Uwe M. Schneede: "Paula Modersohn-Becker"

    Um Lichtjahre voraus

    05:51 Minuten
    Zu sehen ist das Cover des Buches "Paula Modersohn-Becker. Die Malerin, die in die Moderne aufbrach" von Uwe M. Schneede.
    Fast 100 Abbildungen versammelt diese Monografie über Paula Modersohn-Becker. © Deutschlandradio / C.H. Beck
    Von Eva Hepper · 19.10.2021
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    Der Kunsthistoriker Uwe M. Schneede feiert Paula Modersohn-Becker als Wegbereiterin der Moderne. Er erzählt vom Leben und Schaffen der Malerin aus der Perspektive ihrer Pariser Jahre - beeindruckend und berührend zugleich.
    In der Silvesternacht 1899 machte sich Paula Modersohn-Becker erstmals auf den Weg nach Paris. 17 Stunden saß die 23-Jährige von Bremen bis zum Bahnhof Gare du Nord im Damenabteil der Bahn, um die Weltmetropole der Kunst zu besuchen.
    Sie fuhr damit nicht nur einem neuen Jahr entgegen, sondern gleich einem ganzen Jahrhundert: dem "Jahrhundert der Moderne", wie Uwe M. Schneede in seiner ausgezeichneten und reich bebilderten Monografie über die Malerin schreibt.

    Eine epochale Wegbereiterin

    Der Kunsthistoriker, der in München lehrte und später die Hamburger Kunsthalle leitete, hat das Werk von Paula Modersohn-Becker seit vielen Jahren im Blick. In verschiedenen Ausstellungen zeigte er sie als singuläre Künstlerpersönlichkeit, die mutig und vollkommen eigenständig ihren Weg in die Moderne fand. In seinem neuen Buch feiert er die Malerin nun als "als epochale Wegbereiterin"; tätig unmittelbar vor den großen deutschen Avantgardekünstlern der Brücke oder des Blauen Reiter.
    Schneede nähert sich der Künstlerin über ihre Pariser Zeit. Immer wieder war die 1876 in Dresden geborene und seit 1898 in der Künstlerkolonie Worpswede lebende Modersohn-Becker ins damalige Mekka der Kunst gereist.

    Immer wieder Paris

    Wochen, Monate, zuletzt über ein Jahr hatte sie dort verbracht und in der Auseinandersetzung mit ganz alter Kunst (Ägypten), den Alten Meistern (etwa Rembrandt) und schließlich den "Allermodernsten" zu ihrer eigenen Bildsprache gefunden.
    Es ist spannend zu lesen, welche Ausstellungen und Ateliers die Malerin besuchte und wie ihr die Entdeckung von Cézanne in der Kunsthandlung von Ambroise Vollard zum Schlüsselerlebnis wurde. Auch ihren einmalig großen Mut versteht Schneede zu zeigen.
    Tatsächlich interessierte sich fast niemand für Modersohn-Beckers Werk. Es war einsam um sie. Und doch schuf die Künstlerin bis zu ihrem frühen Tod 1907 mehr als 700 Gemälde mit absolut beeindruckender Leidenschaft und Überzeugung.
    Schneede behauptet nicht nur die künstlerisch einzigartige Leistung der Unbeirrbaren, er zeigt sie auch. Fast 100 Abbildungen versammelt die Monografie. Viele Gemälde, Zeichnungen und Studien stützen die These ihres Autors.
    Herausragend sind dabei seine vergleichenden Betrachtungen. Er zeigt etwa, wie unterschiedlich Otto Modersohn und seine Frau Paula das gleiche Bildmotiv in Szene setzten; sie war ihm Lichtjahre voraus.

    Experimente mit Farbe und Form

    Wie verblüffend ähnlich waren die Lösungen der mit Farbe und Form Experimentierenden den Antworten, die zum Beispiel Pablo Picasso zeitgleich fand. Und wie besonders entwickelten sich ihre Bildwelten, die der französischen Avantgarde verpflichtet waren, aber auch den Motiven, Menschen und dem Licht der Worpsweder Landschaft.
    So über Kunst zu lesen, macht Freude. Tatsächlich ist das Buch ein Gewinn für Laien und Kennerinnen zugleich. Und weil auch Paula Modersohn-Becker selbst immer wieder zu Wort kommt – durch Zitate aus ihren Briefen und Tagebüchern –, hält der Autor stets eine feine Balance zwischen lebendigem Stil und wissenschaftlichem Anspruch.

    Uwe M. Schneede: "Paula Modersohn-Becker. Die Malerin, die in die Moderne aufbrach"
    C.H. Beck, München 2021
    240 Seiten, 29,95 Euro

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