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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.12.2016

Utopie in der LiteraturGeschichten als Möglichkeitsraum

Kathrin Röggla im Gespräch mit Frank Meyer

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Kathrin Röggla auf der Frankfurter Buchmesse (Deutschlandradio / Susanne van Loon)
Kathrin Röggla auf der Frankfurter Buchmesse (Deutschlandradio / Susanne van Loon)

Es fehlt uns an Fantasie, uns eine neue Wirtschaftsordnung vorzustellen, kritisiert die Schriftstellerin Kathrin Röggla. Hier bietet Literatur die Möglichkeit, sich freizuspielen. Denn Literatur erzähle auch immer mit, was anders sein könnte.

Wie kann Literatur Zukunft denken? Indem sie Geschichten erzählt, die Möglichkeitsräume öffnen, meint die österreichische Schriftstellerin Kathrin Röggla.

"Wir sind in einer Situation, in der die Zukunft quasi in die Gegenwart stürzt und die Gegenwart die Zukunft auffrisst", sagte sie im Deutschlandradio Kultur. "Wir sprechen dauernd über Ressourcenknappheit, über das Verspekulieren der Zukunft, über Finanzmärkte, die immer schneller sind als man selber, über Risikoszenarien, die wir ständig erstellen. Also, es ist ein ganz merkwürdiges Verklammert-Sein von Gegenwart und Zukunft, etwas sehr Starres. Und Zukunft bedeutet ja doch auch immer, dass etwas offen ist, dass man etwas noch entscheiden kann."

Literatur sprengt das zeitliche Kontinuum auf

Es fehle an der Fantasie für eine neue Wirtschaftsordnung, kritisiert Röggla. "Es geht um Vorstellbarkeiten tatsächlich. Also, was erlauben wir uns? Was ist überhaupt noch möglich zu entwerfen? Und dafür brauchen wir einfach erstmal so eine Art Freispielen von diesem sehr, sehr verzahnten, sehr, sehr engen Verhältnis". 

Diese Möglichkeit bietet ihrer Ansicht nach die Literatur: "Zur Literatur gehört meist eine Mehrzeitigkeit. Sie macht mehrere Zeiträume auf, sie kann zurückblicken, sie kann nach vorne gehen, sie kann mehrere Szenarien nebeneinander stellen. Sie sprengt dieses zeitliche Kontinuum oftmals auf."

Literatur bilde nicht eins zu eins die Wirklichkeit ab, sondern erzähle auch immer mit, was anders sein könnte. Und indem Literatur mit dem Spielbegriff operiere, mache sie einen Raum auf, in dem die Dinge erprobt werden können. "Weil, es ist nicht klar, wie das Spiel ausgeht, sonst wäre es ja kein Spiel."

Ausschnitt aus "Paradies", dem Mittelportal des Triptychons "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch (um 1450−1516) (Bild: Imago)"Paradies" von Hieronymus Bosch (Bild: Imago)Was ist aus den Utopien und Visionen von Thomas Morus geworden? Der Schwerpunkt "Zukunft denken. 500 Jahre 'Utopia'" in Deutschlandradio Kultur sucht nach Antworten vom 18. bis 27. Dezember. Die Übersicht der Themen und alle bereits gesendeten Beiträge gibt es hier zu lesen und zu hören: Utopien in Politik, Gesellschaft und Kunst − Welche anderen Welten sind möglich?

Mehr zum Thema:

Utopien in Politik, Gesellschaft und Kunst - Welche anderen Welten sind möglich?
(Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 16.12.2016)

NICHT HIER oder Die Kunst zurückzukehren
(Deutschlandradio Kultur, Hörspiel, 16.11.2014)

Lärmkrieg
(Deutschlandradio Kultur, Freispiel, 13.10.2014)

Die Unvermeidlichen
(Deutschlandradio Kultur, Freispiel, 20.05.2013)

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