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Religionen | Beitrag vom 12.01.2020

Universität Leipzig Mit Religionskritik den Dingen auf den Grund gehen

Von Christian Röther

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Eine zerbrochene Marien Statue. (imago/fStop Images/Brent Larson)
Angesichts sinkender Mitgliederzahlen reagieren einige Kirchenleute empfindlich darauf, dass es an der Uni Leipzig eine Professur für Religionskritik gibt. (imago/fStop Images/Brent Larson)

Seit zwei Jahren gibt es in Leipzig eine Professur für Religionskritik – in Deutschland einzigartig. Lehrstuhlinhaber Horst Junginger will Religionen aber nicht abschaffen. Ihm geht es darum, Kriterien für eine angemessene Kritik zu erstellen.

Es klingt nach Leipzig, aber eher nicht nach Religionskritik: Morgens im Büro von Horst Junginger. Der Professor hat Kaffee gekocht und Johann Sebastian Bach aufgelegt – den heiligen Komponisten des Protestantismus. Aber hat Junginger heute auch schon Religion kritisiert?

Religion hinterfragen, nicht bekämpfen

Junginger lacht. Die Vorstellung, "dass ich morgens schon aufstehe mit dem Ziel, Religion zu kritisieren", amüsiert ihn. Junginger ist an der Universität Leipzig zwar Professor für Religionswissenschaft und Religionskritik, doch er gehört nicht zu denen, die ihr Leben dem Kampf gegen die Religion verschrieben haben – obwohl er auch Kampfsport betreibt.

"Das ist definitiv nicht die Aufgabe und nicht mein Verständnis von Religionskritik", sagt Junginger. "Man könnte eher sagen: wissenschaftliche Kritik in dem Sinne, Dingen auf den Grund zu gehen, zu sehen: Warum sind Religionen da? Welche Funktion haben sie? Welche Bedeutung kommt ihnen zu? Wie verhält sich das Beziehungsgeflecht mit der Politik, mit der Ökonomie und mit anderen gesellschaftlichen Faktoren?"

Manchen ist der Professor nicht kritisch genug

Für den Wissenschaftler bedeutet Religionskritik also nicht, die Religion abschaffen zu wollen. Er findet das legitim, es ist aber eben nicht sein eigener Ansatz. Deshalb bekam Junginger aus säkularen, humanistischen und atheistischen Kreisen auch einige Kritik zu hören, nachdem er Anfang 2018 seine Professur angetreten hatte. Manchen ist er offenbar nicht religionskritisch genug, sagt er:

"Für mich war das erst mal interessant zu sehen, von säkularer Seite kritisiert zu werden. Damit hatte ich eigentlich nicht gerechnet. Ich hatte schon damit gerechnet, dass es von frommer, religiöser Seite Kritik geben würde."

Der Religionswissenschaftler Horst Junginger. (Thomas Doll / magenta33.de)Kritik klar benennen, aber fair bleiben: der Religionswissenschaftler Horst Junginger. (Thomas Doll / magenta33.de)

Die ließ dann ebenfalls nicht lange auf sich warten: Der Leipziger Theologieprofessor und Universitätsprediger Peter Zimmerling bezeichnete die Professur für Religionskritik als "Taktlosigkeit". Leipzig brauche "eher eine Stärkung der Religion", sagte Zimmerling der evangelikalen Nachrichtenagentur idea - mit Blick auf die schrumpfenden Mitgliederzahlen der Kirchen.

Junginger kann mit dieser Art der Kritik an seiner Religionskritik nicht viel anfangen: "Das ist eine oberflächliche Meinung über die Religionskritik, die den Entkirchlichungstrend im Osten nicht aufhalten wird."

Seminar über Gotteslästerung 

Stattdessen organisiert Junginger in Leipzig aktuell eine Ringvorlesung über "Religionskritik in Geschichte und Gegenwart". Die ziehe nicht nur Studierende an, sondern auch interessierte Leipziger Bürgerinnen und Bürger. Der Professor gibt zudem ein Seminar über das Thema Gotteslästerung, also Blasphemie: "Es ging nicht darum, sich blasphemisch zu äußern, sondern darüber nachzudenken, was Blasphemie eigentlich ist. Zweitens festzustellen, dass sich die Blasphemievorstellungen geändert haben."

Wer sich vor ein paar Jahrhunderten in Leipzig auf den Marktplatz stellte und rief: "Gott gibt es nicht", der riskierte damit seinen Kopf. Heute ernte man damit allenfalls Kopfschütteln, sagt Junginger: "Die Blasphemie funktioniert nur, wenn der überwiegende Teil einer Bevölkerung noch an Gott glaubt. Für Leute, die nicht an Gott glauben, ist die Kategorie Blasphemie hinfällig."

Wissenschaft setzt Maßstäbe für freie Rede

Mit Kritik am Christentum kann man heute wohl keine Skandale mehr provozieren. Anders steht es um einen weiteren Teilbereich der Religionskritik: die Islamkritik. Die polarisiert – und steht bei Horst Junginger ebenfalls auf dem Lehrplan. Er bietet ein Seminar zu "Legitimer und illegitimer Islamkritik" an. Dafür habe er sogar einen größeren Raum suchen müssen, weil das studentische Interesse so groß sei. 

"Alle Religionen können kritisiert werden bei uns", sagt Junginger. "Es ist ein Mythos zu sagen, es würde in Deutschland bestimmte Dinge geben, die so tabuisiert sind, dass man darüber nicht reden darf. Und da hat die Religionswissenschaft auch die Aufgabe, Kriterien und Parameter zur Verfügung zu stellen, wie eine ‚richtige‘ Kritik aussieht, und wo die illegitime Religionskritik – oder in diesem Fall die illegitime Islamkritik - beginnt."

Wo beginnt Islamfeindlichkeit? 

Es geht dem Religionswissenschaftler also um die viel diskutierte Frage: Was ist sinnvolle und angemessene Islamkritik – und wo beginnt Islamfeindlichkeit? "Die Verallgemeinerung von Aussagen stellt das große Problem dar", sagt der Wissenschaftler dazu. "Es ist nicht zulässig, von einzelnen herausgegriffenen Phänomenen einer Religion auf die ganze Religion zu schließen. Das würden wir uns bei keiner Religion erlauben und sollten wir uns auch beim Islam nicht erlauben, dass wir einzelne negative Phänomene, die es in jeder Religion gibt, herausgreifen und generalisierend für die Religion insgesamt darstellen." Dieses Kritik-Rezept lässt sich also gewissermaßen auf jede Religion anwenden, nicht nur auf den Islam.

Studierende schätzen die kritische Distanz

Jungingers Professur ist nach wie vor im deutschsprachigen Raum einzigartig. Gestiftet wurde sie von dem österreichischen Kirchenkritiker Adolf Holl. Nach längerer vergeblicher Suche nach einem Standort konnte er die Professur schließlich in Leipzig verankern.

Bei den Studierenden scheint das gut anzukommen: "Ich finde es nur folgerichtig, dass diese Professur hier eingerichtet wird", sagt Sarah Besic, die im Masterstudiengang Religionswissenschaft studiert. "Leipzig hat so eine eher freigeistige Kultur im Bereich der Religionswissenschaft. Und dann ist natürlich Kritik sowieso immer ein Bestandteil von Wissenschaft an sich, und dann eben auch von der Religionswissenschaft."

Ihre Mitstudentin Franziska Sandkühler will es mit der Religionskritik nicht übertreiben: "Ich würde nicht sagen, dass ich als Religionskritikerin auftrete. Ich würde mir dieses Label nicht geben. Aber natürlich erhält man auch durch das religionswissenschaftliche Studium trotzdem einen sehr kritischen Blick."

Junginger bildet also nicht in erster Linie Religionskritikerinnen aus oder gar Religionsfeinde, sondern junge kritische Wissenschaftler mit offenen Augen und Ohren für die vielen Spielarten der Religion.

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