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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 21.12.2016

Unbegleitete minderjährige FlüchtlingeMehr Integration geht nicht

Von Cornelia Schäfer

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Eine Familie hat ein Pflegekind aus Afghanistan aufgenommen.  (picture-alliance / Stefan Puchner)
Eine Familie mit einem aufgenommenen Pflegekind aus Afghanistan. (picture-alliance / Stefan Puchner)

Im vergangenen Jahr kamen über 42.000 Minderjährige nach Deutschland. Sie sind ohne ihre Eltern aus Syrien, dem Irak, oder aus Afghanistan geflohen. Die Unterbringung in Pflegefamilien kann eine ausgesprochen gute Form der Integration sein - theoretisch, denn das Zusammenleben muss funktionieren.

"Mein Name ist Matin, ich bin Afghane, ich komme aus Afghanistan, aber im Iran groß geworden. Ich bin seit einem Jahr und einem Monat in Deutschland. Mein Plan, mein Ziel ist: ein Fußballprofi sein. In Zukunft."

Matin sitzt am Kaffeetisch zwischen seinen Pflegeeltern Silvia und Jürgen. Der 15-Jährige lebt seit dem Sommer in ihrem freundlichen hellen Einfamilienhaus in einem Kölner Vorort. Zuerst, als er nach Deutschland gekommen war, hatte man ihn mit anderen Flüchtlingen in einem Wohnheim untergebracht. Nach einem Dreivierteljahr konnte der Pflegekinderdienst der Stadt den Jungen schließlich in sein neues Zuhause vermitteln. Ein Glück, meint Matin.

"Ich war immer im Iran beim Familie, ich kann nicht allein leben, Familie ist besser für mich. Ich finde es so besser."

Dass er alleine nach Deutschland gekommen ist, war so nicht geplant. Seine ganze Familie hatte sich auf den Weg gemacht, denn im Iran werden Afghanen, sogar wenn sie schiitischen Glaubens sind, diskriminiert, misshandelt und ausgebeutet. Die Flucht in eine bessere Zukunft endete, als die Familie an der türkischen Grenze in bewaffnete Auseinandersetzungen geriet und Matin von seinen Eltern und Geschwistern getrennt wurde.

Seitdem hat der 15-Jährige nichts mehr von ihnen gehört. Was der Junge durchgemacht hat und immer noch durchmacht, kann man nur ahnen. Als ob er schon ewig hier zu Hause wäre, bringt der Teenager, dem immer wieder sein Seitenpony ins Gesicht fällt, die Kanne mit dem frisch aufgegossenen Kaffee aus der Küche ins Wohnzimmer und versäumt auch nicht, mit Blick auf seinen gepackten Rucksack zu murmeln, dass er aber bald zum Fußballtraining müsse.

"Ich würde sagen, wir sind jetzt so im Alltag angekommen."

Sagt auch Jürgen, Matins Pflegevater.

"Also, Matin kam zu uns und ist 14 Tage später 15 Jahre alt geworden, und wir hatten keine Vorgeschichte, und anfänglich war es ein Gewöhnen aneinander, ein Austesten, ein Probieren: Wie reagiert der andere? Ein Kennenlernen. Und mittlerweile ist es mehr und mehr Alltag, und wir führen Diskussionen über Handynutzung, über einen Handyvertrag und einen Festnetzanschluss und, und, und, also solche Sachen, das ist mehr und mehr Normalität."

Sie hätten etwas von ihrem guten und auskömmlichen Leben weitergeben wollen, sagt Jürgen, und deshalb beschlossen, den Appellen der Stadt zu folgen und einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufzunehmen. Eine Herausforderung ist das nicht nur, weil gerade am Anfang mit Schule und Sportverein und den Ämtern unglaublich viel zu organisieren und zu regeln war.

Es galt auch, vom Paardasein in den Familienmodus zu wechseln, und während Jürgen immerhin schon einen erwachsenen Sohn hat, ist für Silvia die Sorge für ein Kind eine völlig neue Erfahrung. Immer wieder auch heißt es Brücken zu schlagen von dem, was man selber normal findet zu der Welt, die den Pflegesohn geprägt hat.

"Anfänglich haben wir darüber gesprochen, wann Matin ins Bett gehen sollte. Was ist angemessen für einen 14,-15-Jährigen? Und dann haben wir gedacht, na ja, zehn Uhr muss er zu Hause sein, muss er so langsam zur Ruhe kommen. Und dann hören wir seine Geschichte, wo er sagt: Mensch, ich habe im Iran auf dem Bau gearbeitet bis sechs Uhr abends, dann hatte ich eine kleine Pause, und dann habe ich wieder auf dem Nachtbasar gearbeitet, bis Mitternacht, manchmal auch bis ein oder zwei Uhr und bin dann nach Hause gekommen.

Und so jemandem zu erklären, dass er auf einmal um zehn Uhr zu Hause sein muss, wo er früher erst dann zur Arbeit aufgebrochen ist, das ist natürlich dann ein Gesprächsthema. Es gab dann ganz oft die Situation, dass Matin sich fertig gemacht hat, um irgendwie Freunde zu besuchen und aus dem Haus gehen wollte. Und meine erste Frage ist dann: wann kommst du zurück? Und was sagst du dann? Ich hab' keine Ahnung. Ich hab' gar keine Ahnung, wann bin ich zurück."

Immerhin zeigt der Pflegesohn sich bereit, seinen Gasteltern entgegen zu kommen. Und ein bisschen scheint er sich sogar zu freuen, dass sich da jemand um ihn sorgt.

"Wieder wie ein Kind sein. Das muss ich sein. Das ist nicht so einfach, aber ich versuche zu sein. Pünktlich zu Hause zu sein."

Es ist viel Zuneigung spürbar zwischen Matin und seinen Pflegeeltern. Vor dem Interview legt Silvia dem Jungen ermutigend den Arm um die Schultern. Und als am Kaffeetisch die Rede auf Jürgens bevorstehenden Geburtstag kommt, berührt Matin seinen Pflegevater liebevoll am Bein.

"In drei Wochen ist dein Geburtstag, ist Jürgens Geburtstag, und wir kaufen etwas für Jürgen … Silvia lacht und macht "Pssst!" Matin: '… eine Überraschung, ja …'"

"Er wollte hier sein Leben neu beginnen"

So ein herzliches Einvernehmen entwickelt sich allerdings nicht immer zwischen einer Gastfamilie und dem aufgenommenen Flüchtling. Gabriele hat nach zwei Monaten des Zusammenlebens mit ihrem Pflegesohn das gemeinsame Projekt wieder beendet.

Ihr ernüchtertes Fazit:

"Ich habe versucht, über Gemeinschaftsaktionen, wir haben Fahrradtouren gemacht, wir haben zusammen gegessen, zusammen Fußball geguckt. Ich habe versucht, ihn kennen zu lernen, aber ich bin daran gescheitert, weil, es war mein Interesse und nicht sein Interesse. Er wollte hier sein Leben neu beginnen, und das, was ihm dazu verhalf, hat er genommen, aber dazu gehörte nicht, eine persönliche Beziehung aufzubauen in der Wohnung, in der er lebte. Und das geht auf Dauer nicht."

Eigentlich hatte sich die Redakteurin, selbst Mutter von drei erwachsenen Kindern und langjährige Gastmutter von Sprachschülern, ganz gut auf ihren Pflegesohn, einen 17-jährigen Afghanen aus dem Iran, vorbereitet. Nachdem sie der Stadt angeboten hatte, einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufzunehmen, war sie vom Pflegekinderdienst zunächst schriftlich und dann in einem persönlichen Gespräch zu ihrer Motivation und ihrem Hintergrund befragt worden.

Dann gab es ein ganzes Wochenende zum Kennenlernen des jungen Mannes, von dem die Vermittler meinten, dass er gut als neues Familienmitglied in den Haushalt passen könnte. Aber dann traten schnell Irritationen auf. Der 17-Jährige verbrachte tagsüber die meiste Zeit in seinem Zimmer, er blieb einfach über Nacht weg, was natürlich auch Probleme mit dem Jugendschutz brachte. Sehr enttäuscht war der junge Mann, dass er nur einen Platz auf dem Berufskolleg bekam.

Sein Wunsch war es, ein Gymnasium zu besuchen und parallel bei einem Bundesligaverein eine Profifußballerkarriere einzuschlagen, ohne allerdings für beides schon die nötigen Voraussetzungen mitzubringen. Der junge Mann mochte nicht einsehen, dass auch diese Gesellschaft Grenzen hat und vieles nicht umsetzbar ist. Und dass das manchmal schon im Kleinen beginnt.

"Ich war den ganzen Tag im Büro zum Beispiel einmal und kam am Abend nach Hause und einige Möbel aus meinem Arbeitszimmer waren weg. Die hatte er in meiner Abwesenheit hatte er Möbel getauscht. Er hat Möbel, die ihm gefielen, in sein Zimmer gestellt und Möbel, die ihm dort nicht gefielen, in mein Arbeitszimmer zurück gestellt. Das war natürlich etwas, was mich extrem verärgert hat. Ich merkte aber, dass er nicht wirklich begreift, warum mich das verärgert."

Waren die unterschiedlichen Kulturen Grund für die Schwierigkeiten, oder hatte der junge Mann zusätzlich persönliche Probleme? Gemeinsame Gespräche mit einer iranischen Freundin und anderen aus Gabrieles Freundeskreis halfen nicht weiter. Vermittlungsversuche durch das Amt scheiterten. Zwar seien die Mitarbeiter des Pflegekinderdienstes kompetent und engagiert, lobt Gabriele, aber mit der Unterstützung im Alltag sei ein Erziehungsverein betraut gewesen, der die Kluft zwischen Gastmutter und Pflegesohn eher noch vergrößert habe, da er im Wesentlichen getrennte Gespräche führte und wenig vermittelnd war. Irgendwann stellte sich auch heraus, dass das Heim den jungen Mann nicht besonders realistisch beschrieben hatte.

"Die Beschreibung von meinem Pflegesohn war, dass er sehr motiviert ist, dass er sehr interessiert ist an einer Familie, dass er deutsches Leben kennen lernen will, dass er offen ist, dass er lernbegierig ist. und das stimmte nicht überein mit dem, was ich erlebt habe. Und das Heim hat mir das später auch bestätigt, dass er ein Einzelgänger eher ist, der lieber seine Zeit allein in seinem Zimmer verbringt und dass es auch sehr schwierig ist; Konflikte mit ihm zu regeln. Dass sein Konfliktverhalten eher das ist, dass er was auf die Erde schmeißt, für zwei Tage verschwindet und das Gespräch einstellt."
 
Dass das Zusammenleben mit dem jungen Flüchtling gescheitert ist, geht Gabriele noch immer nach. Vielleicht müssten doch beide Seiten intensiver und realistischer auf die Kultur des jeweils anderen vorbereitet werden, sagt sie. Und macht sich Sorgen, was wohl all die Frustrationen mit einem jungen Mann machen, den sie als so wenig selbstkritisch erlebt hat.

"Also, als es zu diesem Abbruch kam, habe ich persönlich erstmal mit dem Jugendlichen und mit der Gastmutter gesprochen, dass wir dann klar gestellt haben: So, das funktioniert nicht, es sind verschiedene Erwartungen, und die kann die Gastmutter nicht erfüllen, die muss sie auch nicht erfüllen, weil deine Erwartungen unrealistisch sind, das haben wir so mit ihm besprochen."

Scheitern als Ausnahme 

Erzählt Fitore Körpinar vom Pflegekinderdienst der Stadt Köln. Die Sozialarbeiterin hat gemeinsam mit ihren Kollegen im Verlaufe des vergangenen Jahres 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Gastfamilien vermittelt und auch schon in der einen oder anderen Krise vermittelt. Ein Scheitern wie bei Gabriele und ihrem Pflegesohn sei aber eher die Ausnahme.

"Seine Sicht ist, dass er gerne wieder in eine Gastfamilie möchte, weil er aus seiner Sicht geeignet dafür wäre und dass es an der Gastmutter gelegen hätte. Das ist so seine Vorstellung. Und mit so einem Jugendlichen kann man das natürlich weitgehend nachbearbeiten, aber aus meiner Sicht ist er nicht geeignet für eine Familie, und wir werden ihn auch nicht weiter an eine Gastfamilie vermitteln." 

Grundsätzlich sei der Ansatz, unbegleitete jugendliche Flüchtlinge in Familien unterzubringen, eine großartige Idee, finden die Fachleute von Pflegekinderdienst, die noch nach weiteren aufnahmebereiten Menschen suchen.

"Ich denke, zum einen ist die Beziehung zwischen den Gastfamilien und den Gastkindern, gegebenfalls auch mit den eigenen Kindern, die im Haushalt leben, viel enger, es ist ein viel engerer Rahmen als es in der Einrichtung wäre. Ich denke, da ist die Betreuung einfach viel näher, und ich denke, durch Beziehung kann sich die Integration natürlich auch viel besser entwickeln."
 
Sagt Fitore Körpinar und betont, dass diese besondere Form der Integration in den meisten Fällen ganz gut funktioniere: Allerdings sei der Anfang vor rund einem Jahr holprig gewesen, da man nicht gleich Schulplätze für die Jugendlichen bereitstellen konnte, was besonders diejenigen frustriert habe, die in ihrer Heimat bisher keine Gelegenheit hatten, sich Bildung anzueignen. Auch habe man die Erfahrung gemacht, dass eher die jüngeren Flüchtlinge gut in die Familien passen.

"Und wirklich 17-Jährige ist doch eher schwierig, für sie selber auch, dass sie sich auf diesen engen Rahmen der Familie einlassen können. Das ist etwas, was wir mehr überprüfen werden in Zukunft, dass wir gucken: Eignet er sich wirklich, dass wir viel mehr Gespräche haben werden mit dem Jugendlichen, um das herauszukristallisieren." 

Auch Jugendliche mit einer spürbaren Traumatisierung sollen nicht in Familien vermittelt werden. Die meisten jungen Flüchtlinge haben ihr Leid aber ohnehin erst einmal verdrängt und wollen sich auch auf keine Therapien einlassen, stellt Sven Stenner-Borghoff, Gruppenleiter im  Pflegekinderdienst fest.

"Das heißt dementsprechend möchten sie auch nicht darüber reden und man kann sie am besten über ein sportliches Angebot aktivieren und beschäftigen und dann doch am Ende möglicherweise, so ist unser Wunsch, auch mit diesen Themen einfach konfrontieren oder auch eben da Dinge abarbeiten." 

Worüber im Vorfeld einer Vermittlung in eine Gastfamilie aber sehr wohl gesprochen wird, ist, wie man in deutschen Familien miteinander umgeht und welche Rechte Frauen und Männer gleichermaßen haben. Fast noch wichtiger ist es aber aus Sicht des Pflegekinderdienstes, den jungen Flüchtlingen die Illusion zu nehmen, die deutschen Familien seien so reich, dass sie auch die Angehörigen ihrer Gäste in deren Herkunftsländern unterstützen könnten. Sven Stenner-Borghoff spricht von einem schweren Auftrag, mit dem viele Menschen aus Syríen, Afghanistan oder anderen Fluchtländern hierher kommen.

"Dort hat man sehr viel Geld aufgebracht, um diese Jugendlichen mit dem sogenannten Schlepper bis nach Europa, nach Deutschland bringen zu können - mit auch bestimmten Bildern vom goldenen Westen, die der Realität leider überhaupt nicht entsprechen. Dementsprechend ist das Bild in einer Familie auch noch mal zu klären und das so gut es geht im Vorhinein." 

Auch der Pflegesohn von Ulrike und Wolfgang ist mit dem Auftrag aus seiner Heimat aufgebrochen, seine Familie möglichst bald unterstützen zu können. Kaum vorstellbar, was der damals 14-Jährige für Kraft und Mut aufbringen musste, um den langen und beschwerlichen Weg nach Europa zu bewältigen. Ulrike erzählt:

"Der 'M', sagen wir jetzt mal, der ist an seinem 17. Geburtstag zu uns gekommen, war vorher zwei Jahre unterwegs aus Guinea in Westafrika. ja, war unterwegs, ist dann in Marokko über den Zaun bei Melilla geklettert, mit sieben Versuchen, das hat ungefähr ein Dreivierteljahr gedauert, und beim siebten Mal hats dann geklappt. Und ist dann weiter mit Bus und zu Fuß bis Köln gekommen, wollte eigentlich noch ein bisschen weiter, wurde dann aber in Köln von der Polizei aufgehalten und in ein Jugendwohnheim gebracht. Und da haben wir ihn dann ein Jahr später abgeholt." 

Große Unterschiede in Kultur und Bildung

Selbst mag M nicht mit Medienvertretern sprechen. Ohnehin müssen die jungen Flüchtlinge dafür eine Erlaubnis ihrer Vormünder einholen, die diese in den meisten Fällen nicht geben. So muss Ulrike aus ihrer Sicht erzählen, wie sich ihr Pflegesohn nach einem halben Jahr in den gemeinsamen Haushalt mit ihr, ihrem Mann und dessen 20-jährigem Sohn eingefunden hat:

"Unser Junge ist sehr verschlossen, sehr zurückhaltend, nimmt auch jetzt nicht so ganz aktiv am Familienleben teil, er bemüht sich darum, das glauben wir schon. Es ist aber nicht so, dass wir die Arme ausbreiten und er springt da fröhlich rein - und dankbar. Das heißt, auf emotionaler Ebene ist es das vielleicht nicht, diese große Bereicherung, wie man sich das gedacht hat , sondern es ist eher eine Horizonterweiterung, zu sehen, was das bedeutet, wenn jemand aus einem ganz anderen Land, das sehr arm ist, das ganz wenig Perspektiven bietet für junge Leute oder überhaupt, in eine ganz neue Welt kommt."

Ulrike und Wolfgang haben inzwischen gelernt, ihren Pflegesohn so zu akzeptieren, wie er ist. Sie lassen ihm die Rückzugs- und Freiräume, die er braucht. Und bauen ihm dabei doch immer wieder Brücken – in ein Praktikum bei einem befreundeten Oldtimer-Restaurator zum Beispiel, wo er neben dem Hauptschulbesuch schon mal ein Berufsfeld kennen lernen konnte. Und auch in ihr Familienleben mit all der Herzlichkeit und Verbindlichkeit, die da herrschen.

"Mit dem 20-Jährigen versteht er sich gut und kann auch mit dem viel offener und lockerer reden als mit uns, also, das ist eben auch so eine Geschichte, dass man in manchen afrikanischen Gesellschaften zu den Elternfiguren, sag' ich mal, aufschaut, oder bzw. die Eltern gelten als Autoritätspersonen und werden z.B. nicht offen angeschaut. Also, er schaut uns…inzwischen geht es, weil wir gesagt haben: Du darfst uns in die Augen gucken. Das ist nicht schlimm. Es ist sogar gut hier, das macht man so. Inzwischen kann er es.  Er konnte es nicht. Er hat uns nicht angeguckt beim Sprechen ganz oft." 

Inzwischen grüße M. seine Wohngenossen, er helfe auch nicht weniger als der andere Sohn im Haushalt und sei ihr und ihrem Mann gegenüber ein bisschen offener geworden, freut sich Ulrike. Neulich habe er ihr sogar anvertraut, wie es ihn belaste, dass er seine Eltern und die drei jüngeren Geschwister nicht unterstützen könne.

"Als er sagte: Ich kann meinen Eltern heute noch nicht helfen. Da hab ich aber gesagt: Mit dem, was du schon gemacht hast, diesen ganzen Weg auf dich genommen hast. Und du bist ja weg gegangen, damit entlastest du sie ja offensichtlich schon. Du machst also ganz viel, also gräm dich nicht, was das angeht!"
 
Ob Ulrikes Pflegesohn allerdings in Deutschland wird bleiben können, ist unsicher. Und ob seine Anstrengungen ausreichen, einen Schulabschluss zu erreichen und einen Ausbildungsplatz zu bekommen, steht ebenfalls noch in den Sternen.

"Er bemüht sich sehr, und von daher sehe ich ihn auf einem guten Wege. Ob das für ihn selbst eine gute Idee gewesen ist, wenn man das überhaupt so formulieren kann, hier hin zu kommen und hier sein Glück zu versuchen, weiß ich bei den großen Unterschieden in Bildung und Kultur nicht so genau. Es wird schwer, ich würde sagen: Es wird schwer, aber er kann das schaffen. Den Willen dazu hat er, jetzt muss er vielleicht noch ein bisschen seinen Horizont erweitern, was man hier alles tun muss, um sich zu integrieren. Dann könnte das klappen. Vielleicht geht er auch wieder zurück." 

Matin, der bei Silvia und Jürgen lebt, hatte im Iran ebenfalls kaum Gelegenheit, zur Schule zu gehen. Der 15-Jährige besucht jetzt die Realschule. Und während Jürgen und Silvia mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes nach dem Schicksal seiner Familie forschen lassen, überlegt die Pflegemutter, welchen Beruf sich Matins leibliche Eltern wohl für ihn wünschen würden, falls es mit der Fußballerkarriere nicht klappen sollte. Und wie weit sie als Pflegeeltern überhaupt in Matins Leben eingreifen dürfen, um eigene Werte zu vermitteln.

"Es ist so, dass Matin von uns sagt, dass wir furchtbar viel lesen, klar, hier liegt immer 'ne Zeitung, und Matin mag nicht gerne lesen und wahrscheinlich auch der überwiegende Teil seiner gleichaltrigen Kollegen, egal, woher sie kommen. Und ist das jetzt etwas, in welche Richtung man sie drängen möchte oder nicht? Oder im Urlaub das Beispiel Museum.

Matin hatte keine Lust, mit ins Museum zu gehen. Wie würde man mit einem eigenen Sohn verfahren? Ich hab' da mit einer Freundin drüber gesprochen, die auch Kinder in dem Alter hat, die gesagt hat, ja klar, einmal müssen sie mit! Und da bin ich dann einfach noch nicht so konsequent, zu sagen: Das stülpe ich ihm jetzt komplett über. Aber: kommt noch, Matin! (beide lachen) Je normaler das Leben hier wird …"

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