USA lockert Einreisebeschränkungen

    New York ist zurück

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    Blick auf einen Fußübergang in New York. Am Rand stehen Menschen. Auf der Straße eines der gelben Taxi
    Warten auf Gäste aus aller Welt: In Manhattan ist die Sehnsucht nach der vertrauten Lebendigkeit überall zu spüren. © Unsplash / Fabien Bazanegu
    Von Vladimir Balzer · 08.11.2021
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    New York ist von Corona besonders hart getroffen worden. Nachdem die USA ihre Einreisebeschränkungen gelockert haben, kehrt neues Leben in die Metropole zurück. Doch der Ausnahmezustand hat die Stadt verändert.
    Wenn man die New-York-Times Redakteurin Clare Toeniskoetter treffen will, dann muss man sich mit dem Platz vor dem Eingang begnügen. Niemand von außerhalb darf zurzeit in das Hochhaus der berühmten Zeitung in Midtown Manhattan. Und das wird auch noch eine Weile so bleiben.
    In New York ist man vorsichtig. Die Stadt war von Covid betroffen wie keine andere im Land. Viele Büros sind noch immer nicht besetzt, Arbeiten von zu Hause bleibt der Standard. Also treffen wir uns auf der Straße.

    Hoffen auf die Öffnung

    "Es ist immer noch seltsam", sagt Toeniskoetter. "Wir sind hier ein paar Meter vom Times Square entfernt, und man sieht niemanden mit Stadtplänen in der Hand, oder Menschen, die anderen Sprachen sprechen. Jetzt geht es langsam wieder los, und ich freue mich einfach."
    Für New York ein Zustand, den die Stadt seit dem Aufkommen des modernen Massentourismus nicht erlebt hat. Seit Monaten sind keine Touristen aus dem Ausland da, dafür mehr aus dem Inland. Was für Gastronomie und Hotels natürlich dennoch nur ein schwacher Trost war. Umso mehr hofft die Stadt auf die Öffnung für Europäer. In der Zwischenzeit konnte New York City sich selbst ein bisschen besser kennenlernen.

    Eine neue Einheit

    "Ich habe festgestellt, wie viel Gemeinschaftssinn New York hat", erzählt Toeniskoetter. "Es heißt immer, die Stadt sei so abweisend und hart, jeder kämpfe nur für sich selbst. In der Pandemie aber habe ich eine andere Stadt erlebt, sogar freudvoll. Ich kenne zum Beispiel deutlich mehr Nachbarn als zuvor. Es gibt da eine neue Einheit in der Stadt."
    New-York-Times-Redakteurin Clare Toeniskoetter und Deutschlandradio-Autor Vladimir Balzer vor dem Redaktionsgebäude der Zeitung in Manhattan.
    New-York-Times-Redakteurin Clare Toeniskoetter und Vladimir Balzer vor dem Portal der Zeitung in Manhattan.© Deutschlandradio / Vladimir Balzer
    Ähnlich sieht es auch Michael Fatica, der Broadway-Schauspieler hat die Zeit in anderen Projekten, etwa in Florida, überbrückt, und freut sich, nun wieder hier auftreten zu können. Das berühmteste Theaterviertel der Stadt lag verwaist da, inzwischen seien gut die Hälfte der Shows wieder zurück, sagt Fatica:
    "Die Zuschauer spüren es, die Schauspieler haben es vermisst - Broadway kommt langsam zurück, und ich freue mich sehr!"

    Wieder Zuschauer am Broadway

    Shows wie "The Lion King" oder "Chicago" sind voll besetzt - mit Inlandstouristen. Es gilt eine strenge 2G-Regel.
    Dasselbe auch in den Museen. Ohne Impfung oder kürzliche Genesung kein Zutritt, auch mit PCR-Test nicht. Einige Häuser akzeptieren ausschließlich Geimpfte, also 1G, und achten dabei auf die in den USA zugelassenen Impfstoffe.
    Deutsche, die nur mit AstraZeneca geimpft sind, können Probleme bekommen, denn hier wird wirklich kontrolliert. Die Stadt, größter Arbeitgeber, macht es vor: Für die 380.000 Bediensteten von New York City gilt seit einigen Tagen Impfpflicht. Es gab ein paar Proteste, vor allem bei Polizisten und Feuerwehrleuten, aber die sind wieder verstummt. Inzwischen sind 92 Prozent der städtischen Angestellten geimpft.
    "Noch ist nicht der gesamte Broadway wieder da, und die nächsten sechs Monate werden es entscheiden", sagt Michael Fatica. "Aber dass die Zuschauer überhaupt wiederkommen, ist ein wichtiger Schritt. Ich hoffe, das geht so weiter!"

    Mehr Rücksicht, aber auch mehr Obdachlose

    Auch Fatica, der etwa in dem Musical "Frozen" zu erleben war, sieht seine Heimatstadt mit neuen Augen. "New York hat sich sehr verändert", sagt er. "Es geht rücksichtsvoller mit anderen Menschen um, ich hoffe, das bleibt."
    Gleichzeitig beobachte er aber auch eine zunehmende soziale Ungleichheit: "Ich sehe mehr Menschen, die um ihre Existenz kämpfen müssen als vorher. Viele Läden, gerade die kleineren und traditionellen, haben zugemacht."
    Andere Menschen kämpfen um einen Ort zum Leben, sagt Fatica: "Sehen Sie sich um, es gibt zum Beispiel mehr Obdachlose. Aber ich schaue auch immer nach vorn. Vieles geht verloren, aber es wird auch vieles neu gewonnen. Von unten wächst das Neue."
    Der New Yorker Arzt Gordon Huie steht in einer schwarzen Uniform vor einer US-amerikanischen Flagge, neben ihm in einer Vitrine sind Gegenstände zu sehen, die an die Anschläge vom 11. September 2001 erinnern.
    Der Arzt Gordon Huie verlor seine Frau bei den Anschlägen vom 11. September 2001. Während der Pandemie meldete er sich als freiwilliger Helfer.© Deutschlandradio / Vladimir Balzer
    Für die gesamte Kulturszene heißt es jetzt wieder, Präsenz zu zeigen, und möglicherweise neue, frei gewordene Orte zu nutzen. Auch der Direktor des New Yorker Goethe-Instituts, Jörg Schumacher, sucht diese Orte. "Interessant wird der Umgang mit den neuen Räumen", sagt Schumacher, "was ist mit den Büros, die nicht mehr genutzt werden? Viele Einrichtungen bleiben geschlossen - klug nutzen! Fragen, die auch uns als Goethe-Instituts beschäftigen."

    Überlebenswille in der Pandemie

    Wenn der Winter kommt, werden diese Räume gebraucht, bis dahin gilt auch für ihn persönlich: Das Leben ist draußen. Für Schumacher hat sich gezeigt, "dass sich die New Yorker nicht unterkriegen lassen, und dass man viel mehr auf der Straße machen kann, inklusive Cocktails trinken!"
    Alkoholkonsum auf der Straße ist ein neues Phänomen, ebenso wie das inzwischen legalisierte Cannabis. Der Alltag ändert sich, die Straße ändert sich, das Bewusstsein für eine scheinbar unzerbrechliche Stadt bleibt.
    Gordon Huie ist Arzt. Er war damals am 11. September 2001 unter dem giftigen Staub begraben und kämpft als Folge davon mit metastasierendem Lungenkrebs. Seine Schwester arbeitete oberhalb der Einschlagstelle in einem der Türme. Er erinnert an sie, führt heute durch ein Museum, das den Opfern und Überlebenden gewidmet ist. Als die Pandemie kam, meldete er sich - trotz seiner gefährlichen Vorerkrankung - als Nothelfer.
    "Im Frühjahr 2020 war New York eine Geisterstadt", sagt Huie, "Covid verbreitete sich, die Krankenhäuser bauten Zelte auf, es wurde dringend medizinisches Personal gebraucht. Also entschied ich mich herzukommen, so wie damals am 11. September. Es starben doch so viele Menschen zu Beginn der Pandemie, ich wollte helfen. Und das war noch lange vor einer möglichen Impfung. Meine Freunde sagten mir: Tu es nicht. Du bist schwer krank seit dem 11. September. Wenn du jetzt Covid bekommst, dann kommst du nicht mehr zurück. Aber – ich hab's geschafft. Ich bin zurückgekommen."
    Vielleicht steht jemand wie Gordon Huie für den Überlebenswillen dieser Stadt. New York hat sich verändert, es ist gezeichnet, aber es ist wieder da.
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