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Literatur | Beitrag vom 22.12.2019

Väter und SöhneEine archetypische Beziehung

Von Andreas Schäfer

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Historisches Dokument der Zeitgeschichte, Graf Eberhardt der Greiner von Wuerttemberg zerschneidet das Tischtuch zwischen sich und seinem Sohn. Eine Radierung von ca. 1886. (picture alliance / Sunny Celeste)
Ob Identifikation, Kampf oder Konkurrenz: die Arten der Beziehung zwischen Vater und Sohn scheinen schier unerschöpflich. (picture alliance / Sunny Celeste)

Väter sind Söhnen selten gleichgültig. Sie lieben sie, oder sie hassen sie. Allerdings galt Auflehnung lange als Frevel und Liebe als gottgegeben. Erst seit der Aufklärung muss der Vater sich verdienen, worauf er zuvor ein Anrecht zu haben schien.

"Im Namen des Vaters, des Sohnes …" – danke, das genügt! Bis hierhin erst einmal, der Heilige Geist bleibt für heute ausgeblendet. Mit den ersten beiden lässt sich schon genug Staat machen, auch Gesellschaft – und erst recht Kunst und Literatur. Die Konstellation ist unerschöpflich, trotz ihres höchst ansehnlichen Alters, was sich von sehr Wenigem behaupten lässt.

Vaterüberwindung, Vatermord

Schon in der Antike bilden sich die beiden Pole heraus, zwischen denen die Darstellungen der Vater-und-Sohn-Beziehung bis heute pendeln. Die ersten Gesänge in Homers "Odyssee" erzählen von den Abenteuern des Telemachos, der auf der Suche nach dem abwesenden Vater Odysseus zum Manne reift. Statt dieser Individuation durch Identifikation mit dem Vater, die nach einem nicht unproblematischen Konzept nicht nur klingt, ist natürlich die Mannwerdung durch Kampf und Konkurrenz möglich. In letzter Konsequenz wird der Vater überwunden, vulgo: ermordet wie in Sophokles‘ "König Ödipus".

Die zwei Körper des Vaters

Nun ist der Vater stets mehr als nur ein Vater, und so hat das eine wie das andere Verfahren weitreichende Konsequenzen. Der erfreulich oder verdammt enge Verwandte ist nämlich immer auch Repräsentant. Götter, Weise und Staatsoberhäupter werden Vater genannt, manchmal sogar Chefs. Der Vater steht für das System, das Gesetz, die Idee, die herrschenden Verhältnisse. Dem Vater, nicht dem Sohn gebührt daher die größere Rolle, und sie wird unweigerlich tragisch, wird er angegriffen. Der Sohn hat folgsam zu sein, oder er ist pietätlos, ja sogar ruchlos.

Ein Gemälde einer Szene aus der Bibel, "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" aus dem 17. Jahrhundert von Leonello Spada. Louvre Museum, Paris.  (picture alliance/The Print Collector/Heritage Images)Der Vater ist stets mehr als nur ein Vater: Auch Götter, Weise und Staatsoberhäupter werden so genannt. (picture alliance/The Print Collector/Heritage Images)

Verhältnis ändert sich mit der Aufklärung

Das Verhältnis beider ändert sich grundlegend in der Aufklärung. Nun gelten Sohnespflicht und Pietät nicht mehr als gottgegeben, vielmehr muss sich der Vater die Sohnesliebe und auch nur seine Achtung verdienen. Und der Sohn kann beides, verhält sich der Vater unwürdig, etwa tyrannisch oder moralisch verwerflich, aufkündigen. Die Vater-Sohn-Beziehung untersteht nun dem moralischen Urteil. Es gilt für beide und kennt keine Hemmung, nur die Wahrheit. Nie schnitt ein Schwert schärfer. Vater und Sohn – eine archetypische Beziehung, die sich in der Neuzeit gravierend zuspitzt.

(pla)

Das Manuskript zur Sendung finden Sie hier.

Es sprechen: Meike Rötzer, Karim Cherif, Alexander Ebeert und Alexander Radszun
Ton: Ralf Perz
Regie: Giuseppe Maio
Redaktion: Jörg Plath

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