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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.12.2019

Uni Gießen seit zwei Wochen offlineDigitaler Supergau

Joachim Jacob im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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"Die Website ist nicht erreichbar" wird angezeigt, wenn man versucht, die Justus-Liebig-Universität in Gießen zu erreichen (picture alliance/Roland Holschneider/dpa)
Die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität ermittelt wegen des Cyberangriffs auf die Uni Gießen. (picture alliance/Roland Holschneider/dpa)

Keine E-Mails, keine Ausleihen aus der Bibliothek, keine Zeugnisse: Seit zwei Wochen herrscht an der Uni Gießen der digitale Notfall. Literaturprofessor Joachim Jacob wundert sich, dass keiner weiß, wie mit solchen Situationen umgegangen werden soll.

Ein Cyberangriff hat am zweiten Advent das IT-System der Justus-Liebig-Universität in Gießen lahmgelegt. Seitdem sind 5500 Mitarbeiter und 28.000 Studierende der zweitgrößten Universität Hessens offline.

Das Prüfungsamt stellt keine Zeugnisse aus, Studierende kommen nicht an ihre Hochschul-Accounts und können keine Bücher ausleihen. Der Grund dafür sei ein "sehr komplex angelegter Angriff von außen" sagt Unipräsident Joybrato Mukherjee im "Tagesspiegel". Ein Erpresserschreiben habe es nicht gegeben. Die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Joachim Jacob unterrichtet Neuere deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft in Gießen und beurteilt die letzten zwei Wochen nicht nur negativ: "Als Forscher war das durchaus auch eine entspannte Zeit. Man hat keine Mails bekommen und konnte sich wieder einmal seinem Kerngeschäft widmen." Er könne sich vorstellen, dass diese Erfahrung haften bleibt: "Dass es Situationen gibt, wo es sinnvoll ist, sich zu besuchen, anstatt sich im Büro nebenan vier Mails zu schreiben."

Auf der anderen Seite sei die Zeit auch sehr "irritierend" gewesen, so Jacob. Vor allen Dingen für die Studierenden: "Da stehen Klausurthemen an, da stehen Prüfungen an, das alles will vorbereitet sein." Gerade die "Digital Natives" seien verunsichert gewesen, berichtet der 54-Jährige, da sie ein Studium "ohne die großartigen Möglichkeiten des Internets" nie kennengelernt haben. Und er ergänzt: "Ich finde, dass im Moment noch viel zu wenig darüber reflektiert wird, was es bedeutet, wenn eine Institution dieser Größe und dieser Bedeutung auf einmal vollständig offline ist."

(beb)

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