Unhaltbare soziale Zustände

Iwan Bunin führte die Tradition der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts fort. © picture alliance / dpa
24.08.2011
Die neu aufgelegte Werkausgabe enthält zwei frühe Erzählungen des späteren Literaturnobelpreisträgers Iwan Bunin von 1910 und 1912. Er thematisiert darin die sozialen Unruhen im Russland des 19. Jahrhunderts, die Ängste der Gutsbesitzer vor der Enteignung und der Wut der Kleinbauern.
Das große Aufsehen, das der 1870 geborene Iwan Bunin 1910 und 1912 mit den langen Erzählungen "Das Dorf" und "Suchodol" auslöste, ist heute nicht mehr recht zu verstehen. Die sozialen Unruhen in dem erst 1861 von der Leibeigenschaft befreiten Bauernstand, die Hoffnungen auf eine Landreform, die die Bauern vor dem nicht seltenen Verhungern schützt, und die Ängste der Gutsbesitzer vor der Enteignung und der Wut der Kleinbauern: Bunin schildert den Zeitgenossen eine hochgradig verunsicherte Gegenwart. Beim heutigen Leser des neuesten Bandes der schönen Bunin-Werkausgabe, von Dorothea Trottenberg wieder in ein oft leuchtendes Deutsch übersetzt, überwiegt dagegen der Eindruck melancholischer Passivität.

Interessant sind die langen Erzählungen aus formalen Gründen: Der spätere Literaturnobelpreisträger verzichtet in ihnen auf Handlung und Spannung, Dynamik und Psychologie. Stattdessen montiert er - oft ruppig - Szenen aneinander, die sich zu kleinen Erzählungen weiten können. Verbunden sind sie eher durch Stimmungen als durch inhaltliche Bezüge, eher durch Naturwahrnehmungen als durch Menschenbeschreibungen.

"Das Dorf" erzählt von den zerstrittenen Brüdern Tichon und Kusma Krassow. Der Krämer Tichon gelangt zu Wohlstand, indem er verarmte Güter aufkauft. Er bleibt jedoch kinderlos und wird von der Wut der fast verhungernden Bauern so verängstigt, dass er sich dem Bruder wieder annähert und ihn als Verwalter eines Gutes einsetzt. Das rettet den glücklosen Kusma vor dem Selbstmord aus Verzweiflung. Nach einigen Jahren beschließt Tichon, das Gut zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen. Um zu verheimlichen, dass er eine schöne Magd des Gutes lange missbraucht hat, setzt er gegen den Widerstand von Kusma ihre Verheiratung mit einem gewalttätigen Knecht durch.

Trotz dieses sich am Ende einstellenden Handlungskernes will "Das Dorf" nicht das Verhältnis von Gutsherr und Gesinde bloßstellen oder kritisieren. Bunin zeigt unhaltbare soziale Zustände, aber wichtig ist ihm, was sie bei Tichon und Kusma bewirken: Melancholie und Brutalität sowie ästhetisches und christliches Schwärmertum.

Etwas traditioneller fällt "Suchodol" (1912) aus, worin Bunin als Sohn eines verarmten Adligen, der unter Bauern aufwuchs, auf eigene Erfahrungen zurückgriff. Gemeinsam erzählen Bruder und Schwester vom Leben der Magd Natalja auf Suchodol, dem Gut der Chruschtschows. In Nataljas Leben spiegelt sich der Untergang des eigenen Adelsgeschlechts. Anfangs ist Suchodol für die Geschwister ein heiterer Sehnsuchtsort, während der Bauernbefreiung und des Krimkrieges wird es zum Ort enttäuschter Liebe, des Mordes und des Wahnsinns.

Am Ende ist das Gut zerstört, und in den Nebengebäuden vegetieren in abergläubischer Furcht oder im Wahnsinn die Magd Natalja und zwei Verwandte der Familie dahin. Überraschenderweise ist der Untergang des Hauses Chruschtschow eingebettet in intensive Beschreibungen der Natur, ihrer Jahreszeiten, Farben und Gerüche. Bunin weicht dem Sozialen nicht aus, hält aber die Schönheit der Natur für ebenso wichtig. Kein Wunder, dass dieser sensualistische Erzähler bald ins Exil gehen wird.

Besprochen von Jörg Plath

Iwan Bunin: Das Dorf. Suchodol
Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg
Dörlemann Verlag, Zürich 2011
384 Seiten, 23,90 Euro

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