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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.09.2010

Unbequeme Wahrheiten

Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich ab", DVA Verlag, München 2010

Rezensiert von Alexander Gauland

Thilo Sarrazin hat mit seinen Thesen für großen öffentlichen Wirbel gesorgt. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Thilo Sarrazin hat mit seinen Thesen für großen öffentlichen Wirbel gesorgt. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Inzwischen werden die meisten Kritiker Sarrazins das Buch gelesen haben und werden es – wenn sie ehrlich sind – mit einem enttäuschten "Ist das alles?" beiseite legen. Der Inhalt erklärt nämlich die Aufregung darüber nicht.

Es ist erstaunlich, wie wenig fundierte Einwände seine Thesen und Schlussfolgerungen am Ende hervorgerufen haben, kommt er doch zu Ergebnissen, die sich von denen seiner Kritiker kaum unterscheiden: verpflichtende frühkindliche Erziehung und Ganztagsschulen. Und nicht einmal die Aufregung um das jüdische Gen hielt, was sie versprach – Sarrazin als Rassisten zu entlarven. Denn ausgerechnet ein Jude und Israeli sprang Sarrazin mit der Feststellung bei, dass es für Juden bei der klaren, seit Jahrhunderten bestehenden Regelung der Halacha bleibt, dass sich jüdische Identität – neben dem religiösen Bekenntnis – auf Abstammung gründet.

Wenn man einmal von der eher nebensächlichen Frage absieht, ob nun Intelligenz oder Intelligenzunterschiede zum Teil vererbt werden, ist keine Zahl, geschweige denn Statistik als falsch, manipuliert oder unverstanden entlarvt worden, beschränken sich die Kritiker darauf, Ton und Sprache, Wortwahl und dahinter stehendes Menschenbild nicht zu mögen.

Von dem "Das Buch ist nicht hilfreich" der Bundeskanzlerin bis zu "Es ist Unsinn" ihres Finanzministers ersetzen Pauschalurteile den wissenschaftlichen Einwand, bestimmt das möglichst Unkonkrete den Duktus der Kritiker. So ist das Buch am Ende zum Lackmustest für die Realitätsverweigerung einer ganzen politischen Klasse, angefangen vom Bundespräsidenten über die Kanzlerin bis zum SPD-Parteivorstand geworden.

Der alte sozialdemokratische Fahrensmann Dressler hat es bei Frank Plasberg auf den Punkt gebracht: In den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts war es in der SPD unmöglich, Mehrheiten für eine Politik zu organisieren, die Migranten zum Erlernen der deutschen Sprache und der Annahme der deutschen Leitkultur verpflichtete. Was in jedem Einwanderungsland einschließlich Israels für Neuankömmlinge ein Muss ist, degenerierte in Deutschland zum verschämten Wenn-es-euch-gefällt. Es war eine Haltung, die möglichst viel "verdorbenes" Deutschland in anderen Kulturen auflösen wollte.

Es mag eine unbequeme Einsicht sein, aber man kann von Migranten nicht verlangen, was man selbst nicht für wichtig und wertvoll hält: die eigene Sprache, Kultur und Lebensart. Was in den Anfangsjahren der Republik richtig und notwendig war – die Prüfung alles Deutschen auf seine mögliche NS-Geneigtheit – ist inzwischen zum Kampfmittel in der politischen Auseinandersetzung verkommen nach dem Motto: Wenn es gelingt, den Gegner in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken, hat man gewonnen und muss sich mit seinen Argumenten nicht mehr auseinandersetzen.

Man muss nicht jeder These und jeder Schlussfolgerung Sarrazins zustimmen, um dieses Buch für einen wichtigen Diskussionsbeitrag zu einem Thema zu halten, das den Menschen auf den Nägeln brennt und für das die Politik bis heute keine Lösung gefunden hat. 65 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes reicht es nicht mehr aus, unbequeme Wahrheiten mit dem warnenden Hinweis auf unsere Vergangenheit zu unterdrücken, denn die Bürger haben ein feines Gespür dafür, ob eine solche Warnung berechtigt ist oder ob sie nur dazu dient, unbequeme Mahner mundtot zu machen.

Die causa Sarrazin könnte am Ende viel mehr als nur die Autorität von Merkel und Wulff beschädigen, sie könnte den Gesellschaftsvertrag zwischen denen, die Deutsche bleiben wollen, und denen, die das in einer globalisierten Welt für nachrangig halten, auflösen. Die einen finden, dass Integration Holschuld der Einwanderer ist, die anderen möchten, dass Deutschland und die Deutschen den Einwanderern entgegen kommen, in dem auch sie sich verändern.

Dass sich Thilo Sarrazin schnörkellos und eindeutig auf die Seite Ersterer stellt, ist für seine politischen und medialen Kritiker der eigentliche Stein des Anstoßes. Nicht sein angeblicher Biologismus, sein fast naives Festhalten an einem traditionellen Deutschlandbild hat seine berufliche Karriere vorzeitig beendet. Über die Richtigkeit seiner Beobachtungen sagt das nur wenig, über das Weltbild unserer Eliten hingegen viel.

Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen
DVA Verlag, München 2010

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