden müssen. Aber ein Jahr zuvor hatte der Kongressabgeordnete und ehemalige Popsänger Sonny Bono (Ex-Ehemann von Cher übrigens) eine Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht, den Urheberrechtsschutz von 50 Jahren nach Veröffentlichung auf 70 auszudehnen.

Als das Gesetz zur Verlängerung des Urheberrechtsschutzes, der "Copyright Term Extension Act" schließlich in Kraft trat, war Sonny Bono zwar gestorben, das Gesetz wurde aber trotzdem nach ihm benannt. Es erhielt aber noch den Beinamen Micky-Maus-Schutzgesetz, weil der Disney-Konzern durch massive Lobbyarbeit an der Gesetzesschraube mitgedreht hatte, weil der Schutz der ersten Mickey-Mouse-Filme sonst bald abgelaufen wäre...

Ein Algorithmus bei Google Books gibt die Werke frei

Nachdem also schlagartig das Freiwerden von Urheberrechten eingefroren wurde, öffnet sich jetzt erstmals nach zwanzig Jahren wieder die Zeitkapsel des Kulturkanons – und mitten hinein in die inzwischen digital gewordene Welt! Google hat bereits einen Algorithmus eingerichtet, der automatisch von den 30 Millionen Büchern, die sie bei Google Books eingescannt haben, jeweils am 1. Januar automatisch alle freigibt, deren Urheberrechtsschutz dann endet.

Das Hathi-Archiv hat mehr als 53.000 im Jahr 1923 publizierte Werke hochgeladen, davon der größte Teil in anderen Sprachen als Englisch; Wissenschaftler können allein bei Reddit auf über eineinhalb Millionen akademische Artikel aus den Jahren bis 1923 zugreifen. Und das Internet Archive arbeitet zwar langsamer, feiert aber in zwei Wochen in San Francisco eine riesige Party – bei der dann hoffentlich zu forgeschrittener Stunde niemand an einer Hochhausturmuhr herumturnt wie Harold Lloyd in seinem Film "Safety Last" – der ebenfalls jetzt gemeinfrei geworden ist...

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