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Lesart | Beitrag vom 02.11.2020

US-Gesellschaft in der Literatur Von Gräben und gefährlicher Rhetorik

Dorothea Westphal im Gespräch mit Joachim Scholl

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Bild einer US-amerikanischen Nationalflagge in Fetzen. (Unsplash / Ralph "Ravi" Kayden)
Die aktuelle Situation in den USA wird oft als gespalten oder zerrissen charakterisiert. Das spiegelt sich auch in aktuellen Romanen. (Symbolfoto) (Unsplash / Ralph "Ravi" Kayden)

Vor der Präsidentschaftswahl bietet der Blick in die Literatur Aufschluss über die Befindlichkeiten der US-amerikanischen Gesellschaft: Aktuelle Romane greifen die Zerrissenheit des Landes auf. Ältere Werke verdeutlichen dessen Entwicklungen.

Donald Trump oder Joe Biden? Die Präsidentschaftswahl in den USA wird oft als Schicksalswahl bezeichnet, in der entschieden wird, wohin das Land in Zukunft steuert. Die aktuelle gesellschaftliche Situation des Landes und die Umstände, die dazu geführt haben, sind auch in amerikanischen Romanen Thema – als Beschreibung, als Vorahnung und als Reflexion. Diese Situation wird meist mit Attributen wie gespalten, zerrissen oder polarisiert beschrieben.

Diese Analyse findet sich auch in der Belletristik des Landes. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Erzählung "Sh*tshow" des Pulitzerpreisträgers Richard Russo, sagt Dorothea Westphal, Spezialistin für nordamerikanische Literatur aus unserer Literatur-Redaktion. Es zeige, wie sich die tiefe Spaltung, die Trump befördert hat, im Privaten niederschlägt. In der Erzählung geht es um ein Professorenehepaar in Arizona, das immer wieder menschliche Fäkalien in seinem Swimmingpool findet, noch dazu in der Farbe Orange.

Von versierter Rhetorik zur Lüge

Die Frau vermutet hinter diesem vermeintlichen Anschlag auf ihr komfortables Leben ein politisches Statement. "Weil sie nämlich vor der Wahl ein Hillary Clinton Plakat in ihrem Garten hatten", so Westphal. Das Ganze entpuppt sich zwar als ein Missverständnis. Doch: "Auch in ihrem Freundeskreis zeigen sich Risse – und damit die gesellschaftlichen Gräben, die sich unter Trump vertieft haben." Diese Verunsicherung führt schließlich zur Zerrüttung der Ehe.

Das Bild zeigt die amerikanische Flagge, Dossier zur US-Wahl 2020 (picture alliance / Wolfram Steinberg)

Auch Ben Lerner, einer der bedeutendsten Autoren der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur, hat ein Buch geschrieben, das sich mit dem aktuellen Zustand der amerikanischen Gesellschaft befasst. Lerner habe bereits in seinem bisherigen Werk die Krise des weißen Amerika, der weißen Elite, beschrieben, sagt Westphal. In seinem neuen Roman "Die Topeka Schule" zeige er, dass der große Wert, der immer auf eine versierte Rhetorik gelegt wurde, dazu geführt habe, dass die politische Rhetorik zu einer sinnentleerten Sprache wurde, bis hin zu Lügen von Politikern.

Angst vor Polizei über Generationen tradiert

Das Thema Rassismus, das sich in den vergangenen vier Jahren während Donald Trumps Präsidentschaft weiter zugespitzt hat, war bereits zuvor in der Literatur sehr präsent. Trump habe den Rassismus in seiner Amtszeit befeuert, so Dorothea Westphal. Als Antwort auf die Polizeigewalt vor allem gegen schwarze Menschen erfuhr die "Black Lives Matter"-Bewegung weltweit großen Zulauf.

Vor diesem Hintergrund sei beispielsweise Ta-Nehisi Coates' Roman "Zwischen mir und der Welt" sehr interessant. Er stellt die Frage, was es heißt, heute als Afroamerikanerin oder Afroamerikaner in den USA zu leben. Und er zeige sehr eindrücklich, dass die Angst vor Polizei und Gewalt ein Gefühl sei, das unter Afroamerikanerinnen und -amerikanern über Generationen tradiert wurde, sagt Westphal. Seine Begründung: Das gehe zurück auf die Zeit der Sklaverei.

Visionärer Roman von Philip Roth

Doch auch Bücher, die teilweise weit vor Trumps Präsidentschaft geschrieben wurden, wirken angesichts aktueller Ereignisse visionär. So etwa der 2004 in den USA erschienene Roman "Verschwörung gegen Amerika" des großen, 2018 verstorbenen US-Romanciers Philip Roth. Nach Trumps Wahl 2016 sei sie verblüfft gewesen, so Westphal, "wie aktuell dieses Buch in dieser Situation war". Denn der Roman beschreibe, "wie schnell es gehen kann, dass eine Situation eintritt, die man sich niemals hätte vorstellen können".

Er erzählt, wie die Republikaner im Zweiten Weltkrieg den berühmten Flieger Charles Lindbergh als Präsidentschaftskandidaten nominieren. Lindbergh hatte mit den Nazis sympathisiert. Er wird tatsächlich Präsident und die antisemitische Stimmung im Land verstärkt sich, jüdische Familien werden ins Hinterland umgesiedelt. "Dieser Roman zeigt, wie schnell eine Situation kippen kann und ein Land verändern kann."

(abr)


Die Bücher im Einzelnen: 

  • Philip Roth: "Verschwörung gegen Amerika", Hanser
  • Eliot Weinberger: "Neulich in Amerika", Berenberg
  • Richard Russo: "Sh*tshow", Dumont
  • Elizabeth Strout: "Die langen Abende", Luchterhand
  • Ben Lerner: "Die Topeka Schule", Suhrkamp
  • Ayad Akhtar: "Homeland Elegien", Ullstein
  • Ta-Nehisi Coates: "Zwischen mir und der Welt", Hanser Berlin
  • Matt Burgess: "Cops", Suhrkamp Nova
  • Tayari Jones: "In guten wie in schlechten Tagen", Arche
  • Denis Johnson: "Ein gerader Rauch", Rowohlt
  • Jacqueline Woodson: "Ein anderes Brooklyn", Piper
  • Paul Auster: "4321", Rowohlt
  • J.D. Vance: "Hillbilly Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise", Ullstein 
  • Nell Zink: "Das Hohe Lied", Rowohlt
  • Don DeLillo: "Schweigen", Kiwi 

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