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Religionen / Archiv | Beitrag vom 18.12.2016

Utopie in der "Apokalypse"Das goldene Jerusalem

Von Ralf Bei der Kellen

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Blick auf den Jerusalemer Tempelberg mit Felsendom und Klagemauer (picture alliance / dpa/ Marius Becker)
Der Felsendom auf dem Tempelberg ist das wohl bekannteste Wahrzeichen Jerusalems. (picture alliance / dpa/ Marius Becker)

Die Apokalypse ist einer der wirkmächtigsten Texte der Bibel. Gemeinhin wird sie vor allem als Untergangsszenario rezipiert. Doch wird dort eine Art diesseitiges Paradies beschrieben, eine Erlösungsvision – vom "neuen Jerusalem" führt auch ein Weg zu Thomas Morus' "Utopia".

"Und der Engel versammelte sie an der Stätte, die auf hebräisch 'Harmagedon' heißt."

Für die meisten Menschen ist sie das zentrale Motiv der neutestamentlichen "Apokalypse", der Offenbarung des Johannes: die finale Schlacht zwischen Gut und Böse. Auf der einen Seite der Antichrist und das Tier mit der Zahl 666. Auf der anderen Gott und das Lamm.

"Die große Stadt zerbarst in drei Teile, und die Städte der Völker stürzten ein, und Babylons, der Großen, wurde im Angesicht Gottes gedacht und es wurde ihr der Becher seines grimmigen Zorns gereicht."

Entstanden ist der Text vermutlich im 9. Jahrzehnt nach Christi Geburt. Der Ursprung einer apokalyptischen Geisteshaltung liegt aber weiter zurück: Im Jahr 586 vor Christus wurde das Volk Israel durch Nebukadnezar den Zweiten gefangen genommen, nachdem die Babylonier Jerusalem erobert und zerstört hatten.

Diese Erfahrungen spiegeln sich im Buch Jesaja und dann im Buch Daniel, in dem apokalyptische Visionen beschrieben werden. Beide Texte sollten das Volk Israel trösten und das Geschehene rechtfertigen. Bereits das Buch Jesaja träumt von einem von Gott wiederaufgebauten Jerusalem. In der Offenbarung des Johannes wird diese Vorstellung zentral:

"Und aus dem Himmel, von Gott her, sah ich die heilige Stadt herabsinken, das neue Jerusalem, bereitet wie eine für ihren Mann festlich geschmückte Braut."

1000 Jahre Wartezeit

Die Vorstellung von einem himmlischen Jerusalem bedeutet: Hoffnung auf eine vollkommene Welt in einer schlechten, unvollkommenen Gegenwart. Und das in nicht allzu ferner Zeit. Obwohl in der Offenbarung dafür mindestens 1000 Jahre veranschlagt werden, spricht aus ihren Zeilen die urchristliche "Naherwartung".

"Denn der Zeitpunkt der Entscheidung ist nahe."

Erwartung nicht nur der Rückkehr Jesu, sondern auch einer vollkommenen Welt, in der alles irdische Leiden ein Ende findet:

"Und jede Träne wird er von ihren Augen wegwischen … Und der Tod wird nicht mehr sein. Und auch keine Trauer, kein Jammergeschrei, keine Mühsal. Denn was zuerst war, ist für immer vorbei."

Der Philosoph Wilhelm Schmidt-Biggemann ist der Auffassung, dass man die apokalyptischen Visionen der Bibel als Ursprung einer Geschichtsauffassung betrachten könne, die im Einflussbereich des Christentum prägend war, nämlich der Geschichte als Fortschrittgeschichte, als Geschichte von der Verbesserung der Welt:

"Man wird die Pracht und den Reichtum der Völker in sie hineintragen. Doch nichts unreines wird den Weg in die Stadt finden, auch keiner, der abscheuliche Greultaten verübt und lügt, sondern einzig und allein jene, die im Lebensbuch des Lammes verzeichnet sind."

Eine Insel für 144.000 Menschen

In seinem vor 500 Jahren erschienenen Roman "Utopia" beschreibt der theologisch interessierte Humanist Thomas Morus einen Staat, der dem neuen Jerusalem in vielem ähnelt: Früchte und Gemüse gehören allen, Krankheiten sind weitgehend ausgemerzt. Und das neue Jerusalem ist der Apokalypse zufolge ein inselartiger Ort, der Platz für exakt 144.000 Menschen bietet.

Auch "Utopia" ist auf einer Insel angesiedelt und bevölkerungsmäßig begrenzt – ebenso wie das Gros der späteren Utopien. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts begann man zu hoffen, dass der Mensch diesen "Eu-Topos", den "schönen Ort", kraft seiner Hände Arbeit und seines Verstandes selbst errichten könne. An die Stelle Gottes tritt am Vorabend der Aufklärung allmählich die Vernunft. Der Keim dieses idealen Szenarios liegt in den apokalyptischen Erzählungen – nicht zuletzt in der Offenbarung des Johannes.

"Genau zwischen Straße und Strom, und zwar diesseits und jenseits des Stromes, wuchsen Bäume des Lebens, die zwölf mal Früchte tragen – in jedem Monat liefern sie ihre Frucht – und deren Blätter den Völkern Heilung bringen."

Wilhelm Schmidt-Biggemann: "Wenn man das säkularisiert, dann ist das Endziel möglicherweise nicht mehr die Apokalypse, also das Ende der Welt und das Einsetzen des 'Reichs Gottes', sondern so etwas wie eine perfekte Gesellschaft. In der Aufklärung vertritt das etwa Condorcet mit seiner Vorstellung der stetigen Weiterentwicklung des Menschen, seiner letztlichen Vervollkommnung. Oder denken Sie an die perfekte Gesellschaft, die der Sozialismus als Endziel anstrebt."

So äußerte sich Wilhelm Schmidt-Biggemann kürzlich im Interview mit der Zeitschrift "Philosophie Magazin". Tatsächlich bediente sich auch Karl Marx in seinen Werken der Sprache und des Bildinventars der biblischen Apokalypsen.

Wilhelm Schmidt-Biggemann sieht solche Endzeitvisionen sogar als Motor des Fortschritts:

"Wir brauchen eine solche Vorstellung des Endes beziehungsweise einer anzustrebenden Perfektion, sonst hätten wir alle keinen Grund, irgendwelche Projekte zu vollenden. Auch wir streben nach wie vor danach, unsere Gesellschaft zu verbessern und stellen uns als Ziel eine gerechte und humane Welt vor, wo beispielsweise der Hunger ausgerottet ist und alle Mädchen in die Schule gehen dürfen."

Die dunklen Seiten des Fortschritts

Durch die Verbreitung des Christentums wurde auch die Vorstellungswelt der neutestamentlichen Apokalypse populär. Mit ihrer eschatologischen Geschichtsdeutung kann sie im Grunde als Keimzelle aller gesellschaftlichen Utopien seit Thomas Morus' "Utopia" gesehen werden – zumindest so lange, bis mit der industriellen Revolution die dunklen Seiten des menschgemachten Fortschritts offensichtlich werden.

Dann beginnt die Zeit der Dystopien, in denen erfolgversprechende Ansätze menschlicher Entwicklung sich in ihr Gegenteil verkehren.

Da klingt es in der Offenbarung des Johannes doch noch optimistischer:

"Es wird nie mehr dunkel werden. Gottes Knechte bedürfen daher weder des Lichts einer Lampe noch des Sonnenlichts. Denn Gott der Herr wird über ihnen leuchten. Und sie werden herrschen – in alle Ewigkeit."

Ausschnitt aus "Paradies", dem Mittelportal des Triptychons "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch (um 1450−1516) (Bild: Imago)"Paradies" von Hieronymus Bosch (Bild: Imago)Was ist aus den Utopien und Visionen von Thomas Morus geworden? Der Schwerpunkt "Zukunft denken. 500 Jahre 'Utopia'" in Deutschlandradio Kultur sucht nach Antworten vom 18. bis 27. Dezember. Die Übersicht der Themen und alle bereits gesendeten Beiträge gibt es hier zu lesen und zu hören: Utopien in Politik, Gesellschaft und Kunst − Welche anderen Welten sind möglich?

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