Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton
Donnerstag, 17.06.2021
 
Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton

Studio 9 | Beitrag vom 26.02.2020

Urteil zur SterbehilfeDas Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen wird gestärkt

Jochen Vollmann im Gespräch mit Axel Rahmlow

Zwei Hände liegen auf einer Tischkante tröstend aufeinander. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Politik muss nun die Gesetze anpassen: Menschen, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollen, müssen über ihre Rechte aufgeklärt werden. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe verstößt gegen das Grundgesetz, urteilte das Verfassungsgericht in Karlsruhe. Das heißt, es gibt ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Medizinethiker Jochen Vollmann von der Uni Bochum begrüßt das Urteil.

"Ich bin sowohl als Bürger als auch als Professor für Medizinethik über dieses Urteil sehr glücklich", sagt Jochen Vollmann, Leiter des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin an der Ruhr-Universität Bochum, über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Dieses bedeutet für die Politik: Der Strafrechtsparagraf 217 muss geändert werden.

Eindeutige Worte vom Gericht

2015 wollte eine Mehrheit der Abgeordneten im Bundestag der Arbeit von Sterbehilfevereinen damit entgegentreten. Seitdem war die geschäftsmäßige Beihilfe verboten. Geschäftsmäßig bedeutet hier nicht, dass damit Geld verdient wird, sondern dass sie wiederholt angeboten wird.

Das Gericht habe klare Worte gefunden: "Es geht hier nicht um ein oberflächliches Shopping von irgendwelchen Konsumangeboten, sondern es geht um die einzelne Selbstbestimmung des Bürgers. Die ist ernst zu nehmen; die ist aber auch zu fördern, zum Beispiel durch eine Information und Aufklärung, die ohne Zeitdruck stattfindet", so Vollmann.

Kritiker warnen vor Missbrauch

Kritiker der Sterbehilfe warnen, dass damit die Selbsttötung zur selbstverständlichen Therapieoption werden könnte. Die Entscheidung des Gerichts erhöhe den Druck auf einsame, alte und schwache Menschen, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, um nicht zur Last zu fallen.

Dieser Kritik widerspricht Vollmann: Es gebe "in all den Ländern, wo wir Daten und Erfahrungen haben" keinen Hinweis auf Missbrauch, so der Professor für Medizinethik.

"Das heißt, wenn man vor Entwicklungen warnt, dann muss man auch Substanz und Grundlage haben und nicht eine allgemeine Warnung aussprechen, nur weil es gegen die eigene moralische Überzeugung geht, die man anderen aufzwingen möchte." Die Stimmen gegen ärztlich attestierte Sterbehilfe wollten aus "politisch und ideologischen" Gründen nicht, dass der Patient eine emanzipierte, selbstbestimmte Entscheidung treffe.

Situation von Patienten verbessern

Um die derzeitige Situation von betroffenen Patienten und Patientinnen zu verbessern, müsse nun unter anderem das Betäubungsmittelgesetz so geändert werden, dass Ärzte und Ärztinnen auch eine todbringende Substanz verschreiben dürften, rät Vollmann. Auch Reglungen in ärztlichen Berufsordnungen, die ärztlich attestierte Selbsttötung den Ärzten verböten, müssten angepassten werden.

(nho)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

Xavier NaidooMuss man ihn singen lassen?
Nahaufnahme von Xavier Naidoo bei einem Auftritt. Er trägt Sonnenbrille, Schiebermütze und hält ein Mikro in der Hand (picture alliance / Kadir Caliskan | Kadir Caliskan)

In der Rostocker Bürgerschaft ist der Antrag gescheitert, ein Konzert von Xavier Naidoo nicht zuzulassen. Der Rechtsanwalt Björn Elberling erklärt, inwieweit eine Stadt Konzerte verbieten kann und ob jeder eine Bühne bekommen muss.Mehr

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

Jan Haft: "Heimat Natur"Die Geheimnisse des Engelsrotz
Cover des Buches "Heimat Natur: Eine Entdeckungsreise durch unsere schönsten Lebensräume von den Alpen bis zur See" von Jan Haft. (Deutschlandradio / Penguin Verlag)

Jan Haft gehört zu Deutschlands besten Naturdokumentaristen. Mehrfach hat der Biologe bereits die Natur in faszinierenden Nahaufnahmen auf die Leinwand gebracht. Sein Buch „Heimat Natur“ zum gleichnamigen Film ist ein Plädoyer für den genauen Blick.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur