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Buchkritik | Beitrag vom 12.12.2018

Uphoff/Velsen: "Schaubilder und Schulkarten"Schule, wie sie früher einmal war

Von Eva Hepper

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Das Cover des Buches von Ina Katharina Uphoff und Nicola von Velsen "Schaubilder und Schulkarten", im Hintergund eine Schülerin 2011 bei der Arbeit im Klassenraum in der Grundschule Burmesterstraße in München. (Cover: Prestel-Verlag / Hintergrund: Peter Kneffel / dpa)
"Schaubilder und Schulkarten": Speicher des kulturellen Gedächtnisses. (Cover: Prestel-Verlag / Hintergrund: Peter Kneffel / dpa)

Europas größtes Schulwandbild-Archiv umfasst rund 20.000 Tafeln. Für ihren Bildband "Schaubilder und Schulkarten" haben Ina Katharina Uphoff und Nicola von Velsen 180 davon ausgewählt - eine Reise in die Pädagogik der zurückliegenden Jahrzehnte.

Eigentlich sind sie nie zur gleichen Zeit am Himmel, doch auf dem Bild von 1914 sind Haufen-, Schäfchen-, Feder- und Gewitterwolke gemeinsam zu sehen. Mit feinem Strich gemalt, ziehen die zarten Gebilde auf einem weiten, tiefen Blau über einer lieblichen Landschaft dahin. Bis auf die unwirkliche Parallelität der Wolkenformationen ist das Bild realistisch gehalten und wunderschön anzusehen.

Ganz anders wirkt dagegen eine zweite, der Landschaft zur Seite gestellte Abbildung. Sie stammt von 1962 und versammelt sechs Fotografien, die jeweils eine einzelne Wolkenformation zeigen. Sie ist präzise und korrekt, doch fehlt ihr der Zauber der gemalten Wolken.

Von Anatomielehre bis Zoologie

Beide Tableaus stammen aus der Sammlung der Forschungsstelle historische Bildmedien der Julius-Maximilians-Universität Würzburg; mit 20.000 Objekten Europas größtes Schulwandbild-Archiv. Aus diesem gigantischen Konvolut haben Ina Katharina Uphoff und Nicola von Velsen geschöpft und einen so originellen wie aufschlussreichen Bildband zusammengestellt. Darin präsentieren die Leiterin der Forschungsstelle und die Journalistin etwa 180 Abbildungen - von Anatomielehre bis Zoologie - und lassen damit sowohl Bild- als auch Schul- und Zeitgeschichte in prächtigen Tafeln Revue passieren.

Gegliedert nach Themen wie Zahlen und Maße, Geschichte und Gesellschaft oder Mensch, Pflanzen und Tiere präsentieren die Herausgeberinnen vor allem Bilder aus den Jahren von 1950 bis 1970, sowie einige wenige aus dem späten 19. und frühen 20sten Jahrhundert.

Visuell ein Hochgenuss

Es ist faszinierend zu sehen, wie die Schautafeln als Speicher des kulturellen Gedächtnisses funktionieren und sich pädagogische, ästhetische, moralische und politische Einstellungen über die Zeit wandeln. So prägten die farbigen Wandbilder der Kinderbuchautorin Gertrud Caspari (1873-1948) den Rechenunterricht der Kleinsten in den 1920er Jahren. Sie sollten direkt an die Lebenswelt der Kinder anknüpfen und zeigen beispielsweise eine Katzenmutter mit ihren Jungen oder eine Vogelfamilie im Nest. Putziger ließen sich Subtraktion und Addition wohl zu keiner Zeit lernen als durch die wechselnden Konstellationen von Tierkindern.

Wie anders dagegen die schwarz-weißen Punktebilder Johannes Kühnels (1869-1928) ausfallen, die noch in den 1950er Jahren zum Einsatz kamen! Drei dieser streng grafischen Karten sind hier zu sehen.

Tatsächlich macht es große Freude durch diesen Band zu blättern. Es gibt nicht nur farbenprächtige Bilder etwa aus Flora und Fauna zu bestaunen, sondern auch historisch aufschlussreiche Tafeln, die beispielsweise die Gehirnfunktionen erklären (um 1920), die Lebensalter des Menschen (1954) illustrieren oder die "moderne" Welt der Fließbandarbeit (1953) zeigen.

Visuell ist der Band ein Hochgenuss, allein die Einordnung des Gezeigten hätte umfänglicher ausfallen können. Zwar skizziert Ina Katharina Uphoff die Geschichte des Schulwandbildes und seine Bedeutung als Zeitzeugnis, die einzelnen Tafeln bleiben aber meist unkommentiert. Ein kleiner Fleck auf der weißen Weste.

Ina Katharina Uphoff und Nicola von Velsen: Schaubilder und Schulkarten
Prestel Verlag, München 2018
240 Seiten, 40 Euro

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