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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.01.2009

Unerklärliche Schaulust

Anton Holzer: Das Lächeln der Henker, Primus Verlag, Darmstadt 2008

Rezensiert von Karin Hartewig

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Französische Soldaten in einem Schützengraben - nicht nur dort zeigte der Krieg seine grausame Seite. (AP Archiv)
Französische Soldaten in einem Schützengraben - nicht nur dort zeigte der Krieg seine grausame Seite. (AP Archiv)

Nicht nur in den Schützengräben zeigt sich die Grausamkeit des Ersten Weltkrieges. Anton Holzer hat sich in "Das Lächeln der Henker" mit dem Terror an der Zivilbevölkerung, an angeblichen Spionen und Verrätern, beschäftigt. Besonders verstörend: die schaulustige, feixende Menge, die sich bei Hinrichtungen keineswegs scheu vor die Linsen der Fotografen drängte.

Bis heute ist die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg geprägt von den bekannten Fotos der Westfront: Man sieht den Stellungskrieg im Schützengraben - die Materialschlacht und den Gaskrieg - den verwüsteten Raum, ein Niemandsland, das einer Mondlandschaft gleicht. Der Krieg im Bild ist hart, zerstörerisch und gewaltig, aber letztlich doch eine Auseinandersetzung zwischen regulären Kombattanten.

Dagegen wissen wir über die Ostfront nur wenig.

"Das ist mein erster italienischer Gefangener. Mit meinem eigenen Säbel habe ich’s getan. Meinen ersten russischen Gefangenen habe ich vorher martern lassen. Am liebsten gehe ich auf Tschechen. Ich bin ein gebürtiger Grazer. Wer mir in Serbien begegnet ist, den habe ich auf der Stelle niedergeknallt. Zwanzig Menschen, darunter Zivilisten und Gefangene, habe ich mit eigener Hand getötet, mindestens hundertfünfzig habe ich erschießen lassen. (...) Ich habe stets meine Pflicht erfüllt."

So brüstet sich der Hauptmann Prasch seiner Taten in Karl Kraus’ Doku-Drama "Die letzten Tage der Menschheit". Wohlgemerkt, es geht darin nicht etwa um den Zweiten, sondern um den Ersten Weltkrieg.

Der Wiener Fotohistoriker Anton Holzer hat in aufwendiger Recherche die Gegenbilder zum Krieg im Westen aufgespürt. Sie zeigen die vergessene Seite des Großen Krieges: die Exzesse, die im Osten Europas an Zivilisten, Soldaten und feindlichen Überläufern verübt wurden.

In Tschechien, Galizien und der Bukowina, in der Ukraine, in Slowenien und Bosnien-Herzegowina und in Tirol wurde Holzer fündig. Denn in den ehemaligen Kronländern sammelte man nach 1918 eifrig Fotografien als Beweise für die brutale Kriegführung der k.u.k. Truppen.

Zum Vorschein kommt ein asymmetrischer Krieg gegen alle, die im Verdacht des Separatismus standen. Die Gewalt richtete sich gegen jene Ethnien im Vielvölkerstaat, die keine Deutschen oder Ungarn waren: gegen Tschechen, Ruthenen, Polen, Juden, Italiener und Slowenen. Ihren Patriotismus bezweifelte man.

Allzu schnell war der Verdacht des Verrats und der Spionage bei der Hand. Gerüchte machten die Runde. Denunzianten hatten Hochkonjunktur. Den Rest besorgten Soldaten, Feldgendarmen und militärische Schnellgerichte. An der Peripherie der Monarchie litt eine ganze Armee unter Verfolgungswahn.

Verhaftungen und Vertreibungen gerieten zum handgreiflichen Spießrutenlaufen mit Volksfestcharakter. Denn das Militär wurde tatkräftig durch rivalisierende Bevölkerungsgruppen unterstützt. Und sie endeten manchmal in einem Massaker an den Wehrlosen. Der Krieg ließ alten Feindseligkeiten freien Lauf.

Mit großer Unbefangenheit wurden Hinrichtungen von Untertanen der Krone als mutmaßliche Spione öffentlich inszeniert und fotografiert. Sie dienten der Abschreckung. Doch sie waren darüber hinaus gemeinschaftstiftende Rituale. Die Aufnahmen kursierten sogar als Bildpostkarten.

Stets sind Schaulustige auf den Fotos zu sehen. Ohne Scheu und Scham wohnen sie mit grausamer Freude dem Vollzug der Bestrafung bei. Mit Blicken und Gesten verhöhnen sie die Toten. Oft berühren Soldaten den Gehenkten. Sie präsentieren ihn gleichsam der Kamera und dem Betrachter.

Den eigentlichen Krieg führte die k.u.k. Armee gegen Serbien, Russland und Italien. Besonders grausam wüteten die Truppen unter serbischen Zivilisten. Wer im Hinterland der Front aufgegriffen wurden und weder deutsch noch ungarisch sprach, wurde als "unzuverlässiges Element" sofort ums Leben gebracht. Die Grenzregion wurde durch Terror entvölkert.

Man fürchtete nicht nur die serbische Armee, die erbitterten Widerstand leistete, sondern mindestens ebenso sehr die Bevölkerung. Bereits im Sommer 1914 kam es zu Geiselnahmen, Massakern, Plünderungen und Vergewaltigungen. Dazu noch einmal der Hautmann Prasch in "Die letzten Tage der Menschheit":

"In Serbien habe ich ein serbisches Mädchen vergewaltigt, aber dann den Soldaten überlassen und am nächsten Tag das Mädchen und seine Mutter auf einem Brückegitter aufhängen lassen. Die Schnur riß und das Mädchen fiel noch lebend ins Wasser. Ich zog meinen Revolver und schoß auf das Mädchen so lange, bis es tot unter dem Wasser verschwand."

Nach dem Sieg am Isonzo im Oktober 1917 machte man auch mit Kriegsgefangenen an der Südfront kurzen Prozess. Die tschechischen Legionäre, Untertanen der k.u.k. Monarchie, die in der italienischen Armee gekämpft hatten, wurden öffentlich hingerichtet.

Aufsehen erregte die Geschichte des Cesare Battisti. Er stammte aus dem Südwesten der Monarchie. Bis 1914 saß der Südtiroler als Abgeordneter im Wiener Reichsrat. Dann trat er in die italienische Armee ein. Zwei Jahre später fiel er österreichisch-ungarischen Soldaten in die Hände. Als Verräter wurde Battisti am 12. Juli 1916 in Trient unter dem Beifall johlender Österreicher gehenkt.

Anton Holzer: Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918 (Primus Verlag)Anton Holzer: Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918 (Primus Verlag)In den veröffentlichten Bildern vom Feind setzte sich der Euphemismus der Kriegspropaganda fort. Erschießungen und andere Hinrichtungen durch k.u.k. Truppen galten allein angeblichen Spionen und Partisanen. Vertreibungen und Internierungen beschönigte man als Evakuierungen. Bei so viel behaupteter Rechtmäßigkeit und Harmlosigkeit bleibt als verstörendes Detail die schaulustige, feixende Menge, die ins Bild drängt. Die veranlasst Holzer am Ende zu einem lesenswerten historischen Exkurs über die pornografische Lust an der Gewalt - in der Realität und in der Fotografie. Auch dem Gebrauch der Bilder geht der Autor nach. Die Tatsache, dass Fotos einer Hinrichtung von Zivilisten - geschehen in Galizien im Kriegswinter 1914 - in den Zwanzigerjahren mühelos affirmativ oder pazifistisch-kritisch Verwendung fanden und im Ausland als Beweise für die "deutsche Gefahr" genommen wurden, zeigt einmal mehr die grundsätzliche Offenheit des Mediums Fotografie für die unterschiedlichsten Suggestionen - je nachdem, wer sich der Bilder bemächtigte.

Anton Holzer: Das Lächeln der Henker.
Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918

Primus Verlag, Darmstadt 2008

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